Warum Masochisten bessere Sportler sind

Wer ernsthaft trainiert, muss Schmerzen aushalten können. Wie man lernt, den Schmerz zu lieben.

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Wer einen Sport ernsthaft betreibt, entwickelt oft ein Liebesverhältnis dazu. Ich wuchte gern schwere Hanteln herum und bin total verliebt in diese doch eher simpel anmutende Beschäftigung. Die natürlich viel mehr ist als das. Dasselbe hätte ich vor ein paar Jahren auch über Laufsport oder Klettern gesagt und es wäre ebenso so wahr gewesen. Denn wie sich Beziehungen zu Menschen wandeln, so auch zu Sportarten.

Am Kraftsport beginnt alles mit einem Plan und einem Ziel. Egal, ob man fitter werden, nackt besser aussehen, seine Rückenschmerzen loswerden will. Wichtig ist der Fokus, dann legt man die Schritte fest, wie dies es erreichen ist. Und dann zieht man den Plan durch.

Die meisten Menschen halten Kraftsport für langweilig und dumm. Aber wie im Yoga gilt: Du erntest, was du hineinsteckst. Entscheidend ist nicht, welcher Muskel wie viel Gewicht in wie vielen Sätzen bewegt. Entscheidend ist, dass man sich verbessert. Das erfordert totale Hingabe, um jede Wiederholung so intensiv und genau wie möglich durchzuführen. Je genauer der Bewegungsablauf, je intensiver die Konzentration auf den Muskel, desto grösser der Trainingseffekt. Richtig ernsthaft trainieren heisst, im Moment der Durchführung einen Zustand von Zen, absoluter Konzentration zu erreichen.

Mit der Hingabe kommt die Schönheit. Ich verschreibe mich jeweils vollkommen meinen Übungen: Eine bestimmte Anzahl Sätze mit einer bestimmten Anzahl Wiederholungen, denen ich mich im Moment des Trainings sklavisch verschreibe. Gehe ich in einen Satz, existiert in diesem Moment nur noch die Zahl, die Übung, der Schmerz, der anzeigt, dass ich meinen Muskel richtig fordere. Beim hypertropen Training, das auf Muskelzuwachs zielt, gilt es zudem, sich regelmässig zu übertreffen. Also progressiv mit mehr Gewichten, mehr Wiederholungen zu trainieren, besser zu werden. Seit Jahren mache ich Ausfallschritte. Und immer noch lerne ich dazu.

Auch eine Neigung zum Sadomasochismus hilft, denn totale Hingabe endet oft im Schmerz. Sadistisch peitscht man sich zum Effort, masochistisch erduldet man, bis das Bewusstsein konzentrisch zu schwinden scheint, sich auf einen Punkt verengt, das Ziel, das von der Ohnmacht durch Erschöpfung trennt. Das Gewicht abzuwerfen, nach Luft zu schnappen und zu erleben, wie sich das Bewusstsein mit jedem Atemzug weitet, ist befriedigender als jede Droge.


Michèle Binswanger ist Autorin beim «Tages-Anzeiger», liebt Sport und Trainingsphilosophien. Wöchentlich schreibt sie die Work-out-Kolumne und postet regelmässig auf diesem Instagram-Kanal.

Erstellt: 14.11.2019, 17:20 Uhr

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