Die Zürcher Weihnachtsmärkte im Vergleich

Sechseläutenplatz, Niederdorf, Hauptbahnhof: Wo es den günstigsten Glühwein gibt und warum das Geschäft harzig läuft.

Hier ist die Stimmung besser als anderswo: Wienachtsdorf auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Foto: Doris Fanconi

Hier ist die Stimmung besser als anderswo: Wienachtsdorf auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Foto: Doris Fanconi

Der junge Mann, Dreitagebart, schwarze Mütze, lächelt freundlich, winkt: «Kommen Sie! Probieren Sie eine Mandel!» Sein Stand steht am Rand des Weihnachtsmarkts auf dem Sechseläutenplatz am Fuss der stattlichen Zürcher Oper. Ja, ja, das Geschäft laufe ganz okay, sagt er, erklärt sein Angebot: Mandeln mit Rosmarin, Paprika, Ingwer, ­alles bio, alles aus Ungarn, abgepackt in Zürich. Ein kleines Säcklein mit 100 Gramm hat den stolzen Preis von 8 Franken. «Am Abend kaufen die Leute besser», sagt er. «Dann haben sie schon ein paar Schluck Glühwein getrunken.» In den nächsten Tagen ist er mit seinen Biomandeln an verschiedenen Weihnachtsmärkten in Zürich unterwegs und verlässt darum den Sechseläutenplatz. Rund ein Drittel der Händlerinnen und Händler tun es ihm gleich und bleiben nicht die ganzen vier Wochen dort.

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Das Wechseln der Aussteller gehört zum Konzept des jüngsten Zürcher Weihnachtsmarkts, dem «Wienachtsdorf». So könnten sich auch kleinere Produzenten oder Designerinnen einen Stand leisten, sagt Mitgründerin Katja Weber von der Zürcher Firma Schöne Bescherung AG. Die Mieten der 118 Häuschen, die über den Platz verteilt stehen, verändern sich von Woche zu Woche. Je näher Weihnachten rückt, desto teurer werden sie. Angefangen bei rund 500 Franken, kostet die Weihnachts­woche dann 1900, hinzu kommt eine Umsatzbeteiligung von über 10 Prozent.

Weniger rosig als beim Biomandelhändler tönt es bei Ausstellern, die länger bleiben. Das Hilfswerk Helvetas hatte die ersten zehn Tage einen schlechten Start. Das Geschäft sei sehr dürftig angelaufen, sagt der Verkäufer. Kaum jemand wollte die Notizheftchen aus Tibet oder die Kinderwäschelappen aus Ägypten haben. Viele seien ohne grosse Kauflust am Stand vorbeigezogen und hätten nur die Essensstände angesteuert. Ein kleiner Lichtblick war für Helvetas das vergangene Wochenende. Endlich hätten die Leute mehr gekauft, sagt der Verkäufer. Ähnlich tönt es bei der netten Frau, die hinter mehreren Reihen von farbigen Kerzen steht. Ihr Stand ist gegen das Kino Corso ausgerichtet. Ihr Häuschen sei zu wenig im Zentrum des Weihnachtsmarkts, findet sie. Die Leute würden sie übersehen. Sie hofft auf einen Umsatzaufschwung für die letzten Wochen – sonst käme sie im nächsten Jahr wohl nicht zurück.

Gewinn für die Beleuchtung

Ob es an den Kerzen liegt? Auch im Niederdorf verkaufen sie sich schlecht. Sara Doujak hat die handgemachten Kerzen schön aufgereiht. Ihr Bruder hat sie gefertigt, das Geschäft hat er vom Vater übernommen. Einst habe es geblüht, doch dieser Tage sei es schwierig geworden – besonders in Zürich. Am dreitägigen Weihnachtsmarkt in Bülach sei der Umsatz mit rund 4500 Franken richtig gut gewesen. «Doch im Niederdorf bleiben wir weit unter der Erwartung.» Das sei frustrierend, sagt sie, reibt sich die kalten Hände, zieht die Jacke etwas zu.

Der Weihnachtsmarkt im Niederdorf ist ein Spezialfall. Hinter ihm steckt keine Firma, die damit Geld verdient. Ihn organisiert die Vereinigung der Geschäfte am Limmatquai und im Dörfli. Mit dem Gewinn zahlen sie die Weihnachtsbeleuchtung in ihren Gassen. Präsident Christian Brugger ärgert sich über Stimmen, die den Weihnachtsmarkt im Niederdorf grundsätzlich anzweifeln. Die Kritik kam vor allem vor zwei Jahren auf, als die Stadt die Zürcher Weihnachtsmärkte von einer Münchner Firma analysieren liess.

10'000 Franken vorausbezahlt

Die Studie über die Zürcher Weihnachtsmärkte hatte ein ernüchterndes Fazit: Das Angebot sei austauschbar, die Warenpräsentation veraltet. Der Markt im Niederdorf kam besonders schlecht weg. Deshalb hat Brugger veranlasst, dass die Stände nun einheitlich und weihnachtlicher daherkommen. Sie kosten je nach Lage 2200 bis 6000 Franken für die ganze Dauer des Weihnachtsmarkts. Am günstigsten sind die Stände auf dem Rosenhof. Für die Kerzenverkäuferin Sara Doujak ist es ein Glück, dass sie im Niederdorf zumindest keine Umsatzbeteiligung abliefern muss.

Der teuerste Markt für die Aussteller ist jener im Zürcher Hauptbahnhof. Helga Cortesi zahlt für ihren Schmuckstand rund 10'000 Franken «im Voraus», wie sie sagt. Das ist ein Mischbetrag zwischen Häuschenmiete und Umsatzbeteiligung. Allein die Miete ist laut dem Reglement des Christkindlmarktes aus dem Jahr 2015 je nach Lage und Art zwischen 6700 und 8100 Franken für die ganze Zeit. Für die Schmuckdesignerin Cortesi sind 10'000 Franken ganz schön viel Geld, und in diesem Jahr würden die Geschäfte nicht gut laufen, sagt sie. Sie sieht den Grund dafür in den vielen Märkten, die es in Zürich inzwischen gibt. «Die Leute sind übersättigt.»

Stephan Dübi ist der Sprecher der CP9 AG, die den Weihnachtsmarkt im Zürcher Hauptbahnhof und in Luzern organisiert. Er macht keinen Hehl daraus, dass es mal gute Jahre und mal schlechte Jahre geben könne. Ob der Weihnachtsmarkt ein Erfolg werde, hänge von vielem ab – zum Beispiel vom Wetter. Bei schönen, milden Temperaturen würden die Leute lieber über einen Markt im Freien schlendern. Sobald es regne, kämen sie gerne unter das Dach des Hauptbahnhofs. Dass es in Zürich zu viele Weihnachtsmärkte gebe, hält Dübi hingegen für ausgeschlossen. Im Gegenteil: «Die einzelnen Märkte bereichern sich.» Über Gewinn und Umsatzzahlen des Bahnhof-Weihnachtsmarktes will er keine Auskunft geben.

Das Fazit nach dem Besuch der drei grossen Weihnachtsmärkte in der Zürcher Innenstadt: Das Geschäft harzt. Im Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz läuft es ein bisschen besser als anderswo, die Stimmung ist dort auch am schönsten. Und in einem sind sich alle einig: «Die Leute kaufen mehr, wenn sie zünftig Glühwein trinken.» Vielleicht hat es deshalb so auffällig viele Glühweinstände auf dem Sechseläutenplatz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2016, 23:01 Uhr

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