Warten auf die Todesnachricht

Die Kurden mobilisieren zur Grossdemonstration in Zürich. Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Heimat zerbombt wird?

In die Schweiz geflüchtet: Zahide Hûseyin bangt um ihren inhaftierten Bruder. Foto: Keystone

In die Schweiz geflüchtet: Zahide Hûseyin bangt um ihren inhaftierten Bruder. Foto: Keystone

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Malek Ossi erlebt zurzeit traumatische Stunden. «Ich bin ruhelos, rastlos, verzweifelt und weiss nicht, was ich tun kann», sagt der 26-jährige Kurde. Im Sekundentakt schaut Ossi auf sein Handy. Haben sie sich gemeldet? Geht es ihnen gut? Sind die Türken schon einmarschiert?

«Drei Bomben auf Derik», der Schock ist gross, als Ossi am Mittwoch diese Meldung im Internet liest. Derik ist seine Heimatstadt, eine Ortschaft im türkisch-syrischen Grenzgebiet, rund 50'000 Einwohner, die sich nun mitten in der Konfliktzone befinden. Niemand weiss, was morgen sein wird, seit der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seine Soldaten in die Gegend einmarschieren liess. «Operation Friedensquelle», heisst die Mission. Für die Kurdinnen und Kurden ist es eine Invasion – auch für jene schätzungsweise 15'000, die in der Schweiz leben.

Drei Bomben auf seine Heimatstadt. Schnell tippt Ossi eine SMS an seine Grosseltern in Derik: «Hey, sagt mir doch bitte, wie es euch geht!» Eine Stunde verstreicht, ohne Antwort. In Derik bricht zeitweise das Internet zusammen, Ossi bleibt im Ungewissen, seine Panik steigt. Plötzlich klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung die erlösende Stimme seiner Grossmutter: Es gehe ihnen gut, doch die Situation sei äusserst angespannt. Wer wisse schon, was morgen komme.

«Widerstand ist Leben», sagt die 58-Jährige, die vor knapp zwei Jahren aus der nordsyrischen Stadt Afrin in die Schweiz geflüchtet ist. Foto: Urs Jaudas

Die kurdische Gemeinschaft in Zürich ist wütend und ohnmächtig zugleich. Wütend, weil sie sich im Stich gelassen fühlt, ohnmächtig, weil sie aus der Schweiz nur wenig bewirken kann – ausser demonstrieren. Das tun die Kurdinnen seit Jahren ohne Unterbruch, zurzeit jeden Tag. Für ein freies Rojave, wie sie das kurdische Gebiet in Syrien nennen. 35 Demos und Kundgebungen zählte die Stadtpolizei allein im laufenden Jahr. Wer so viel demonstriert, will unbedingt gehört werden.

Die kurdische Gemeinschaft erhält immer wieder Unterstützung: von linken Politikern, von feministischen Verbänden, von Linksautonomen oder von Menschen, die das Vorgehen von Erdogan nicht gutheissen können. Heute, wenn das Rojava-Komitee zur schweizweiten Demo auf dem Helvetiaplatz ruft, werden es wohl Tausende sein.

«Widerstand ist Leben»

Die Demos werden grösstenteils von Schlieren aus orchestriert. In einem schmucklosen Industriebau in Bahnhofnähe hat der kurdische Kulturverein seine Zentrale. Hier werden Transparente und Flaggen für die Demos angefertigt und gelagert. Die Wände sind gesäumt mit Porträtfotos: von Kurdenführer Abdullah Öcalan, der seit 20 Jahren in türkischer Haft sitzt, von Freiheitskämpferinnen, die spurlos verschwunden oder im Kampf gefallen sind.

Sie werden heute als Märtyrerinnen verehrt – auch von Zahide Hûseyin. «Widerstand ist Leben», sagt die 58-Jährige, die vor knapp zwei Jahren aus der nordsyrischen Stadt Afrin in die Schweiz geflüchtet ist. In Afrin kämpften amerikanische und kurdische Truppen Seite an Seite gegen den Islamischen Staat. Anfang 2018 wurde die Stadt jedoch gewaltsam durch das türkische Militär eingenommen. Es war die letzte Grossoffensive Erdogans gegen die Kurden: Die «Operation Olivenzweig» forderte Tausende tote Soldaten auf beiden Seiten und Hunderte zivile Opfer.

Seit 28 Jahren im Gefängnis

Auch Hûseyins Mann ist tot, sie hatte sieben Kinder, sechs leben noch, alle schon erwachsen. Ihre dunklen Augenringe deuten auf wenig Schlaf. Zwei Stunden ­seien es letzte Nacht gewesen. Sie wirft drei Würfelzucker in den Kaffee, rührt mit zitternder Hand. Ein deutschgewandter Kurde übersetzt ihre Worte. Zahide Hûseyin sagt: «Das gemeinsame Demonstrieren lenkt mich ab.» Wenn sie nur zu Hause auf dem Sofa sitze, werde sie verrückt.

Ihre grösste Sorge gilt ihrem Bruder, der seit 28 Jahren in einem türkischen Gefängnis sitzt. Hûseyins Verwandte in Afrin konnten einmal wöchentlich mit ihm telefonieren. So erfuhr sie über Umwege, wie es ihm geht. Doch seit ein paar Tagen sei der Telefonkontakt nach Afrin unterbrochen, sagt sie.

Hûseyin spielt eine Sprachnachricht vor, die sie vor fünf Tagen nach Afrin geschickt hatte: «Wie geht es euch? Habt ihr meine Nachricht nicht erhalten? Was ist los? Bitte richtet meinem Bruder liebe Grüsse aus, wenn ihr ihn das nächste Mal hört. Ich hoffe, es geht euch gut.» Das Handy zeigt, dass die Verwandten die Nachricht bis jetzt nicht erhalten haben. Hûseyin befürchtet das Schlimmste: Sie zeigt ein Foto des Bruders und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Krieg, der nie aufhört

Neben Hûseyin sitzt der 28-jährige Mohammed Attah. Er lebt seit vier Jahren in Zürich. Bei ihm löst die aktuelle Situation Wut aus. Attah kämpfte in Syrien gegen den IS. Sein Cousin ist an seiner Seite gefallen. «Für die Bekämpfung des IS waren wir gut genug», sagt Hûseyin. «Doch jetzt werden wir im Stich gelassen. Sie lassen uns sterben.»

Mohammed Attah hat in Syrien gegen den IS gekämpft. Fotos: Urs Jaudas

Mit sie meint Hûseyin den US-Präsidenten Donald Trump, der die Truppen aus Nordsyrien abziehen liess und so den türkischen Einmarsch ermöglichte. Mit sie meint Hûseyin auch Länder wie Deutschland, die Waffen an die Türkei liefern, die Europäische Union, die die Augen vor der Situation verschliesse und zu wenig Druck auf Erdogan ausübe. «Ich lebe in der Schweiz, doch die Bilder aus dem Krieg habe ich deutlich vor mir», sagt Hûseyin. Bombardierte Häuser, tote Frauen und Kinder, grosse Flüchtlingsströme nach Europa. Das werde nun wieder passieren. «Ich sehe es vor mir.»

Erstellt: 12.10.2019, 14:02 Uhr

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