Vier Stunden anstehen vor der Urne

Tausende Schweizer Auslandstürken warteten gestern in Oerlikon darauf, für ihre Heimat einen Präsidenten zu wählen.

Anstehen für den Wahlzettel: Für die Schweizer Auslandstürken geht es nur zentimeterweise in Richtung Urne. Fotos: Urs Jaudas

Anstehen für den Wahlzettel: Für die Schweizer Auslandstürken geht es nur zentimeterweise in Richtung Urne. Fotos: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Um 08.02 Uhr fährt der dunkle VW-Kastenwagen mit dem diplomatischen Nummernschild vor. Je zwei Männer sind nötig, um die sieben orangen Säcke mit den Wahlzetteln aus dem Kofferraum zu hieven. «Diplomatik Pouch Republik Türkei» prangt in schwarzen Lettern darauf. Seit Freitag hat sich das türkische Konsulat für fünf Tage in einer der Messehallen in Zürich-Oerlikon eingemietet, um den rund 96'000 stimm­berechtigten Schweizer Auslandstürken den vorgezogenen Urnengang zu ermöglichen. Am 24. Juni stehen in ihrer Heimat die von Recep Tayyip Erdogan frühzeitig einberufenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Und es kommen Massen: Am Freitag wählten 5200 Personen, am Samstag 6100, und gestern dürften es nochmals mehr gewesen sein.

Zwei Stunden vor Einlass fährt bereits der erste Car mit 50 Wählern aus dem sanktgallischen Wattwil vor. Bei den Abschrankungen angekommen, knipst eine Schar Jugendliche zuerst ein paar Selfies, während ihre Eltern und Verwandten die Essenspläne besprechen. «In meiner Heimat gibt es viele ökonomische und politische Schwierigkeiten. Deshalb wünsche ich mir Veränderung», sagt Halit, der seine Stimme nicht dem amtierenden Präsidenten Erdogan geben wird. Anders sieht dies der Mitreisende Tunay: «Wenn ich die Entwicklung der Türkei anschaue, dann bin ich zufrieden und wünsche mir, dass Erdogan noch Jahre so weitermacht.» Die Kosten für die Carfahrt hat denn auch gleich dessen Regierungspartei AKP übernommen. Doch sponsern auch andere Parteien ihren potenziellen Wählern Busse oder organisieren Fahrgemeinschaften nach Zürich.

Während vor dem Eingang die Menschenschlange über den Vorplatz hinweg wächst, bereiten im Innern Wahlbeobachter die 14 Urnentische vor. Einer von ihnen ist Hakan Parlak, Mitglied der grössten Oppositionspartei CHP. Gemeinsam mit zwei türkischen Beamten und je einer Vertretung aus Erdogans AKP und der nationalistischen MHP betreut er den Wahltisch Nummer sieben. Die Beobachter stammen aus den drei Parteien, da diese derzeit im Parlament die meisten Stimmen halten. Die anderen Parteien – unter anderem die prokurdische HDP – lassen ihre Vertreter derweil im Saal zirkulieren.

Hakan Parlak und eine Wahlbeobachterin: «Wir respektieren einander.»

Parlak hat sich mit einem Schulungsvideo auf seinen Tagesjob vorbereitet. Erste Erkenntnis: Neutralität wahren. «So dürfen wir beispielsweise auf keinen der sechs Kandidaten zeigen, wenn wir den Wahlzettel aushändigen», sagt Parlak. Zweite Erkenntnis: Den Konkurrenzparteien auf die Finger schauen. «In der Türkei haben derzeit alle Parteien Angst, von den anderen über den Tisch gezogen zu werden. Deshalb beobachten wir uns gegenseitig genauestens.»

Erdogans Propaganda-Brief

Kurz nach neun Uhr strömen die ersten Wähler in die Hallen. Unter ihnen ist die 27-jährige Derya, die mit ihren Eltern aus dem Zürcher Oberland angereist ist. «Meine Stimme soll ein Zeichen gegen Erdogan sein», sagt sie. Ihre Hoffnung auf Veränderung sei intakt, schliesslich habe der Präsident 2014 bloss einholbare 52 Prozent der Stimmen verbuchen können. Besonders befremdet hat Derya ein Propaganda-Brief des Präsidenten, der sie vor einer Woche erreicht hatte. Darin rühmte sich der Präsident selbst: «Ihr seht am besten, wie weit die Türkei in Sachen Demokratie gekommen ist», schreibt er. Woher hatte die AKP ihre Adresse?, fragte sich Derya, bevor sie den Brief im Altpapier entsorgte.

Im Wahllokal zwingt die stickige Luft den Beobachter Parlak, sein Jackett abzulegen. 67 Personen hat er in den ersten eineinhalb Stunden handschriftlich erfasst. Dann sind diese mit Stempel und Zettel, aber ohne Handy in die weisse Wahlbox verschwunden. Bereits gab es einen Zwischenfall, den die drei Beobachter des Tisches diskutieren mussten: Eine Frau mit schwerer Behinderung war nicht in der Lage, ohne Begleitung an die Urne zu gelangen. «Wir drei Parteivertreter und die Botschaftsmitglieder konnten uns darauf einigen, in diesem Fall eine gesetzliche Ausnahme zu bewilligen», sagt Parlak.

Symbolische Stimme

Die aus Rheinfelden angereiste Hatice und ihre Cousine müssen lachen, als sie realisieren, dass die Menschenschlange bereits um die Halle weitergezogen wird. Schätzung von Freunden, die es bereits geschafft haben: vier Stunden Wartezeit. «Doch um ‹ihn› loszuwerden, würde ich wohl Tage anstehen», sagt die 43-Jährige und nennt den Namen Erdogans bewusst nicht, um beim Anstehen keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Hatice wird ihre Stimme der prokurdischen HDP geben, auch wenn deren Frontmann Selahattin Demirtas seinen Wahlkampf aus dem Gefängnis heraus führen muss. «Mir ist bewusst, dass Demirtas’ Chancen schlecht stehen, doch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es in meinem Land künftig wieder Gleichberechtigung und eine Annäherung an Europa geben wird», sagt Hatice. Auch sei jede Stimme nötig, damit die Partei die 10-Prozent-Hürde knacke. Bei den letzten Wahlen gelang das mit 10,8 Prozent der Stimmen nur hauchdünn.

Am Mittag hat Hakan Parlak Pause und trinkt einen Saft in wenigen Schlucken leer: «Meine Hand ist verkrampft, wie damals in meiner Studentenzeit», sagt er. Doch bleibt er motiviert: «Ich sehe die säkulare Demokratie des Staatsgründers Attatürk in Gefahr», sagt er. Wenn ihn seine Kinder in 20 Jahren fragten, was er in dieser schwierigen Zeit ­gemacht habe, könne er wenigstens auf seinen heutigen Einsatz verweisen.

Erstellt: 17.06.2018, 23:59 Uhr

Artikel zum Thema

Schweiz will türkische Diplomaten verhaften

Sie versuchten, einen Geschäftsmann aus Zürich zu verschleppen. Nun läuft gegen Gani und Yerge ein Haftbefehl. Mehr...

Türkei-Wahlen sorgen für Riesenansturm in Zürich

Mehrere Tausend wahlberechtigte Türken stehen am Sonntag vor der Messehalle in Zürich-Oerlikon Schlange. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...