Vom Zeitungsjungen zum Professor

«Tages-Anzeiger»-Meeting: Der US-Starautor Nicholas Lemann, der mit 17 als Lokaljournalist begonnen hatte, sprach im Schiffbau über den Strukturwandel in Medien und Wirtschaft.

Nicholas Lemann vor dem «Hexenjagd»-Bühnenbild im Schiffbau, am Tisch links Gastgeber Pietro Supino neben Christoph Blocher und Jacqueline Fehr. Foto: Thomas Egli

Nicholas Lemann vor dem «Hexenjagd»-Bühnenbild im Schiffbau, am Tisch links Gastgeber Pietro Supino neben Christoph Blocher und Jacqueline Fehr. Foto: Thomas Egli

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Das Bühnenbild in der Schiffbau-Halle stimmt: Blockhäuser, Kreuze, rundherum Wald. Im Schiffbau wird abends «Hexenjagd» von Arthur Miller, dem grossen amerikanischen Autor, gespielt. 300 Gäste sitzen am Mittag im kleinen Nest Salem, Massachusetts, im Jahr 1692. Es geht um Hexerei, Exorzismus, staatliche und religiöse Macht, ein wahres Stück US-Geschichte. Und vor dieser Kulisse – welch ein Zufall – referierte Nicholas Lemann über den Wandel der amerikanischen Geschichte – 300 Jahre später.

Das traditionelle Schiffbau-Meeting, zum dem Verleger Pietro Supino und Tamedia-Chef Christoph Tonini jedes Jahr Verlegerkollegen, Chefredaktoren im Dutzend, Werber, Wirtschaftsleute, Kulturschaffende, die plus/minus beschlussfähigen Regierungen von Stadt und Kanton einladen, begann so richtig amerikanisch. Der Verleger und der Professor duzten sich ungeniert. Pietro Supino nämlich ging vor zehn Jahren zu Lemann in die Lehre. Er liess sich vom grossen Meister an der berühmten Journalismusschule der Columbia University in New York einen Verlegerlehrgang massschneidern. «Von dieser Ausbildung zehre ich heute noch», sagte Supino.

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Wer ist dieser Nicholas Lemann, der so unamerikanisch bescheiden, leise und unauffällig wirkt? 1955 in New Orleans in eine Bücher liebende jüdische Familie geboren, drängte er bereits als 17-Jähriger in den Lokaljournalismus – und musste dabei die Zeitung auch gleich selber austragen, um seinen Lohn aufzubessern. Ein glänzender Studienabschluss in Harvard öffnete die Türen zu den grossen Blättern wie «Washington Post» und «New Yorker». 2003 holte ihn die Columbia-Universität. Lemann krempelte die Studiengänge für Journalisten um; sie mussten ab sofort auch Computeralgorithmen und Datenbankabfragen beherrschen.

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«Noch nie ist ein amerikanischer Verleger zu mir in die Lehre gekommen», begann Lemann seinen knapp einstündigen Vortrag. «Bei uns sind die Verleger viel selbstzufriedener», kein einziger habe bisher die Neugierde eines Pietro Supino gezeigt für neue Technologien, für den Wandel des Journalismus, für die Verbindung von journalistischem Handwerk und digitalen Technologien. Als Beispiel nannte Supino den Datenjournalismus, wie er beim «Tages-Anzeiger» beispielsweise im Datenblog praktiziert wird.

In der Schweiz gebe es sehr gute Ausbildungsstätten für Journalismus und hervorragende technische Hochschulen, sagte Supino. «Aber es fehlt an der Verknüpfung.» Er habe deshalb die Schaffung eines Lehrstuhl an der ETH oder noch besser eines Zentrums für Medientechnologie vorgeschlagen, getragen von der Medienbranche.

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Im Publikum hat der in Englisch gehaltene Vortrag nicht ganz die Begeisterung ausgelöst wie beispielsweise der smarte Auftritt von Bundesrat Alain Berset vor zwei Jahren, den schlicht alle gut fanden. Peter Studer, als ehemaliger Tagi- und Fernsehchefredaktor der Doyen der Schweizer Journalisten, sagt es so: «Lemann hat auf hohem akademischem Niveau gesprochen, aber sehr verständlich.» Der Journalismus habe solche Impulse, wie sie Lemann an der Columbia-­Universität vermittelt, «dringend nötig». Anders sieht das Alt-Bundesrat Christoph Blocher. «Lemann hat so ausgeglichen gesprochen, dass er bestimmt ein Demokrat sein muss.» Er, Blocher, habe BaZ-Chefredaktor Markus Somm jedenfalls geraten, «keine Journalisten an die Columbia-Uni zu schicken». Somm selber ist auch mit Lemanns Prognose zu den US-Wahlen nicht einverstanden: «Hillary Clinton hat keine Chance.»

Besonders angetan von Nicholas Lemann war Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), die in den USA geboren ist und fünf Jahre in Boston lebte. «Er hat mein Englisch gesprochen.» Besonders spannend fand Mauch die Schilderungen, wie die technische Entwicklung Leben und Gesellschaft verändert. Alt-Stadträtin Esther Maurer (SP), heute Leiterin von Solidar Suisse, war ebenfalls sehr positiv gestimmt. «Endlich hat einer nicht nur über Nachhaltigkeit gesprochen, sondern über den wirklichen Schlüsselfaktor, die Transformations­fähigkeit der Gesellschaft.»

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Wer von den Gästen etwas auf sich hielt, verzichtete während des Vortrags auf den Kopfhörer und die Simultanübersetzung. «Ich habe bestimmt 95 Prozent verstanden», sagte der grüne Stadtrat Daniel Leupi . «Und ich 94,6 Prozent», ergänzte Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti bescheiden, «er spricht ein sehr schönes Englisch.» CVP-National­rätin Barbara Schmid-Federer genoss es, «eine Stunde zurückzulehnen und die politische Stabilität der Schweiz wieder neu zu schätzen». SVP-Nationalratskollege Claudio Zanetti dagegen konstatierte: «Ich habe keinen einzigen frechen Input vernommen, aber wenigs­­tens konnte ich mein Englisch auffrischen.» Filmfestival-Leiterin Nadja Schildknecht und Werber Frank Bodin waren im intensiven Gespräch – über das Silicon Valley und den Einfluss der Technik auf die Gesellschaft.

Erstellt: 26.01.2016, 23:14 Uhr

Das TA-Meeting im Schiffbau.

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