Von der Josef- zur Mariastrasse

Seit letzter Nacht sind einige Zürcher Strassennamen weiblicher geworden – zumindest auf Zeit. Es ist nicht die einzige Aktion, die am heutigen Frauenkampftag stattfindet.

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Es gibt in Zürich zwar eine Josef-, aber keine Mariastrasse. Die Verbindung zwischen Sihlfeld- und Hohlstrasse ist nach Erismann benannt, und auch der einstige Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, Ulrich Wille, hat seine eigene Strasse.

Von den 447 Strassennamen, die in der Stadt Zürich an wichtige Personen erinnern, tragen lediglich 54 weibliche Namen. Eine von zehn Strassen ist also nach einer Frau benannt.

Frauen sichtbar machen

Wann, wenn nicht am heutigen Internationalen Frauentag, sollte man ein Zeichen gegen dieses Ungleichgewicht setzen? Das haben sich Aktivistinnen der Unia Zürich-Schaffhausen gesagt und in der Nacht auf Freitag hundert Schilder überklebt. Ihr Motto: Frauen sollen im Frauenjahr 2019 sichtbar gemacht werden.

So heisst der Thomasweg in Aussersihl heute Taminique-Weg – wie Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht und das Model Tamy Glauser als Paar jeweils genannt werden. Die General-Wille-Strasse heisst Königin-Corine-Strasse. Die Gottfried-Keller-Strasse am Stadelhofen heisst neu Gülsha-Adilji-Strasse, der Georg-Baumberger-Weg im Friesenberg heisst Gabi-Baumberger-Weg. Und auch Sophie Hunger hat heute ihren eigenen Weg. Doch es geht der Gewerkschaft auch darum, den Arbeitsalltag von Frauen zu zeigen.

Frauenalltag festgehalten

In der Stadt hängen heute zahlreiche rote Plakate mit Geschichten, die auf die Probleme der Frauen in Zürich an ihrem Arbeitsplatz hinweisen, und Frauen, die Ähnliches erleben, ermuntern sollen, gegen die Missstände anzukämpfen. Isabelle Lüthi von der Unia sagt: «Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz hat viel damit zu tun, dass wir Frauen sind.»

Da erzählt etwa Alexandra, die in der Hotelreinigung gearbeitet hatte, wie sie für den Erfolg der Firma ausgenutzt wurde. Sie hat dafür ihre Kinder und ihr Privatleben vernachlässigt, spürte aber keine Anerkennung und fühlte sich auch nicht respektiert.

Oder die Geschichte von Céline, die in einer Bäckerei gearbeitet hatte. Sie wurde wiederholt sexuell belästigt. Einmal wurde sie von einem Mitarbeiter aufgefordert, ihr einen Blowjob zu verpassen. Als Céline der Chefin das Vorkommnis meldete, riet sie ihr, dem Mitarbeiter doch den Gefallen zu machen, damit er Ruhe gebe. Darauf hat Céline gekündigt.

Sexuelle Belästigung, diskriminierende Löhne oder Arbeitszeiten, die sich kaum mit dem Privatleben vereinbaren lassen, betreffen laut Unia viele Frauen. Deshalb sagt Isabelle Lüthi: «Es ist wichtig, dass wir über diese Probleme sprechen, erst so können sich Arbeitsbedingungen verbessern.»

Die Stadtpolizei hat Kenntnis von der Aktion. Sie hat auch einige Personen kontrolliert und deren Personalien aufgenommen.

Vergleich mit Militärfahrzeug

Auch die Gruppierung F.I.S.T. (feministisches, internationalistisches, solidarisches Treffen) wirbt am heutigen Frauentag für ihre Anliegen. «Wir sind geboren, frei zu sein und werden kämpfen – bis alle frei sind!» ist einer ihrer Slogans. Sie prangert beispielsweise Feminizide an, Todesursache Nummer eins für Frauen. Es seien Morde des Patriarchats. «Im Kapitalismus wird ein Militärfahrzeug anzuzünden mehr bestraft, als eine Frau zu ermorden», schreiben sie. Also sei dem Kapitalismus ein Militärfahrzeug mehr wert als eine Frau.

Unia-Aktion: 12.15 Uhr, Bahnhof-Brücke. Mit Transparent und Ballonen

F.I.S.T.-Aktion: 12.30 Uhr, Fraumünster.

Frauenstreikbüro: 10 bis 18 Uhr, Parkplatz, Wasserwerkstrasse, im Würfel

Frauendemo, Samstag, 9. März, 14 Uhr, Hechtplatz.

Erstellt: 08.03.2019, 12:01 Uhr

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