Vorsicht, Bank!

Sitzbänke gelten als Ort der Entspannung. Doch wer sich setzt, gerät in ihren Bann.

Eine Bank lockt zum Sitzen, wer ihr anheimfällt und sich hinsetzt, ist verloren. Lässt einen die Sitzbank wenigstens dann in Ruhe, wenn man darauf döst? Foto: Reto Oeschger

Eine Bank lockt zum Sitzen, wer ihr anheimfällt und sich hinsetzt, ist verloren. Lässt einen die Sitzbank wenigstens dann in Ruhe, wenn man darauf döst? Foto: Reto Oeschger

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Zeus war ein Lustmolch, ein antiker ­Harvey Weinstein. Obwohl verheiratet, stellte der griechische Gott jeder Schönheit nach. Wie bitte? Ja, solches kommt einem in den Sinn, wenn man sich am Bürkliplatz auf eine Bank vorn am ­Wasser setzt, mit Blick auf den See und die Ganymed-Skulptur von Hermann Hubacher. Zeus entführte den wunderhübschen Ganymed in der Gestalt eines Adlers; die Königstochter Leda verführte er als Schwan. Seither gibt seine Bisexualität der LGBT-Community ein höheres Prestige.

Eigentlich möchte man weder an die alten Griechen noch an nackte Jünglinge denken, sondern bloss die Aussicht geniessen, den Kopf lüften, entspannen. Doch dieser Ort nimmt einen unweigerlich in Beschlag: vorn der Nackedei, hinten der Verkehrslärm auf der vierspurigen Strasse. Herrgott, ist das laut! Man sieht den Glärnisch und denkt an den Gotthard-Stau. Dass sich die Zürcher ihre Seepromenade akustisch dermassen versauen lassen, ist unglaublich. Aus­gerechnet die Linken und Grünen lehnten jüngst die Tieflegung dieser schleichenden Autobahn ab. Mögen sie im Hades schmoren.

Jetzt also Seelenfrieden

Doch wir wollen uns jetzt nicht ­ärgern und nicht politisieren. Also suchen wir zwecks Entspannung ein ruhiges Bänkli und werden im Arboretum am Ufer auch bald fündig. Jetzt also Seelenfrieden, lustwandelnde Gedanken, Ferienstimmung. Da drängt sich unverhofft die Panta Rhei ins Blickfeld, das hässlichste Schiff der Schweiz. Schon wieder Griechisch! Hat Griechenland eigentlich seine Schulden bezahlt? Geht es dem Land besser? Man liest nichts mehr aus Athen.

Ein Schwan hebt ab, lässt das Fliegen aber nach wenigen Metern wieder sein. Zu schwer. Gemästet von brotbewaffneten Vogelmüttern. Bald ist Fliegen eine Legende, die sich die Schwäne beim Eindunkeln erzählen und die die Schwanenbabys so ins Staunen bringt, dass ihnen das Brot im Hals stecken bleibt.

Wir wollen uns jetzt aber nicht mit trägen Schwänen herumschlagen, sondern unsere Ruhe haben. So wie die Segelboote ruhig an der Boje vor sich hindümpeln. Wobei Segelboote auf dem Zürichsee ja eigentlich ein Witz sind: Es hat nie Wind, und wenn es doch mal hat, haben die Segler keine Zeit oder keinen Schneid. Aber mit den Booten den See verstellen, das können sie.

Schon meldet sich ein neuer Ärger, da schiebt sich die Helvetia ins Blickfeld, jetzt wieder ohne Schiffsfünfliber. Nicht zu verwechseln mit der Limmat, der Linth, der Pfannenstiel oder der Wädenswil. Wieso haben die Zürichsee-Schiffe eigentlich so langweilige Namen? Die Briten als einstige Seemacht gaben sich da viel mehr Mühe: Invincible, Majestic, Terror, Leviathan, Titanic. Das tönt viel rassiger. Es muss auf dem Zürichsee ja nicht englisch sein, aber wie wärs mit Blauer Pfeil, Schneller Aal, Lustige Forelle?

Drift in die falsche Richtung

Doch was kümmern uns überhaupt hässliche Schiffe und banale Namen? Wieder sind unsere Gedanken in eine Richtung gedriftet, in die wir gar nicht wollten. Offenbar meint es heute der See nicht gut mit uns, genauer der Genius Loci, der Geist des Ortes. Also weiter. Es verschlägt uns auf das Plätzchen zwischen Fraumünster und Stadthaus, eine kleine Idylle, die Ruhe verspricht.

Oh, da versammelt sich eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Stadthaus. Die Braut ganz in Weiss – sieh an, eine Jungfrau. Zürich misst dem Standesamt grosse Bedeutung zu, weshalb es der Stadtpräsidentin direkt unterstellt ist. Auch das Bevölkerungsamt mit den Geburtsurkunden und das Bestattungsamt werden von Corine Mauch verantwortet. So treffen sich im Stadthaus Anfang und Ende des Daseins unter einem Dach, inbegriffen die Scheidungsrate von 50 Prozent. Insofern ist das Stadthaus eine High-Risk-Zone, was die Stadt zu kaschieren versucht, indem sich das schwere Portal automatisch öffnet. Niemand soll beim Aufwuchten der Holztür Zeit haben, sich den riskanten Schritt nochmals zu überlegen.

Die Haut will doch nur runzeln, aber man lässt sie nicht.

Garstiges Thema. Wir wechseln auf die Bahnhofstrasse, wo viele gepflegte Holzbänke zum Sitzen einladen. Viele Passanten sind unterwegs und noch mehr Sonnenbrillen. Ist das eine Volkskrankheit, die überempfindliche Netzhaut? Zürich, die Metropole des Augenleidens? Und der schlecht bezahlten Banker? Denn diese Männer tragen alle so knappe Anzüge, als ob sie zu wenig Geld für genug Stoff hätten. Sind das gar ihre Konfirmandenanzüge? Nein, es ist die Mode, die unverständliche. Manche Frauen riskieren mit Botox gar eine dicke Lippen. Ach, die Eitelkeit, wie unnatürlich sie ist. Die Haut will doch nur runzeln, aber man lässt sie nicht.

Bloss weg hier. Vor dem Landesmuseum sind alle Bänke besetzt ausser jene unter dem Neubau mit seinem kolossalen Loch. Dort sitzt man unter einem gewaltigen Betondeckel, und ob man will oder nicht, drängt sich die Frage auf: Hält das? Wie stabil ist Beton eigentlich? Immer? Auch jetzt? Und selbst wenn man zum Schluss kommt, dass es hält, gemütlich ist anders.

Weite ist nun gefragt, ein Platz so gross, dass der Geist des Ortes einen nicht entdeckt und dreinredet. Der Turbinenplatz in Zürich-West scheint dafür geeignet, ein Ort ohne beredte Geschichte. Rappelvoll ist er über Mittag, alles junge Leute. Alles Kreative? Technopark und Schiffbau sind Nachbarn, die Hochschule der Künste ist nah. Was kreieren die wohl den ganzen Tag? Retten sie das Theater, gar die Welt? Hamlet als Hologramm? Wasserstoff-Antrieb? Eine App, die das Handy blockiert, wenn damit böse Worte geschrieben werden? Jedenfalls fühlt man sich als einziger Nichtkreativer bald fehl am Platz.

Die falsche Ruhe im Wald

Es gibt in Zürich wohl nur einen Ort, der uns Gleichmut schenkt: der Wald. Eine Bank ohne Aussicht, ohne Wanderer, ohne Velofahrer, rundum nur Baumstämme und hellgrünes Blattgestöber. Flugzeuge sind zu hören, aber die Vögel sind lauter. Zwitschern von rechts, virtuoses Singen von links, hinten hämmert sich ein Specht ins Kopfweh. Schon will sich der Friede des Waldes einstellen, da kommt einem in den Sinn, dass die Vögel ja nicht aus Freude pfeifen. Sie markieren ihr Revier und locken das Weib. Sie wollen tun, wie sie heissen. Auch der Specht denkt beim Hämmern neben der Larve nur an das eine.

Und schon sind wir wieder beim Geschlechtlichen, das wir doch am Bürkliplatz und seinem Ganymed hinter uns lassen wollten. Wieso können uns diese Bänke nicht einfach in Ruhe lassen?

Erstellt: 31.05.2018, 19:32 Uhr

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