75 Millionen Franken für Zürcher Tagesschulen

Mittagessen und Betreuung: Was 6 Pilotschulen schon tun, soll auf 30 ausgeweitet werden. Das letzte Wort hat das Volk.

Bis 2025 sollen sämtliche Schulen der Stadt auf Tagesbetrieb umstellen: Mittagessen in einer Tagesschule. Foto: Franziska Rothenbühler

Bis 2025 sollen sämtliche Schulen der Stadt auf Tagesbetrieb umstellen: Mittagessen in einer Tagesschule. Foto: Franziska Rothenbühler

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Schulvorsteher Gerold Lauber hat gestern fast einhellige Zustimmung zur wichtigsten Vorlage seiner langen Politkarriere erhalten: Der Gemeinderat hat einem Millionenkredit für den zweiten Schritt des Projekts Tagesschule 2025 deutlich zugestimmt. «Sie stellen heute Weichen von historischer Dimension», sagte der CVP-Stadtrat. In einer kurzen Dankesrede an Lauber nannte Isabel Garcia von der GLP den Ausbau der Tagesschulen eine «Jahrhundertreform».

Vor dem Volk wird Lauber die Vorlage aber nur teilweise vertreten: Sie kommt am 10. Juni zur Abstimmung, am gleichen Tag übrigens wie die Erneuerungswahlen der Kreisschulbehörden stattfinden. Lauber wird seinen letzten Arbeitstag dreieinhalb Wochen zuvor haben.

Stimmt die Bevölkerung wie der Gemeinderat der Vorlage zu, kommen für die zweite Phase zu den bisherigen 6 Pilotschulen, die die Tagesschule schon eingeführt haben, 24 neue dazu. Bis ins Jahr 2022 sollen es 30 sein – dafür ist der 75-Millionen-Franken-Kredit. Bis 2025 soll das Modell auf alle 100 Schulen der Stadt ausgeweitet werden.

6 Franken für ein Mittagessen

In den Grundzügen sieht das Zürcher Tagesschulmodell Folgendes vor: Die Mittagspause wird von 110 auf 80 Minuten verkürzt, die Schulkinder erhalten für 6 Franken eine warme Mahlzeit und werden betreut. Die Schüler bleiben je nach Schulstufe einen bis vier Nachmittage in der Schule, an diesen Tagen bleiben sie zum Mittagessen dort. Eltern können ihre Kinder davon abmelden, wenn sie sie selber über den Mittag betreuen wollen. In der ersten Pilotphase haben Eltern nur gerade etwa 10 Prozent der 1400 Schülerinnen und Schüler abgemeldet.

Als Erfolgsmodell wurde das Pilotprojekt gestern von fast allen Seiten gelobt. Zurück geht es auf Motionen der SP und der FDP. Deshalb wurde es im Rat auch als letztes Projekt der ­«rosa-blauen» Koalition bezeichnet.

Für die FDP sichern die Tagesschulen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sie verlangen aber auch die «nötige Eigenverantwortung», wie Fraktionschef Michael Schmid sagte. «Das Hauptziel der FDP ist eine hohe Bildungs- und Betreuungsqualität bei weniger Kosten für Personal und Infrastruktur.» Für die SP stehen laut Jean-Daniel Strub die Bildungsgerechtigkeit und die guten Startchancen für alle Kinder und Jugendliche in der Stadt im Vordergrund. Die Grünen und die CVP betonten zusätzlich Aspekte wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Chancengerechtigkeit, die Tagesschulen bieten. Garcia von der GLP nannte das Modell des Schul- und Sportdepartements «bestechend einfach und bodenständig».

Bevormundung der Eltern

Kritik kam von der SVP und der AL – jedoch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die SVP forderte ein offeneres und freiwilliges Modell und nur maximal 20 Schulen für den zweiten Teil der Pilotphase. Die Kinder seien überfordert und gestresst im «Hamsterrad der Tagesschule», sagte Fraktionschef Martin Götzl. Das sei Schulpolitik auf dem Buckel der Kinder, es sei eine Bevormundung der Eltern. Der Antrag auf Reduktion wurde vom Rat klar abgelehnt.

Im Gegensatz zur SVP wollte die AL die Vorlage ausbauen. Ihr Vorschlag, für die Aufgabenhilfe zusätzliche 4,6 Millionen Franken zur Verfügung zu stellen, war erfolgreich – bis auf die SVP stimmten alle anderen Fraktionen zu. Rosa Maino von der AL forderte zudem, dass Eltern nicht fix 6 Franken pro Kind für ein Mittagessen bezahlen sollten, sondern dass der Betrag einkommensabhängig zwischen 4.50 und 12 Franken variieren sollte. Der Antrag wurde abgelehnt.

Knapp zugestimmt hat der Gemeinderat weiteren 2,2 Millionen Franken. Schulen ab der 5. Klasse sollen neu an vier und nicht nur an drei Nachmittagen unterrichten können. Das sei kindergerecht, weil so der Unterricht ausgewogen auf die Tage verteilt werden könne, fanden die drei linken Parteien SP, Grüne und AL.

Der Stadtrat hatte einen Kredit von 67,8 Millionen Franken beantragt, durch die beiden Abänderungsanträge hat sich dieser nun auf 74,6 Millionen erhöht. Davon werden knapp 22 Millionen Franken für bauliche und infrastrukturelle Anpassungen in den Schulhäusern eingesetzt.

Erstellt: 07.03.2018, 23:05 Uhr

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Im Nachgang zur Fukushima-Katastrophe hatte die Zürcher Bevölkerung den Atomausstieg auf das Jahr 2034 beschlossen. Wann die AKW in der Schweiz allerdings abgeschaltet werden müssen, ist offen.

Weil der Verkauf der Beteiligungen komplex ist und die Stadt keine eigenen Fachleute dafür hat, beantragte der Stadtrat 2,8 Millionen Franken für externe Beratung. Stadtrat Andres Türler (FDP) sagte, es gehe darum, den Volkswillen zu erfüllen. (zet)

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