Von Wollishofen nach Tiefenbrunnen schippern

Das Projekt für eine regelmässige Fährverbindung zwischen linkem und rechtem Ufer hat wieder Auftrieb.

Nicht nur Touristen, auch Pendler sollen das Schiff wählen – und damit einen langen Umweg umgehen. Foto: Nicola Pitaro

Nicht nur Touristen, auch Pendler sollen das Schiff wählen – und damit einen langen Umweg umgehen. Foto: Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Zürcher sind keine Seefahrer. Ihren See nutzen sie nicht als staufreie Verkehrsfläche, sondern überlassen ihn den Touristenbooten und Freizeitkapitänen. Das kriegen vor allem jene zu spüren, die von Wollishofen ins Seefeld möchten oder umgekehrt. Es gibt keine Schiffsverbindung zwischen Zürichhorn/Bahnhof Tiefenbrunnen und Bahnhof Wollishofen/Landiwiese. Einzig während des Theater Spektakel ist diese 1,5 Kilometer lange Fahrt möglich, sonst gilt es den langen Umweg über das Bellevue oder den Hauptbahnhof hinter sich zu bringen. Die Limmatschiffe bedienen zwar Bürkliplatz, Hafen Enge und Casino Zürichhorn. Doch Wollis­hofen meiden sie. Man kann auch mit dem Kursschiff von Wollishofen nach Tiefenbrunnen – auf der kleinen Rundfahrt via Thalwil und Erlenbach.

Schiff muss velotauglich sein

Die Idee einer direkten Schiffsverbindung zwischen den Stadtkreisen 2 und 8 ist alt, und sie bewegt sich wie Ebbe und Flut – mal ist sie da, mal nicht. Jetzt ist wieder langsam steigende Flut. Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) hat das Tiefbauamt beauftragt, Möglichkeiten, Voraussetzungen und Folgen dieser Verbindung abzuklären. Das wird voraussichtlich nächstes Jahr stattfinden. Den Anstoss gab der Gemeinderat im letzten April, indem er diesen Schiffsweg im ­regionalen Richtplan eintrug. Die Bürgerlichen – inbegriffen die GLP – lehnten das aus Kostengründen ab, doch SP, Grüne und die Alternativen waren in der Mehrheit. Der Auftrag lautet: kurzfristig eine Fährverbindung zwischen Tiefenbrunnen und Wollishofen einzurichten, die als öffentliches Verkehrsmittel dient und auch Velos transportieren kann.

Das Anliegen wurde der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) als Partnerin im Zürcher Verkehrsverbund bereits mitgeteilt. Im Rahmen der Regionalen Verkehrskonferenz im Mai ersuchte der Gemeinderat um Prüfung einer solchen Querverbindung. Die Schifffahrtsgesellschaft wird das in den nächsten Monaten tun und wird wohl Ende Jahr mehr dazu sagen können. Dabei werden auch Erfahrungen und Abklärungen von früher verwertet.

2000 untersuchte eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der ZSG, der Zürcher Verkehrsbetriebe und des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) die Einführung einer Fährverbindung zwischen Wollishofen und Tiefenbrunnen. Das Ergebnis liess den ZVV aus dem Projekt aussteigen, weil sich die Nachfrage als zu gering erwies, um einen ausreichenden Kostendeckungsgrad zu erzielen. 2010 unternahm die CVP im Stadt- und im Kantonsparlament einen neuen Versuch. Sie versprach sich von einem Pendelschiff zwischen Wollishofen, Tiefenbrunnen und Stadelhofen eine attraktive Verknüpfung der drei S-Bahnhöfe und eine Verkehrsentlastung der Innenstadt. Zur Illustration des Anliegens verwies die CVP auf die Stadt Genf mit ähnlicher Topografie, die vier Pendelschiff-Linien hat. Doch das Postulat wurde im Kantonsrat abgelehnt und im Gemeinderat ernüchtert zurückgezogen.

Keine grosse Nachfrage

Der Regierungsrat lehnte das Postulat im November 2010 ab, gestützt auf die frühere Untersuchung der Arbeitsgruppe. Seine Begründung: Die Lage von Wollishofen und Tiefenbrunnen sei peripher, und in der Nähe der Schiffstege befänden sich kaum grössere Freizeit- und Einkaufseinrichtungen, welche eine Nachfrage generieren könnten. Was touristisch interessant sei, werde von den ZSG-Schiffen bereits bedient: Zürichhorn, Hafen Enge, Bürkliplatz.

Aber auch beim Pendlerverkehr sieht der Regierungsrat keine zusätzliche Nachfrage: «Das überregionale Nachfragepotenzial ist als äusserst bescheiden einzustufen.» Fahrgäste müssten von der S-Bahn aufs Boot und dann wieder auf die S-Bahn umsteigen, was ihre Reise deutlich verlängern würde. Von der Bahn zum Schiff wären es je etwa 500 Meter Fussweg. Der geringen Nachfrage stünden grosse Kosten gegenüber: drei zusätzliche Limmatschiffe, vier oder fünf zusätzliche Stellen.

Anders als die CVP damals verlangt der Zürcher Gemeinderat jetzt nur eine Verbindung Wollishofen–Tiefenbrunnen, keinen Ast zum Stadelhofen. Er weiss sich erstens vom Quartier Wollishofen getragen, das einst mit einer Petition und 2000 Unterschriften die Wiedereinführung der vor langer Zeit gestrichenen Schiffsverbindung forderte. Zweitens sieht das Leitbild für das Seebecken, das Stadt- und Regierungsrat beschlossen haben, diese Schiffsverbindung vor. Ihr Zweck im Leitbild ist, das rechte Seeufer zu entlasten und mehr Spaziergänger ans linke Ufer zu locken.

Erstellt: 02.08.2016, 23:50 Uhr

Artikel zum Thema

Der Traum von Zürichs unterirdischer Seilbahn

Per Seilbahn vom HB zum Rigiplatz: Was das Parlament nun im Richtplan eingetragen hat, war schon einmal geplant – im Zweiten Weltkrieg. Mehr...

Neue Seilbahnen über der Stadt Zürich

Alle Parteien ausser den Grünen finden: Innerstädtische Seilbahnen wären ein Gewinn für Zürich. Sie haben sich schon auf drei konkrete Projekte geeinigt. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog So optimieren Sie Ihre Altersvorsorge

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...