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Vor der Karriere wurde er dreimal entlassen

Wer im Kinderspital Karriere machen will, muss laut Urs Eiholzer Politik betreiben. Das hat ihm nie gepasst. Er wurde dreimal vor die Türe gestellt und gründete eine eigene Kinderklinik. Seine Forschung interessiert weltweit.

«Die grösste Fehlerquelle an Spitälern ist die Rivalität»: Urs Eiholzer vor dem Bewegungsmobil, in dem er Probanden für Studien misst, wägt und ihre Kraft ermittelt.
«Die grösste Fehlerquelle an Spitälern ist die Rivalität»: Urs Eiholzer vor dem Bewegungsmobil, in dem er Probanden für Studien misst, wägt und ihre Kraft ermittelt.
Sabina Bobst

Das Gespräch mit Urs Eiholzer hat keine fünf Minuten gedauert, und schon weiss man: Dreimal hat man dem heute 61-Jährigen im Laufe seiner Karriere den Abgang als Arzt nahegelegt. Die schmerzlichste Trennung war jene von Andrea Prader, der das Kinderspital in den 70er- und 80er-Jahren zu einem internationalen Zentrum für Wachstums- und Hormonstörungen gemacht hatte. Eiholzer war sein letzter Schüler gewesen. Und wohl der einzige, der dem autoritären Prader sagte: «Ich werde ein Institut aufbauen, das grösser wird als Ihres.» Karriere am Spital machen sei Politik, sagt Eiholzer. «Dieses Spiel habe ich nie beherrscht.»

Profisegler nach Uniabschluss

Zum Fachgebiet Wachstumsfragen und Hormonstörungen von Kindern und Jugendlichen (pädiatrische Endokrinologie) kam Eiholzer über Umwege. Nach der Matur am Humanistischen Gymnasium Basel studierte er erst Altphilologie. «Ich wollte schauen, ob das Fach auch so langweilig ist, wenn man sich freiwillig damit befasst.» Er belegte auch Kurse in Philosophie und Kunstgeschichte, liebäugelte mit einem Architektur- oder Chemiestudium und schwenkte kurzfristig auf Medizin um. Nachts schuftete er als Hilfsheizer im Kesselhaus der Sandoz, um sich sein Studium zu finanzieren. Kurz vor dem Staatsexamen ergriff er die Gelegenheit, mit dem Team von Pierre Fehlmann um die Welt zu segeln. 34 Tage dauerte die Etappe von Südafrika nach Neuseeland, dann entschloss sich Eiholzer, die Abschlussprüfungen doch anzutreten. Es blieben ihm bloss zwei Wochen Vorbereitungszeit.

Statt seine Karriere nach Studienabschluss voranzutreiben, liess er sich von Muratti Zigaretten sponsern, bestritt Regatten und frönte dem schönen Leben in der Bretagne. Schlagzeilen über einen 65-Jährigen, der die Welt allein umsegelte, liessen ihn umdenken. Segeln könnte er später noch als Profi, dachte Eiholzer und nahm ein Angebot im Spital Lausanne an. Hier begann er, als Kinderarzt zu arbeiten und forschen, und legte sich auf die Couch für eine Psychoanalyse, die zehn Jahre dauern sollte.

«Urs Eiholzer war Punk, bevor Punks Mode waren»

1983 zog es ihn ans Kinderspital Zürich, wo er sich zum pädiatrischen Endokrinologen ausbilden liess. Als er dem Kinderspital den Rücken kehren musste, bildete sich Eiholzer zum Kinderpsychiater weiter. «Leben pur», das sei die Pubertät, und diese Phase liess ihn auch als Forscher nicht mehr los. Er eröffnete eine Praxis und gründete das Institut Wachstum Pubertät Adoleszenz, aus dem später das Pädiatrisch-Endokrinologische Zentrum Zürich (Pezz) wurde.

Mit dem Pezz sei es Eiholzer gelungen, als Einzelkämpfer ein europaweit führendes und anerkanntes Institut aufzubauen, sagt Ständerat Felix Gutzwiler (FDP). Er kennt Urs Eiholzer seit der Zeit am Basler Gymnasium: «Er war schon immer aufmüpfig, fragte hartnäckig nach.» Auch äusserlich sei er aufgefallen: «Urs Eiholzer war Punk, bevor Punks Mode waren.» Er sei ein innovativer, kreativer Kopf geblieben und habe seine Themen stets unbeirrt auf seine Art weiterverfolgt, was nicht überall gut angekommen sei. Leute wie Eiholzer seien für den Wissenschaftsbetrieb von grosser Bedeutung, da sie Impulse setzten. «Es besteht das Risiko, dass die Hierarchie in Spitälern dazu führt, dass nur der Mainstream erforscht wird.»

Schicksalsschlag in der Familie

Dass Eiholzer mit seiner Arbeit vor allem Familien helfen will, hat mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Als er 13 Jahre alt war, verunfallte sein 3-jähriger Bruder tödlich. Ein Schicksalsschlag führe dazu, dass alle stillen Konflikte einer Familie an die Oberfläche gelangten, sagt der verheiratete Vater von zwei Söhnen.

«Ich arbeite immer als Psychotherapeut, nur merken es die Leute nicht», sagt Eiholzer. Als Arzt für Kinder und Jugendliche bewege man sich in einem komplexen System. Befürworte beispielsweise nur die Mutter, nicht aber der Vater, dass ihr Kind Medikamente einnehme, könne das nicht klappen. «Dann muss ich den Vater überzeugen.» Überhaupt müsse man die Eltern immer ernst nehmen – oft hätten sie einen siebten Sinn für das Befinden ihres Kindes.

Mit seinem eigenen Institut, das dieses Jahr das 25-jährige Bestehen feiert, hat sich Eiholzer einen familiären Betrieb geschaffen, der ohne Hierarchien auskomme. «Die grösste Fehlerquelle an Spitälern ist die Rivalität», ist Eiholzer überzeugt. Weg vom universitären Betrieb, konnte er mit Andrea Prader eine Freundschaft aufbauen und wurde von ihm ermutigt, das Prader-Willi-Syndrom weiter zu erforschen. Dass sein privates Institut mit elf Mitarbeitern den Grossen Konkurrenz macht, freut ihn.

Die Klinik, einfach nicht sein Umfeld

Seine Kampfansage an den ehemaligen Lehrmeister Prader und das Kinderspital hat er jedenfalls eingelöst: Mit seinem Institutspartner Udo Meinhardt behandelt Eiholzer inzwischen jährlich rund 2000 Patienten, am Kinderspital waren es vergangenes Jahr 1380 in der Abteilung Endokrinologie/Diabetologie. Laut Urs Rüegg vom Kinderspital lassen sich die Zahlen schlecht vergleichen. Patienten mit Mehrfacherkrankungen sowie alle stationären Patienten seien in der Zahl des Kinderspitals nicht enthalten. Eine Konkurrenzsituation bestehe aus Sicht des Kinderspitals nicht.

Am Kinderspital erlebte Urs Eiholzer übrigens auch seinen zweiten unfreiwilligen Abgang. Als Oberarzt in einem Teilzeitpensum wollte er technische Änderungen durchsetzen und den Umgang mit den Patienten verbessern – das kam schlecht an. Auch in einem späteren Teilpensum am Spital in Lausanne war auf einmal kein Geld mehr da, um seine Stelle zu finanzieren. Der Vorwurf diesmal: Er identifiziere sich zu sehr mit den Patienten. «Meine drei Kündigungen waren im Moment schwierig zu ertragen, im Nachhinein jedoch glückliche Fügung», sagt Eiholzer heute. Im Spitalumfeld hätte er nie seinen Weg gemacht.

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