Warum in Zürich die Trams fehlen

Die VBZ bauen plötzlich das Angebot ab. So überrascht, wie sich die Verantwortlichen selber geben, konnten sie aber nicht sein.

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Die VBZ sind das Edelstück der Stadtzürcher Dienstabteilungen: Trams und Busse prägen das Stadtbild, die Passagiere sind zufrieden, das Image ist gut. Doch am Montag nach den eidgenössischen Wahlen bekommt diese Vorzeigefassade einen dicken Riss: Die Verkehrsbetriebe geben bekannt, dass sie die Linie 17 per 25. November einstellen und den Fahrplan deutlich ausdünnen müssen – weil sie zu wenige Trams haben.

Die erfolgsverwöhnten VBZ verschleiern dabei ein wichtiges Detail: «Die Normalisierung kündigen die VBZ auf das Fahrplanjahr 2021 an, statt hinzustehen und zu sagen, auf Ende 2021, damit es auch jeder versteht. Dabei ist noch völlig unklar, ob dann genügend neue Flexity-Trams in Betrieb sein werden», kritisiert Gemeinderat Hans Jörg Käppeli (SP): «Lausig.» Mit Markus Knauss (Grüne) hat er im Gemeinderat eine Anfrage eingereicht, um mehr über den Entscheidungsprozess bei den VBZ zu erfahren.

Die Folgen der fehlenden Fahrzeuge: Die VBZ-Linie 17 wird per 25. November vorübergehend eingestellt, und der Fahrplan wird ausgedünnt. Foto: Sabina Bobst

Der plötzlich unumgängliche, massive Eingriff überrascht, doch das VBZ-Image musste bereits in den vergangenen zwei Jahren ein paar Kratzer erleiden: Die Verkehrsbetriebe stritten öffentlich mit den Gewerkschaften über die Arbeitsbedingungen. Auf der neuen 8er-Tramlinie gab es Verspätungen. Und dann, im vergangenen Frühling, der erste Ausnahmezustand auf dem Tramnetz: Alle Cobras mussten wegen einer defekten Gelenkstange in die Werkstatt. Weiter lancierte die Stadt einen Rufbus-Test, aber ohne behindertengerechte Busse. Auf der 8er-Linie sollten plötzlich keine Niederflurtrams mehr fahren. Das alles war nur der Auftakt.

Als VBZ-Direktor Guido Schoch an die Öffentlichkeit trat, um die Einstellung der Tramlinie 17 zu verkünden, sagte er, dass man sich nicht in den schlimmsten Träumen ausgemalt habe, dass es so lange dauern könnte, bis die ersten neuen Trams ausgeliefert würden. Nur: Dass es zu einem Tram-Engpass kommen wird, ist seit Jahren bekannt.

Rechtsstreit ist nur die halbe Wahrheit

Trotz der voraussehbar schwierigen Situation hätten die VBZ im letzten Jahr nur die Wiederinbetriebnahme zweier alter Mirage-Trams vorgenommen, schreiben Knauss und Käppeli in ihrer Anfrage. «Es ist doch erstaunlich», sagt Knauss, «dass die VBZ nun plötzlich mit diesen betrieblichen Massnahmen und einem Angebotsabbau reagieren müssen, obwohl die Verlängerung der 2er- und der 8er-Linie seit langem bekannt war.»

Dabei hatten die VBZ schon mehrfach angetönt, dass die Tramflotte ungenügend bestückt sei. Die Ursache dafür liege im Rechtsstreit bei der Vergabe, der zu Verzögerungen geführt habe, betonten sie stets. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Den Rechtsstreit gab es zwar – er begann im Juni 2016 und dauerte weniger als ein Jahr –, aber Beschwerden von unterlegenen Bewerbern sollte man in die Planung bei einer derart grossen Vergabe einrechnen. Die Periode vor dem Rechtsstreit und die Rolle des ZVV werden ausgelassen.

Die anderen sind schuld

Es war schon früher Sand im Getriebe: 2011 schreiben die VBZ die Trambeschaffung aus. Vier Hersteller bewerben sich, das Flexity von Bombardier gewinnt. Im Januar 2014 beantragen die VBZ beim ZVV eine Kostengutsprache von 358 Millionen Franken für die Trams von Bombardier. Der Verkehrsverbund zögert, will weitere Gutachten, eine Expertise scheitert. Der Verkehrsrat, der politische Kopf des ZVV, lehnt die Kostengutsprache schliesslich ab. Die Stadt beschwert sich beim Regierungsrat, und der kippt im September 2015 den Entscheid des Verkehrsrats.

VBZ und ZVV einigen sich auf einen gemeinsamen Gutachter, der den VBZ recht gibt. Anfang Mai 2016 spricht der Verkehrsrat schliesslich die Kosten gut. Im gleichen Jahr sollten eigentlich die ersten neuen Trams durch die Stadt rollen.

«Es ist noch völlig unklar, ob Ende 2021 genügend neue Flexity-Trams in Betrieb sein werden.»Hans Jörg Käppeli, SP-Gemeinderat

Was sagt der ZVV zur Vorgeschichte bei der Trambeschaffung? Dass der Verkehrsrat eine Zweitmeinung verlangt habe, sei angesichts der hohen Geldbeträge nötig gewesen, sagt ein Sprecher. «Für die jetzige bedauerliche Situation sind vor allem auch die Einsprachen der übrigen Mitbewerber in der Ausschreibung sowie die unvorhergesehene Häufung von Kollisionen und notwendigen Unterhaltsarbeiten verantwortlich.»

Ersatzfahrzeuge aus Helsinki?

Laut VBZ-Sprecherin Daniela Tobler prüften die Verkehrsbetriebe Lösungen, seit der Tram­man­gel absehbar war. Innerhalb der VBZ-Gremien habe man bereits seit August 2015 evaluiert, ob man aus anderen Städten, zum Beispiel Helsinki, Ersatzfahrzeuge beschaffen könnte. Die geprüften Varianten erwiesen sich aber unter Abwägung aller entscheidenden Kriterien entweder als zu teuer oder aus Sicherheitsgründen als nicht umsetzbar. Deshalb sei es zu jenem Zeitpunkt zu früh gewesen für konkrete finanzielle Verhandlungen mit dem ZVV.

Im Fall der Trams der Baselland Transport AG sei die Anschaffung auch technisch unlösbar gewesen. «Das Killerkriterium war der Spaltabstand zwischen Tür und Randstein der Haltestelle. Er hätte 35 Zentimeter betragen», sagt Tobler. Auch der Einbau eines fixen Trittbretts hätte den Spalt nicht genügend verschmälern können, wie von den BAV-Vorgaben gefordert. 2017 wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um weitere Massnahmen zu prüfen. Diverse wurden umgesetzt. Der Einsatz alter Mirage-Trams ist die vorerst augenfälligste Massnahme.

Wien gescheitert – VBZ halten an Zeitplan fest

Bei den Wiener Verkehrsbetrieben gibt es derzeit Verzöge­rungen bei der Auslieferung der Flexitys. Bis Ende Jahr hätten 16 neue Trams geliefert sein ­sollen, aber Bombardier schafft nur 10, wie österreichische Medien berichten. Offenbar gibt es Probleme bei den Zulieferern. Der Bau der Zürcher Trams sei gemäss Bombardier davon nicht betroffen, sagt Tobler. Sie hält am Zeitplan fest: Bis Ende 2021 sollten in Zürich wieder genügend Trams für einen Normalbetrieb vorhanden sein. Das erste Flexity trifft voraussichtlich am 15. November ein.

Erstellt: 31.10.2019, 21:51 Uhr

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