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Warum FDP-Kandidat Marco Camin die Stadtratswahl gewinnt

Die Freisinnigen legten im Rennen um die Nachfolge von FDP-Stadtrat Martin Vollenwyder einen Fehlstart hin. Jetzt ist Marco Camin plötzlich der Favorit. Das hat mit der schwachen Konkurrenz zu tun, aber nicht nur.

Marco Camin will für seine Partei den FDP-Stadtratssitz von Martin Vollenwyder verteidigen. Er hat gute Chancen gegen...
Marco Camin will für seine Partei den FDP-Stadtratssitz von Martin Vollenwyder verteidigen. Er hat gute Chancen gegen...
Sabina Bobst
...den GLP-Kandidaten Daniel Hodel, ...
...den GLP-Kandidaten Daniel Hodel, ...
Reto Oeschger
...den parteilosen Toni Stadelmann.
...den parteilosen Toni Stadelmann.
PD
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Im Herbst des letzten Jahres hingen die Wolken für die Freisinnigen tief. Ihr Stadtzürcher Leuchtturm Martin Vollenwyder kündigte den Rücktritt an, und ein namhafter Nachfolgekandidat nach dem anderen sagte ab.

Dann nominierte die Partei einen weitherum wenig bekannten und mässig erfolgreichen Anwärter auf das Amt, worauf die FDP-Frauen harsch protestierten. Die Folge: eine öffentliche Selbstzerfleischung. Öl ins Feuer goss die SVP, die Marco Camins Qualitäten anzweifelte und eine eigene Kandidatur ankündigte.

GLP-Stadtratssitz auf dem Serviertablett

Die Grünliberalen, die den Freisinnigen in der Parlamentswahl gefährlich nahe gekommen waren, konnten sich die Hände reiben. Ein Sitz in der Stadtregierung präsentierte sich auf dem Serviertablett, zumal die FDP mit zwei Sitzen eher über- und die GLP mit keinem Sitz klar untervertreten ist.

Doch jetzt ist plötzlich alles anders. Was ist passiert? Zunächst gelang es der FDP mit einem Husarenstück, die SVP ins Boot zu holen. Die Volkspartei verzichtet nun auf eine Kandidatur und stellt sich hinter Camin. Und zwar ohne verbindliche Zusage, dass die Freisinnigen bei der nächsten Gesamterneuerungswahl die SVP-Kandidatur unterstützen.

Grünliberale haben alles falsch gemacht

Dann haben die Grünliberalen ihre Kandidatur vermasselt. Gleich vier bekannte und aussichtsreiche Persönlichkeiten haben abgesagt: Nationalrätin Tiana Angelina Moser, Fraktionschef Gian von Planta und die beiden Co-Parteipräsidenten Martin Luchsinger und Maleica Landolt. Moser und Landolt hätten gar mit einem Frauenbonus starten können.

Darauf wählte die Parteibasis den falschen der beiden verbliebenen Kandidaten aus. Daniel Hodel positioniert sich innerhalb der Partei rechts und ist damit ganz nah bei Camin. Zudem hatte seine Fraktion im Kantonsrat Zustimmung zu einem SVP-Vorstoss für Schweizer zweiter Klasse signalisiert, und Hodel selbst hatte die SVP mit einem Sparantrag rechts überholt. Hodels interner Gegner Samuel Dubno hätte bei den linken Wählerinnen und Wählern viel eher gepunktet. Kurzum: Die Grünliberalen haben den Steilpass der FDP nicht angenommen.

Camins Kantersieg bei der CVP

Dazu kommen nun für Hodel wenig ermutigende, für Camin wiederum erfreuliche Signale aus anderen Parteien. So sieht es bei der grössten Partei, der SP, nach Stimmfreigabe aus. Dies zumindest schlug die SP-Geschäftsleitung gestern ihrer Basis vor. Ob diese Parole noch bestritten wird, ist offen. Klar scheint hingegen, dass es in der SP Anhänger des praktisch chancenlosen AL-Kandidaten Richard Wolff und Fans von Camin gibt. Für Hodel aber spricht sich kaum jemand aus.

Symbolisch noch wichtiger war der gestrige Entscheid der CVP-Delegierten. Bei ihnen erzielte Camin einen Kantersieg. Der Freisinnige holte 24 Stimmen. Hodel ging leer aus, während sogar Wolff auf drei Stimmen kam. Und dies, obwohl die GLP der CVP politisch um eine halbe Galaxie näher steht als die AL. Bei der CVP spielten taktische Überlegungen eine grosse Rolle. Die CVP fischt im selben (und begrenzten) Teich wie die Grünliberalen. Zudem ist die FDP ein alter Partner der CVP.

Alte Seilschaften

Diese Verlässlichkeit und die Tradition des Freisinns könnten in der anstehenden Wahl eine gewisse Rolle spielen. «Camin verkörpert eine FDP, die mir nähersteht als grünliberale Sparer», sagt etwa SP-Nationalrat Martin Naef. Ähnliche und aus ihrer Vorgeschichte heraus auch nachvollziehbare Bedenken gegenüber den Grünliberalen hegen die Grünen, die am 29. Januar ihre Parole fassen. Eine Wahlempfehlung für Hodel wäre jedenfalls überraschend.

Allenfalls könnte die FDP am 3. März auch von einem Mitleidsbonus profitieren. Sie hat bereits vor drei Jahren einen Stadtratssitz an die Grünen verloren. Manche werden zögern, die Zürcher Grand Old Party gänzlich zu demütigen.

Wählbar, denkt man

Zudem hat die FDP seit ihrer umstrittenen Wahl Camins alles richtig gemacht. Camin positionierte sich als gemütlicher und patriotischer Familienmensch und Gewerbler, der niemandem wehtut. Er schmust weder mit links noch mit rechts zu heftig, grenzt sich aber auch nicht ab.

Zudem nützte die FDP den Zeitbonus. Sie zog ihre Nomination im Rekordtempo durch und pumpte viel Geld in eine zwar nicht auf Anhieb verständliche, aber sympathische Wahlwerbung («Verlässlich sei er, hört man» etc.). Camin ist in der Stadt nun bedeutend bekannter als vor zwei Monaten.

Das Beispiel Winterthur

Zudem darf Camin mit Befriedigung auf das Beispiel Winterthur schielen. In der dortigen Stadtratsersatzwahl setzte sich im letzten August eine Freisinnige gegen einen Grünliberalen durch – und zwar unter erschwerten Bedingungen. Denn die SVP kandidierte mit einer bekannten Persönlichkeit, welche der Freisinnigen viele Stimmen abnahm.

Und auch in der Eulachstadt gab es eine Störkandidatur von links aussen, welche den Grünliberalen Stimmen kostete. Der Unterschied zu Zürich: Der Zürcher Wolff wird viel mehr Wähleranteile holen als der Winterthurer Jungsozialist. Auch dies spielt Camin in die Hände.

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