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«Vor allem kleine Läden haben nichts ‹vörig›»

Miranda Jenny führte einst vier Papeterien. Jetzt hat sie schweren Herzens die letzte liquidiert.

Als die Welt noch in Ordnung war, hatte sie 24 Angestellte: Miranda Jenny in ihrer Papeterie in Dietikon. Foto: Urs Jaudas
Als die Welt noch in Ordnung war, hatte sie 24 Angestellte: Miranda Jenny in ihrer Papeterie in Dietikon. Foto: Urs Jaudas

Es war ein Bild aus besseren Tagen, das den Ausschlag gab. Es fiel Miranda Jenny in die Hände, als sie am Weihnachtstag in ihrer Papeterie im Dietiker Zentrum den Jahresabschluss machte. Das Bild zeigte ein Betriebsfest vor etwa 20 Jahren. Lauter fröhliche Menschen und hinter ihnen Gestelle bis oben voll mit Schultheks, Bundesordnern, Fotoalben. «Das führte mir schlagartig vor Augen, wie viel sich in den letzten Jahren verändert hat», sagt die 63-Jährige. Sie beschloss, ihre Papeterie Ende Januar zu schliessen.

Es ist das Ende eines kleinen Unternehmens – und eines Traums. Jennys Laufbahn begann vor mehr als 40 Jahren in Lugano und führte über die renommierte Papeterie Fischer in Zürich, wo sie Filialleiterin war, nach Dietikon. Ihr war zu Ohren gekommen, dass dort die alteingesessene Papeterie Helbling zum Verkauf stehe. Sie griff zu. Das war vor 30 Jahren. Später kam die Papeterie Spörri in Schlieren, ebenfalls ein Traditionsgeschäft, dazu, dann der Leporello in Altstetten. «Gekauft und bezahlt», sagt sie trocken. Zudem eröffnete sie im Dietiker Löwenzentrum eine Filiale.

Die Erinnerung schmerzt

«Damals war ich mehr Unternehmerin als Papeteristin», sagt Jenny. Stolz erzählt sie, dass in ihren Papeterien etwa 50 junge Frauen die Lehre gemacht haben. Sie sitzt an einem Tisch in ihrer Papeterie, an deren Schaufenster gross «Totalliquidation» steht. Die Erinnerung schmerzt und freut sie zugleich. Miranda Jenny ist eigentlich eine temperamentvolle, entscheidungsfreudige Frau. Im Moment fühlt sie sich aber nur müde und matt.

Sie holt eine Kartonschachtel hervor, in der sie die Briefe sammelt, die ihr Kundinnen und Kunden geschickt haben, nachdem bekannt wurde, dass sie das Geschäft aufgibt.

«Liebe Frau Jenny, mit einem kleinen Blumengesteck möchte ich Ihnen ganz herzlich danken für Ihre jahrzehntelange freundschaftliche und kompetente Betreuung und Beratung. Auf alle noch so ausgefallenen Wünsche sind Sie geduldig eingegangen – keine Extrabestellung war Ihnen zu viel!»

Sie erhält keine Maximalrente, obwohl sie immer voll gearbeitet hat. Ihr Einkommen war zu tief.

Sie schnäuzt die Nase, trocknet die Tränen und sagt: «Solche Reaktionen sehe ich nun als meinen Lohn. Sie trösten mich.»

Damals, als die Geschäftswelt für sie noch in Ordnung war, hatte sie 24 Angestellte. «Wir waren ein richtig guter Frauenbetrieb, der ohne aufwendigen Dienstplan funktioniert hat.» Alles habe Platz darin gehabt: Teilzeitarbeit, die Pflege der betagten Eltern, das kurzfristige Fehlen, wenn ein Kind krank war. «Jede sprang für jede ein, wenn es nötig war.»

Es begann vor etwa 15 Jahren. Grosskunden sprangen ab. Verwaltungen, Schulen, Banken bestellten ihre Waren nicht mehr in den örtlichen Papeterien, sondern online. Auch habe der Qualitätsanspruch an Schreibwaren grundsätzlich abgenommen. Der Umsatz sank, die Mieten stiegen.

In den steigenden Mieten sieht Jenny das eigentliche Problem im Detailhandel. Nicht nur bei den Papeterien. «Selbst ein Manor an der Bahnhofstrasse kann da ja nicht mithalten», sagt Jenny, streicht sich resolut die Haare aus der Stirn und fährt fort: «Unsere Margen sind nicht so hoch, wie viele Vermieter offenbar annehmen. Vor allem kleine Läden haben nichts ‹vörig›.»

Nun ist sie in Fahrt, ist sie ganz die Alte: «Gemeinden wollen möglichst viele und verschiedene Ladenlokale im Dorfkern. Doch die Kleingewerbler können die Mieten dort nicht bezahlen.» Sie macht für sich folgende Rechnung: «Steigt der Paketversand bei der Post um 8 Prozent, sinkt der Umsatz beim Detailhändler um gleich viel.» Sie sei übrigens eine der Ersten gewesen, die einen Online-Shop einführten. «Es rechnete sich nie.»

2011 schloss sie die Papeterie in Schlieren, kurz darauf auch diejenige in Altstetten. Dort gab ebenfalls die hohe Miete den Ausschlag. Im letzten Jahr hatte Miranda Jenny noch zwei Teilzeitmitarbeitende in der Papeterie in Dietikon, die jetzt zugeht. Es ist die letzte im zürcherischen Limmattal.

«Typisches Frauenschicksal»

Wieder kramt sie in der Schachtel mit den Briefen. Sie sucht nach einer Karte mit schwungvoller Schrift. Die Schreiberin kam einst als Kindergartenschülerin mit einem Zweifränkler ins Geschäft, um für ihre Mutter eine Agenda zu kaufen, die allerdings 6 Franken kostete. Jenny schenkte sie ihr. Kurz darauf kam das Mädchen zurück und brachte ihr eine rote Rose. Später wurde sie zur Stammkundin; vor einigen Tagen schrieb sie ihr:

«Liebe Frau Jenny, vielen Dank für die interessanten Gespräche und die Dinge, die Sie mir immer wieder geschenkt haben.»

Einst versuchte sie, andere Detailhändlerinnen und -händler dafür zu gewinnen, in einem Warenhaus ein kleines Einkaufszentrum mit einheimischem Gewerbe zu eröffnen. Heute sagt sie: «Wir müssen laut werden, sagen, dass es so nicht mehr weitergeht. Schliesslich sind wir es, die Leben in die Zentren der Dörfer und Kleinstädte bringen.»

Der Kampfgeist hat sie verlassen. Vorübergehend, wie sie betont. Ein weiterer Tiefschlag war der Bescheid der AHV: Sie erhält keine Maximalrente, obwohl sie immer voll gearbeitet hat. Ihr Durchschnittseinkommen war zu tief. «Ein typisches Frauenschicksal», findet Miranda Jenny. Wieder rafft sie sich auf, holt ein grosses Ringbuch hervor. Ihr Gästebuch. Der letzte Eintrag stammt von einem Primarschüler.

«Liebe Miranda, danke für die tollen Sachen. Ich bin ziemlich traurig, dass du den Laden schliesst. Trotzdem noch eine gute Zukunft. Ich mag dich wirklich sehr. LG Liebe Grüsse.»

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