Von der Sex- zur Fast-Food-Meile

Zwei weitere Traditionsbetriebe an der Langstrasse schrumpfen oder schliessen. Auftrieb haben vor allem die Foodketten der grossen Detailhandelsunternehmen.

Familienbetrieb ausgestochen: Langstrassen-Ikone Peter & Vreni verliert die Hälfte ihrer Fläche. Foto: Samuel Schalch

Familienbetrieb ausgestochen: Langstrassen-Ikone Peter & Vreni verliert die Hälfte ihrer Fläche. Foto: Samuel Schalch

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Er markiert den Beginn der Langstrasse: der schrumpelige gelbe Lederstiefel mit aufgerissenem Maul und gefletschten Zähnen von Peter & Vrenis Schuhladen. Seit 1973 verkauften Peter und Vreni Kramer hier Schuhwerk, später übernahm die Tochter. Jetzt verliert Michèle Zeller-Kramer die Hälfte der Fläche ihres Ladens. Der Mietvertrag des Ladens läuft nächsten Frühling aus, Zeller verhandelte mit dem Hausbesitzer und konnte irgendwann nicht mehr mit den Angeboten mithalten: «Als Familienbetrieb kann man solche Mietzinse, wie sie heute verlangt werden, nicht bezahlen», sagt Zeller. Sie ist froh, dass sie seit letztem April auf der gegenüberliegenden Strassenseite Fläche für einen Sneaker-Store dazumieten konnte. Zeller lässt sich nicht unterkriegen: «Auf den Frühling hin werden wir die verkleinerte Fläche für unsere Kunden umbauen und neu gestalten.»

Migros bezahlt das Doppelte

Ausgestochen wurde Michèle Zeller von einem Grossdetailhändler. Die Migros hat ein Baugesuch für den Umbau des Schuhladens in einen Gastronomiebetrieb eingereicht, geplant ist eine Filiale der zur Migros gehörenden thailändischen Foodkette Kaimug. Die Migros bezahlt angeblich das Doppelte an Miete.

Der Hausbesitzer, Theologe Georg Schmid, hat eine überraschende Erklärung für seinen Entscheid: Er sei ein altes Mitglied des Landesrings der Unabhängigen, der Partei von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, die inzwischen nicht mehr existiert. «Die Ideen von Duttweiler – sozial, aber doch liberal – unterstütze ich heute noch. Deswegen war das für mich eine gute Lösung», sagt er. Zudem sei früher schon ein Restaurant in dem Haus beheimatet gewesen, das passe gut. Er wollte das ganze Parterre neu vermieten. Auch die anarchistische Bibliothek Fermento, die seit Juni 2016 im Haus war, muss ihre Regale räumen. Ihr neuer Standort ist offen, die Anarchisten rufen zu Spenden auf.

«Es geht um Mietpreiserhöhungen, nicht etwa um Quartierbelebung.»Elena Marti, Gemeinderätin Grüne

Die grüne Gemeinderätin Elena Marti ist Mieterin einer der Wohnungen in derselben Liegenschaft – und seit längerem Mitglied der Einwohnerinitiative 5 im 5i, die sich seit 2015 gegen die schleichende Gentrifizierung des Kreises 5 und das Lädelisterben wehrt. «Die Langstrasse verkommt zu einer Party-, Fress- und Konsummeile. Für uns Quartierbewohner gibt es kaum mehr Läden, kulturelle Treffpunkte schwinden», sagt Marti. «Dabei geht es einzig und alleine um die Mietpreiserhöhungen, nicht etwa um Quartierbelebung.»

Auch in puncto Lärm – immer wieder Thema im Langstrassenquartier – würde es mit den neuen Foodfilialen nicht besser. «Wiederum wird ein Laden einziehen, der Alkohol und Fast Food verkauft und damit die entsprechenden Leute anziehen wird», sagt Marti.

Essen für Partyleute

In den vergangenen Jahren haben die Grossverteiler Migros und Coop ihr Angebot an der Langstrasse kontinuierlich ausgebaut. Zu den bereits bestehenden zwei Coop-Läden im unteren Teil der Langstrasse eröffnete der Grossverteiler in diesem Jahr im Kreis 5 eine Coop-to-go-Filiale. Die Migros ihrerseits betreibt seit 2015 im Kreis 4 einen Migrolino-Ableger. Neu hinzu kommen die genannte Kamigu-Box und am 15. Dezember zusätzlich das Poulet-Restaurant Chickeria an der Langstrasse 83.

Den Standort der beiden neuen Ableger hat die Migros nicht zuletzt aufgrund des stetig wachsenden Aufkommens an Nachtschwärmern im Quartier gewählt. «Wir wollen mit unseren Läden auch jene ansprechen, die ins Quartier kommen, um Party zu machen», sagt der Pressesprecher des Migros-Genossenschaftsbundes. Das zeigen auch die Öffnungszeiten der Chickeria: Der Take-away hat am Freitag und am Samstag jeweils bis 2 Uhr nachts geöffnet.

Hotel Rothaus geschlossen

Der Partylärm gab Anstoss für Veränderungen bei einer weiteren Langstrassen-Ikone: Das mehr als hundertjährige Hotel Rothaus hat derzeit geschlossen. «Das Treiben auf der Langstrasse hat von Jahr zu Jahr zugenommen», sagt Kathrin Sommerau, die das Hotel seit elf Jahren betreibt. Viele ihrer Gäste hätten sich wegen des Partylärms an der Kreuzung Militär-/Langstrasse vor ihrem Hotel beschwert.

«Das Treiben auf der Langstrasse hat von Jahr zu Jahr zugenommen.»Kathrin Sommerau, Betreiberin Rothaus

Sommerau denkt jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Den schwindenden kulturellen Treffpunkten an der Langstrasse möchte sie ein neues Konzept entgegenhalten. In Zusammenarbeit mit der ab 2018 erscheinenden Onlinezeitung «Republik», die sich derzeit in 13 der 42 Zimmern des Rothaus eingemietet hat, will sie der Langstrasse «inhaltlich etwas zurückgeben».

Hat derzeit geschlossen: Das mehr als hundertjährige Hotel Rothaus. Foto: Samuel Schalch

Es soll Co-Working-Spaces und kulturelle Anlässe geben. Ab Januar 2018 werden zudem junge Zürcher Gastronomen die Bar im Erdgeschoss bewirtschaften. Die Hotelzimmer sind nicht mehr über Plattformen wie Booking.com zu buchen, sondern nur noch per Mail und für eine Mindestmietdauer von einer Woche. «Es soll eine Art Begegnungszentrum geben», sagt Sommerau. Eines der letzten an der Langstrasse.

«Stadtzerstörende Sauerei»

Die Grünen der Stadt Zürich und der Verein 5 im 5i diskutieren eine Petition gegen die neue Thaifood-Filiale der Migros. Bereits im Frühling 2015 hatte sich ein Teil der Bewohnerschaft rund um das Langstrassenquartier in einem offenen Brief an die Stadt gewandt. Im Schreiben beklagten 112 Unterzeichnende «die massive Störung der Nachtruhe» und nannten die Umstände im Schreiben eine «stadtzerstörende Sauerei». Mehrere Befürworter des Nachtlebens lancierten als Gegenmassnahme eine Onlinepetition mit dem Titel «Langstrasse bleibt Langstrasse.» Mit mehreren Tausend Unterzeichnenden. Die Folge war ein von Sicherheitsvorsteher Richard Wolff initiierter runder Tisch und einem Massnahmenkatalog. Das Partyvolk hat dies aber nicht vertrieben.


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Erstellt: 01.12.2017, 22:16 Uhr

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