Vorsicht, Valentinstag!

Es gibt unzählige Angebote für einen perfekten Tag der Liebe. Da kann eigentlich nichts schiefgehen – oder? Eine Art Handlungsanleitung.

Die Liebe geht zum Steg, bis dieser bricht. Falls er am 15. Februar noch steht, dürfen Sie sich gern wieder draufwagen. Foto: Getty Images

Die Liebe geht zum Steg, bis dieser bricht. Falls er am 15. Februar noch steht, dürfen Sie sich gern wieder draufwagen. Foto: Getty Images

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Prolog: Die Rose geht nicht mehr

Noch ahnt es niemand, aber dieser Valentinstag wird der letzte dieses Paares sein. Beide stehen an verschiedenen Enden der Stadt im Eingangsbereich eines Grossverteilers und sind verunsichert wegen der Rosen. Rosen waren einmal ein sicherer Wert. Heute sind sie das nur noch, wenn man jemandem beibringen will, dass man für ihn alles opfern würde. Nämlich exakt 11.95 Franken am Kiosk und das Weltklima, was man mit dem Kauf eines aus Afrika importierten Sträusschens voller Herbi­zide unterstreicht. Geschenke am Valentinstag – it’s complicated.

Doch unser Paar hat Glück. Zürich ist eine Stadt, die für jede Krise das passende Konsumangebot bereithält. Wir verweisen die beiden gerne an eine Zahnklinik im Shop-Ville im Bahnhof, die weiss, dass sich Liebende am besten nichts als ein Lächeln schenken – und dazu kauft man am Valentinstag eine unsicht­bare Zahnspange. Schöner kann man der Liebsten nicht sagen, dass sie schiefe Zähne hat.

Sympathisch ist auch der Vital­ofen mit Duftmischung, den ein Geschenkportal vorschlägt. («Bin ich etwa nicht vital genug, Schatz?» – «Nein, Schatz, es riecht einfach streng bei dir.») Oder die Partnerarmbänder mit Gravur, auf denen selbst dann ­etwas Schönes steht, wenn man vergessen hat, die Namen anzugeben: «Add Engraving» (englisch für: «Bitte einsargen»?). Und das personalisierte Foto-Kissen in Herzform: «Was gibt es Schöneres, als sich abends in dieses Kissen zu kuscheln?» In dieses edle Polyesterkissen? Ganz ehrlich, Geschenkportal, da kommt uns jetzt spontan auch nichts in den Sinn.

Das perfekte Geschenk für ihn

Sie weiss es zum Glück besser: Zwar sind wir im Jahr 2020, und Emanzipation ist kein Fremdwort mehr, doch Rosen für ihn? Das geht doch kreativer und ­moderner. Zum Glück hilft auch da Valentinstagsretterin Fleurop: In ihrem Spezialshop «Männerpflanze» wird frau sicher fündig.

Nicht auszudenken, wenn man im Parkhaus den Wagen sucht und wie wild auf dem falschen Schlüssel rumdrückt…

Da gibt es Bruce, einen grossen Kaktus mit «Stehvermögen – what else?». Anthony, die Aloe vera, «aussen hart, innen weich». Oder Monstera James, «stets zu Ihren Diensten». Und für den Valentinstag, als Kombiangebot, «Jack mit Moustard-Socks». Jack ist der kleine Kaktus, der es «gern auf die Spitze treibt». Und die ­Socken mit Safarimotiv sind (laut Fleurop) «für alle Kerle, die es abenteuerlich mögen oder permanent an Fernweh leiden». Mit den gelb-braunen Socken mit ­Giraffen und Rhinozeros fühlt er sich da sicher sofort wie Crocodile Dundee oder Robert Redford in «Out of Africa».

Das perfekte Geschenk für sie

Er hat gerade in wachsender Verzweiflung einen Laden betreten und hält ein Brettspiel in den Händen. «Schmuse-Duell – Wer kommt als Letzter?» Subtiler ­Humor, immer gut. Aber dann liest er weiter: «Vorsicht, der Orgasmus darf bis Spielende von keinem der Parteien erreicht werden.» Klingt nach Bundeshaus. Politik, nie gut.

Vielleicht doch das ferngesteuerte Sexspielzeug, das einen Orgasmus auf Knopfdruck verspricht, aktiviert über eine Art Autoschlüssel? Nicht auszudenken, wenn man im Parkhaus den Wagen sucht und wie wild auf dem falschen Schlüssel rumdrückt. Aber wer nichts wagt …

Romantische Aktivitäten auf eigene Gefahr

Nachdem diese Hürde genommen ist, lechzt unser Paar nach Romantik. Kein Problem: Der 14. Februar ist für viele Zürcher Institutionen zu einem ­wichtigen Tag geworden, an dem sie spezielle Veranstaltungen anbieten. Das neu eröffnete Selfie-Haus an der Lagerstrasse preist «Das ­perfekte Valentinstag-Date» an. Romantische Fotos in einem übergrossen Topf Hüttenkäse (eine der Selfie-Stationen) hat ­sicher nicht jedes Paar.

«It’s a Match!» heisst eine ­Veranstaltung im Fifa-Museum: «Nach einer kurzen Analyse durch unseren Matchmaker schicken wir euch in der Ausstellung auf die Suche nach der Geschichte, die am besten zu eurem Fussballcharakter passt.» Da müssen sie wohl hin, denn bereits ausgebucht ist die Führung durch die passende Ausstellung «Gitagovinda – Indiens grosse Liebesgeschichte» im Museum Rietberg. Auch Zürichs romantischster Ort, das Thermalbad im Hürlimann-Areal, hat ein Valentinsspezial. Allerdings: Gibt es einen Tag, an dem man weniger in einem Sprudelbad voller Paare sein möchte als heute?

Ach, Valentinstag: der Tag, an dem Zürich all seine Sorge um Stil und Niveau fahren lässt und ganz zur Trash-TV-Personality wird. 

Unser Paar wendet sich in der Not an Zürich Tourismus. Tourist sein in der eigenen Stadt klingt aufregend. So aufregend wie Shopping im Niederdorf! Blumen kaufen am Hauptbahnhof! Kreativere Ideen gibt es erst, als die beiden im Chat nach­fragen. Sie werden aus der Stadt geschickt: Das Romantikhotel Küsnacht biete ein gemütliches Ambiente, und der Rheinfall sei schön beleuchtet. Ob er in Rot, der Farbe der Liebe, strahlt, wisse man nicht.

Weil unser Paar inzwischen rebellisch gestimmt ist, entscheidet es sich für ein Erlebnis, das wirklich zusammenschweisst: An der Anti-Valentins-Karaoke im McGee’s Irish Pub mitmachen, aber die Warnung ignorieren «Dare you to sing a love song» (Wehe, Sie wagen es, ein Liebeslied zu singen). Unser Songtipp: «My Heart Will Go On» von Céline Dion.

Romantisches Dinner ohne Sodbrennen

Zürcher Restaurants wissen: Liebe ist kompliziert, Essen weniger. Also buhlen sie um Gäste, die sich zwecks Versicherung ihrer Verbundenheit dabei zusehen wollen, wie sie zum Beispiel ein Schwein von «Nose» bis «Tail» verspeisen. Das Restaurant Blau bietet im Hotel Greulich gleich auch noch ein Zimmer zu reduziertem Preis an – ein Angebot, das auf Facebook mit suggestiven Flämmchen beworben wird, die vermutlich nicht auf Sodbrennen anspielen.

Ach, Valentinstag: der Tag, an dem Zürich all seine Sorge um Stil und Niveau fahren lässt und ganz zur Trash-TV-Personality wird. Oder wie es die Brasserie L’Amant sagt: «Probieren Sie doch von unserem Sharing-Dessert, bevor Sie sich gegenseitig vernaschen.»

Epilog: My Heart Will Go On

So weit ist unser Paar noch nicht – und es wird auch nicht mehr dazu kommen. Die beiden stehen auf dem Mühlesteg. Sie waren leider nicht die Einzigen, die ihre Liebe hier in Form eines personalisierten Vorhängeschlosses verewigen wollten. Ihr Schloss ist das eine zu viel. Ein erschütterndes Heulen fährt durch die Stahlkonstruktion, dann bricht der Steg unter dem Gewicht von so viel Liebe zusammen und übergibt das Paar der eiskalten Limmat.

Während sie sich auf die im Wasser treibende Verpackung eines Valentinsgeschenks retten kann, spricht er eindringliche letzte Worte (er weiss nicht, woher sie ihm zufliegen, war es ein Film?): «Du musst mir versprechen, dass du überlebst, egal, was passiert. Gib nicht auf!»

Das wird sie nicht, obwohl sie es befremdend findet, dass er ihren letzten gemeinsamen ­Moment für einen Befehl verschwendet, einen unnötigen noch dazu. Sie kann nicht ahnen, dass er ihr eigentlich auch noch erklären wollte, wie das mit dem Überleben genau geht, und sich jetzt sehr progressiv vorkommt, während er langsam auf den Grund der Limmat sinkt, weil er sich diese Instruktionen verkneifen konnte.

Während er entschwindet, überkommt ihn eine seltsame Gelassenheit, denn er weiss: Sie wird von heute an jedem Valentinstag seine anspruchslose Männerpflanze mit ihren Tränen giessen.

Erstellt: 13.02.2020, 22:40 Uhr

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