Wie ich einen Hund erlegte, der ein Gämsbock war

Sogar der Boulevard hatte die Geschichte des unfreiwilligen Waidmanns mitten in Zürich aufgenommen – und hatte einen Verdacht.

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Ich mag Tiere. Aber ich mag definitiv keine falschen Hunde. Einst habe ich nämlich mal einen leibhaftig getroffen. Das heisst, eigentlich hat er mich getroffen – oder vielmehr: gerammt. Ein Schatten, der in einer Dezembernacht anno 1991 auf der Seestrasse beim Bahnhof Enge aus dem Dickicht geschossen kam und frontal in mein Auto prallte. Und damit meiner Rückkehr von einem besinnlichen Weihnachtsessen im Kreise der Familie eine unerwartete Wendung gab.

Ich reagierte angemessen, liess meine Begleitung im Wagen sitzen und begab mich zur Polizeiwache um die Ecke. In Ermangelung eines effektiven Beweises (mobile Telefone mit Fotofunktion waren zu jener Zeit noch nicht flächendeckend verbreitet, falls überhaupt schon erfunden) durfte ich den anwesenden Beamten beschreiben, was sich denn meiner Meinung nach zugetragen hatte.

«Auto», «Unfall», «grosses Tier» bildeten die Eckpunkte meines Rapports. Und «Hund». Natürlich, was denn sonst? Bär? Wolf? Kuh? Sicher nicht! Die Diensthabenden hatten jedenfalls verstanden. Sie reagierten rasch und professionell. Eine Streife wurde geordert und ich zum Unfallort zurückgeschickt.

Leichter Schneefall puderte die Szenerie. Meine Begleiterin weinte, und das Auto war Schrott. Durch den Aufprall hatte die Motorhaube ihre Form verloren (genauso wie das Chassis, wie sich später herausstellte). Es war tot, sozusagen. Aber das grosse Tier, der Hund, lebte. Noch. Man konnte es hören. Und sehen.

Finaler Schuss

Zwei Polizisten kamen: einer zu uns, der andere begab sich zum Unfallverursacher. Seine Frage, ob ich jemals zuvor schon einen Hund mit Hufen überfahren hätte, konnte ich reinen Gewissens verneinen. Gleichwohl war sie irritierend. Und durchaus berechtigt: denn der Hund war kein Hund. Es war ein ausgewachsener Gämsbock, ein horntragendes Tier der höheren Gebirge Europas und Kleinasiens, 30 bis 35 Kilogramm schwer, der da leidend auf dem Boden lag. Der Hunger hatte das Tier wohl von der Albiskette in die Stadt getrieben.

Der herbeigerufene Wildhüter erlöste das Tier mit einem finalen Schuss. Für ihn war die Sachlage eindeutig: Ich hatte ihn erlegt, also gehörte er mir. Ob ich ihn denn gleich mitnehmen wolle? Ich lehnte dankend ab. Ich meine, wie hatte der gute Mann sich das vorgestellt? Kadaver über die Schulter und heimspazieren? Oder ein Taxi rufen? Für zwei Erwachsene plus totem Gämsbock?

Das Auto war ein Firmenwagen. Den Totalverlust musste ich entsprechend begründen. Der Verwalter des Fuhrparks quittierte meine Schilderung der Ereignisse erst mit Unglauben, dann mit Zorn. Er hielt wohl mich für einen falschen Hund. Erst ein Telefonat mit der Polizei liess die Situation deeskalieren.

Politisches Nachspiel

Die Presse griff den Vorfall auf: «Mann fährt in Zürich Gämsbock tot, geht zur Polizei und behauptet, es sei ein Hund gewesen. Dreist!» Für den Boulevard war klar: Da war Alkohol im Spiel, und zwar reichlich. Der Boulevard irrte. Ich war nüchtern. Nur, mitten in Zürich einen Gämsbock totzufahren, darauf war ich gänzlich unvorbereitet. Mein Fehler.

Die Geschehnisse jener Nacht hatten ein politisches Nachspiel. Ein besorgter sozialdemokratischer Kantonsrat verlangte mit einer Anfrage vom Regierungsrat Auskunft über die verschiedenen zürcherischen Gämsenpopulationen, ihre Abstammung und ihre Kontakte zu Gämsen in anderen Landesgegenden sowie ihre wirtschaftliche und ökologische Bedeutung für den Kanton Zürich. Und ein eifriger Leserbriefschreiber nutzte die Gunst der Stunde zu einem Exkurs über die korrekte Schreibweise: Gämse oder Gemse?

Einerlei. Eigentlich hatte ich damals Glück. Denn die Gattung der Gämsen ist im Kanton Zürich geschützt. So gesehen, war ich mehr Wilderer denn Jäger. Und manchmal denke ich, ich hätte den erlegten Hund, pardon Gämsbock, vielleicht halt doch mitnehmen sollen. Egal, wie.

Erstellt: 26.10.2017, 15:17 Uhr

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