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Von allen guten Geistern verlassen

In der reformierten Zürcher Kirchgemeinde zu Predigern herrscht Konsternation. Ein Streit mit der Pfarrerin hat die gesamte Kirchenpflege zum Rücktritt bewogen. Kommt jetzt ein Sachwalter?

Dreizehn Abgänge in sechs Jahren: Rednerpult in der Zürcher Predigerkirche. Foto: Doris Fanconi
Dreizehn Abgänge in sechs Jahren: Rednerpult in der Zürcher Predigerkirche. Foto: Doris Fanconi

Es war ein dramatischer Akt, doch für die Öffentlichkeit blieb er bis anhin verborgen: Die Kirchenpflege zu Predigern ist Ende August geschlossen zurückgetreten. Einige der sechs Kirchenpfleger gehörten jahrzehntelang zu dieser Behörde. Die Vizepräsidentin Regula Keller 27 Jahre lang, Lisbeth Rüegg 19 Jahre lang, davon siebeneinhalb Jahre als ­Präsidentin. Als Grund des abrupten Abgangs nennt sie «die angespannte Atmosphäre und die hohe Personalfluktuation». In den letzten sechs Jahren habe man 13 Abgänge von Mitarbeitenden verzeichnet, was eine grosse Belastung für die Kirchenpflege bedeute.

Das gegenseitige Vertrauen zwischen der Kirchenpflege und Pfarrerin Renate von Ballmoos sowie der Sozialarbeiterin und der Sigristin sei erschüttert, erklärt Rüegg. Selbst drei Mediationen nacheinander seien erfolglos verlaufen und hätten die Situation nicht verbessert. Mehr dürfe die Kirchenpflege nicht sagen, sagt Rüegg. Auch Pfarrerin Renate von Ballmoos, die im Mittelpunkt des Konflikts steht, will sich nach Absprache mit der Kirchenbehörde lieber nicht ausführlich zu der verfahrenen Situation äussern. Nur so viel: Es sei kein Konflikt der Kirchgemeinde, sondern ein Personalkonflikt. Und: Sie werde sicher an der Predigerkirche Pfarrerin bleiben.

Schamanistische Praktiken

Von Ballmoos, die bereits seit elf Jahren an der Predigerkirche tätig ist, war schon früher in die Schlagzeilen geraten: Als ausgebildete Schamanin bietet sie regelmässig solche Praktiken an. In der Kirche feiert sie Rituale wie das Erntedankfest oder den Ewigkeitssonntag. Die eigentlich schamanistischen Praktiken darf die Pfarrerin auf Weisung der Kirchenpflege nur im Pfarrhaus an der Schienhutgasse anbieten: Dazu gehören Trancereisen, Sing- und Trommelnächte, sogar «Begegnungen mit den Ahnen (-innen)» oder Kurse wie «Der Bär: Heilende Kraft erfahren» und «Visionen und Orakel für das neue Jahr». Man habe die Pfarrerin gewähren lassen, sagt Lisbeth Rüegg. Es sei auch nicht ihre esoterisch-schamanistische Ausrichtung gewesen, die zum Konflikt geführt habe.

Viel eher war es das aussergewöhnliche ökumenische Modell, das an der Kirche vor rund zehn Jahren eingeführt wurde und als vorbildlich galt: Neben der Pfarrerin wirkt an der traditionsreichen reformierten Altstadtkirche auch ein katholischer Seelsorger, angestellt vom katholischen Stadtverband. Vor drei Jahren wurde Meinrad Furrer – der aus dem Fernsehen von der Sendung «Wort zum Sonntag» her bekannte Laientheologe – auf diese Stelle berufen, ein Mann mit vielen eigenen Ideen. Es heisst, die Pfarrerin habe in ihm mehr und mehr einen Konkurrenten gesehen. Furrer sagt, es habe bald massive Spannungen mit von Ballmoos gegeben. Sie hätten das Heu nicht auf der gleichen Bühne und verschiedene Vorstellungen von gemeinsamer Entscheidungsfindung gehabt. Es seien auch Konflikte sichtbar geworden, die in die Zeit vor ihm zurückgingen. Jedenfalls beschloss Furrer zu kündigen und verliess Ende ­Januar die Kirchgemeinde.

Ein Hauptgrund des Zerwürfnisses war laut einer gut informierten Quelle der von Furrer eingeführte Gottesdienst am Sonntagnachmittag: eine neue Gottesdienstform in der Kirche unter dem Titel «Wort und Brot geteilt». Wobei der Laientheologe ganz bewusst eine Nachahmung der Messe vermied. Die Reaktionen fielen emotional aus. Die Pfarrerin soll viele Protestbriefe erhalten haben.

Es heisst, die Pfarrerin habe im Laientheologen Meinrad Furrer mehr und mehr einen Konkurrenten gesehen.

Auch in dem zur Kirchgemeinde gehörenden Haus zum Palmbaum am Rindermarkt versuchte Furrer, neuartige spirituelle Angebote zu machen. Mit dem Segen der Kirchenpflege. Und zusammen mit Schwester Ingrid Grave, die als Fernsehnonne der «Sternstunden» bekannt wurde und mit Furrer ehrenamtlich die Veranstaltung «Last supper» leitete: «Es war ein wunderbares spirituelles Gefäss, wo jeweils verschiedene Leute am festlich gedeckten Tisch zu einem bestimmten Thema eine Tischrede hielten», sagt Grave.

Nach dem Weggang von Furrer im ­Januar bat die Kirchenpflege ihn und Grave, die spirituellen Anlässe im Haus zum Palmbaum weiterzuführen. Doch dann intervenierte die Bezirkskirchenpflege und erklärte, es sei nicht passend, wenn dort ehemalige Angestellte der Kirchgemeinde weiter wirkten. So habe der Vorstand des Trägervereins «Haus zum Palmbaum» entschieden, sich zurückzuziehen. Das spirituelle Angebot läuft jetzt unter dem Namen «Soultable» privat weiter.

Keine Nachfolger in Sicht

Der damalige Streit hat wohl im jetzigen Rücktritt der Kirchenpflege nachgewirkt. Inzwischen wurde Furrers Stelle vorübergehend mit dem Pastoralassistenten Andreas Beerli besetzt. Auf Ostern hin wird die Stelle neu ausgeschrieben. Die Kirchenpflege ihrerseits soll am 22. Oktober von der Kirchgemeindeversammlung neu bestellt werden. Rüegg hält es jedoch für fraglich, ob man überhaupt Leute dafür finde. Wenn nicht, würde ein Sachwalter die Geschäfte übernehmen. Gemäss von Ballmoos stehen bisher zwei Kandidaten zur Verfügung.

Die neue Kirchenpflege würde eh nur bis Ende 2018 im Amt bleiben. Danach wird das neue Modell einer einzigen Kirchgemeinde in der Stadt Zürich realisiert. Die bisherigen 34 Kirchgemeinden der Stadt werden zu einer einzigen zusammengeführt. Danach gibt es bloss noch eine Kirchenpflege mit sieben Vertretern. Mit dieser Strukturreform aber habe der Rücktritt der Kirchenpflege nicht das Geringste zu tun, beteuert Lisbeth Rüegg.

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