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So variieren die Aufnahmequoten der Zürcher Gymnasien

Neue Zahlen zeigen erstmals, wie stark sich die Erfolgsquoten bei der Aufnahmeprüfung unterscheiden. Das sind die Gründe.

Gute Vorbereitung: Wer Prüfungsstoff wie gut bewältigt, hängt stark vom Umfeld der Schülerinnen und Schüler ab. Foto: Keystone
Gute Vorbereitung: Wer Prüfungsstoff wie gut bewältigt, hängt stark vom Umfeld der Schülerinnen und Schüler ab. Foto: Keystone

Für über 8000 Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich geht die strenge Prüfungsvorbereitung dem Ende zu: Nach den Sportferien werden sie die Gymi-Prüfung ablegen. Die Tests sind an allen Schulen gleich, aber die Aufnahmequoten variieren stark, wie Zahlen der kantonalen Bildungsdirektion erstmals zeigen. Das ist brisant, weil die Schüler grundsätzlich wählen können, an welches Gymnasium sie sich anmelden.

Bei den Landgymnasien reichen die aktuellen Aufnahmequoten bei den Langgymis von 59,8 Prozent an der Kantonsschule Küsnacht bis zu 46,8 Prozent an der Winterthurer Kanti Rychenberg. In der Stadt Zürich selbst fallen die Unterschiede noch frappanter aus. Es gibt zwei Ausreisser: das Literargymnasium Rämibühl mit der höchsten Quote von 61 Prozent und die Kantonsschule Zürich-Nord. Dort schaffen nur 43,1 Prozent den Übertritt ans Gymi.

Dieser Befund überrascht, läuft er den Erwartungen doch diametral zuwider: Das Vorurteil vom überproportionalen Aussieben an den innerstädtischen Elite-Gymnasien bestätigt sich nicht, im Gegenteil.

Lassen diese Zahlen umgekehrt darauf schliessen, dass die Chance auf einen Gymi-Platz am Rämibühl, an der Hohen Promenade oder in Küsnacht sogar grösser ist als andernorts? «Vor 15 Jahren hätte ich ‹vielleicht› gesagt», sagt Martin Zimmermann, Rektor der Kantonsschule Uetikon am See und Präsident der Schulleiterkonferenz. «Aber heute haben wir die zentrale Aufnahmeprüfung, ein Werkzeug, das einheitliche Kriterien schafft.» Der Berner Bildungsforscher Stefan Wolter doppelt nach: «Das wäre nur möglich, wenn die Schulen eigenmächtig prüfen und ihre Schüler selbst auswählen könnten.» Prüfungsaufgaben und Notenschlüssel seien aber «weitestgehend» identisch, was verhindere, dass die Schulen die Aufnahmen steuern könnten.

Unterschiede bei Schülern

Die Differenz von 18 Prozentpunkten zwischen einzelnen Kantis führt Wolter auf die «schulischen Hintergründe» der Bewerber zurück: «Der IQ, der Bildungshintergrund der Eltern, die soziale Schicht, die Möglichkeit zur Förderung und Nachhilfeförderung sind unterschiedlich und beeinflussen die Quoten.»

In die gleiche Richtung zielt Niklaus Schatzmann, Chef des kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamtes. Der ehemalige Rektor des Gymnasiums Freudenberg begründet die Extremwerte mit den Einzugsgebieten: «Das Rämibühl hat traditionell Kinder von Eltern, die ihre Sprösslinge besser fördern und unterstützen können.» Während die Schüler in Zürich-Nord aus sozial schwächeren Schichten stammten, häufig mit Migrationshintergrund, denen nicht die gleichen Möglichkeiten zur Verfügung stünden.

Aber in Zürich ist nicht allein die Prüfung ausschlaggebend. Zur Hälfte zählt der Durchschnitt der Vornoten in Deutsch und Mathe beim Aufnahmeentscheid mit. Diese Erfahrungsnoten sind, zusammen mit dem Aufsatz, dessen Bewertung weniger objektiv ist als Mathe, die schwächsten Stellen im System. Hier kann feinjustiert und gesiebt werden. Es gibt Lehrpersonen an Primarschulen in der Stadt, die allen Schülern die Höchstnote 6 mitgeben – und gleichzeitig auf Elterngespräche verzichten.

Notenschnitt liegt über 5

Ein Blick in die Vornoten-Schnitte, den die Bildungsdirektion dem «Tages-Anzeiger» gewährt, zeigt indes weitgehende Ausgeglichenheit zwischen den Schulen; die Noten sind hoch. Die Erfahrungsnoten-Mittel 2018 reichen von 5,28 (Bülach) bis zur Note 5,42 (Kunst + Sport, Zürich). Kinder, die am Rämibühl oder der Hohen Promenade die Prüfung ablegen, haben also nicht eindeutig bessere Vornoten erhalten als andere.

Dass die Erfahrungsnote grundsätzlich einen Kanal für Druckversuche von Eltern eröffnet, stellt Bildungsforscher Stefan Wolter nicht in Abrede: «Die Alternative ohne Vornote ist aber auch ungerecht, weil dann die Tagesform der Prüflinge zu viel Gewicht bekommt.»

Dass Lehrpersonen geschönte Bewertungen verteilen sollen, hat auch Martin Zimmermann erfahren. Er bedauert den grossen Druck der Eltern auf die Lehrpersonen. Was indes die Benotung des Aufsatzes anbelange, so seien Kinder aus Akademikerfamilien «sprachlich einfach breiter aufgestellt» als solche aus bildungsfernen Familien. «Das tut mir leid. Aber wir können die Gerechtigkeit nicht in die Schule bringen, wenn sie ausserhalb nicht da ist.»

Gymnasien versuchen Austrittszahlen zu senken

Diese Ungerechtigkeit schlägt dann in der Probezeit ein zweites Mal zu. Zürich-Nord hält 2017/18 bei den Langgymis einmal mehr den Rekord mit einer Austrittsquote von 15,7 Prozent. Die Gründe sind laut einem 2017 veröffentlichten Bericht der Uni Zürich auch hier die soziale Durchmischung im Einzugsgebiet und der hohe Anteil Fremdsprachiger unter den Schülern.

Seit einigen Jahren versuchen die Gymnasien mit unterstützenden Massnahmen, die Austrittszahlen zu senken. Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) drohte bei ihrem Amtsantritt 2016 angesichts der hohen Austrittszahlen, die Schülerpauschalen zu kürzen. Einige Kantis standen im Verdacht, möglichst viele Schüler in die Probezeit aufzunehmen, um die Pauschalen abzukassieren, die sie auch nach deren Abgang behalten können. Eine damals in Auftrag gegebene Studie konnte den Vorwurf indes nicht erhärten.

Durch die Probezeit helfen

Die Episode hatte dennoch positive Effekte: Die Austrittszahlen sind sowohl an den Lang- als auch an den Kurzgymnasien gesunken. Um das Potenzial der leistungsstarken Kinder aus sozial schwachen Schichten besser auszuschöpfen, veranstalten viele Schulen Informationsabende für Schüler und deren Eltern. «Wir erklären, welche Herausforderungen am Gymi warten», sagt Andreas Niklaus, Rektor in Zürich-Nord. Zusätzlich werden während der Probezeit Coaching- und Aufgabenstunden sowie Stützunterricht angeboten. Im Sommer startet ein Projekt mit individuell angepassten Repetitionslektionen.

Mit viel Aufwand wird so versucht, die Talentiertesten im Gymnasium zu behalten, nicht die Privilegiertesten. Gleichzeitig wird an den Prüfungen tendenziell strenger geprüft. Ein mittelfristiges Ziel, weniger Kinder ins Gymnasium aufzunehmen, gebe es aber vonseiten der Bildungsdirektion nicht, sagt Niklaus Schatzmann vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt.

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