Warum sich die Ökonomie plötzlich fürs Stillen interessiert

Die Uni Zürich bekommt ein neues Forschungscenter spendiert – und riskiert damit laut Kritikern ihren Ruf. Das Center soll dem Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr unterstehen.

Die Kinderentwicklung rückt in den Fokus der Wirtschaftswissenschaft. Foto: Oksana Kuzmina (Alamy)

Die Kinderentwicklung rückt in den Fokus der Wirtschaftswissenschaft. Foto: Oksana Kuzmina (Alamy)

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Dem Zürcher Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr, der immer mal wieder als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wird, waren die Grenzen seines Fachs schon immer zu eng. Deshalb forscht er am liebsten über das Verhalten des Menschen, gerne interdisziplinär. Der 61-Jährige befasste sich ebenso mit der Selbstregulierung von Märkten wie mit Mädchenbeschneidung in Indien. Und er sagte nicht Nein, als ihn die UBS mit einem Institut beschenkte. Das wiederum brachte der Universität Zürich viel Kritik ein, weil sie die Details des 100-Millionen-Deals zunächst geheim halten wollte.

Gestern sprach Ernst Fehr vor den Medien nicht über Märkte, sondern übers Stillen. Genauer gesagt: über die Langzeitwirkung des Stillens auf Mutter und Kind. Wer frage, was das mit Ökonomie zu tun habe, habe ein falsches Verständnis seiner Disziplin, sagt Fehr. «Was macht Menschen glücklich? Was macht Menschen gesund? Wir interessieren uns längst für Fragen, die früher der Psychologie oder Soziologie vorbehalten waren.» Und da sei es etwa spannend zu erfahren, ob ein Kind später eine emotional gefestigtere Persönlichkeit entwickle, wenn es übers Stillen früh eine enge emotionale Bindung zur Mutter erlebt habe. Oder was genau der Auslöser sei, dass die eine Frau ihr Baby stille und die andere nicht. Nur die Hebamme?

Geschenk als Ausgangslage

Den Ausschlag dafür, dass sich der Spitzenökonom so rege fürs Stillen interessiert, gab wiederum ein Geschenk. Die Larsson-Rosenquist-Familienstiftung aus Zug überweist der Uni Zürich 10 Millionen Franken, um an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ein neues Forschungscenter zu schaffen. Es besteht aus einem Projektfonds und einer neuen Professur. Die Uni will sie möglichst bis zum Wintersemester 2018 besetzen. Was der gesponserte Lehrstuhl «für die Ökonomik der Kinder- und Jugendentwicklung mit Schwerpunkt auf Stillen» leisten soll, ist in einer Vereinbarung geregelt. Die Uni hat sie offengelegt. So geht es den Partnern darum, das Thema «auf der Forschungslandkarte zu etablieren».


Video: Ernst Fehr über den UBS-Deal

So erklärte Professor Ernst Fehr 2012, wie die UBS-Gelder für die Wirtschaftsforschung eingesetzt werden. Video: TA


Aus Sicht von Rektor Michael Hengartner passt das neue Center bestens zur Strategie der Uni Zürich, sich bei der Untersuchung der Kinder- und Jugendentwicklung zu profilieren. Es sei auch eine «wertvolle Erweiterung» der Professur für Muttermilchforschung, welche die gleiche Zuger Spenderin 2015 an der medizinischen Fakultät ermöglicht hat. Kostenpunkt: 20 Millionen.

Die 30 Millionen Franken, welche die Larsson-Rosenquist-Stiftung in Zürich investiert, sind allerdings nur ein Bruchteil ihres Engagements. Der Plan der Stiftung ist, «das Stillen von Babys mit Muttermilch weltweit wieder zu einer Selbstverständlichkeit zu machen». Das lässt sie sich jährlich 15 bis 20 Millionen Franken kosten, die an Universitäten und in Projekte rund um den Globus fliessen, wie die Geschäftsführerin Katharina Lichtner sagt.

Wer frage, was das mit Ökonomie zu tun habe, der verstehe seine Disziplin falsch, sagt Ernst Fehr.

Die Stiftung ist so liquide, weil die Larssons dort fast ihr ganzes Vermögen und auch ihr Unternehmen eingebracht haben. Die Firma Medela aus Baar stellt Milchpumpen und Stillzubehör her. Umsatz 2016: 600 Millionen Franken. Am alljährlichen Medela-Stillsymposium treten regelmässig Wissenschaftler auf, die von der Larsson-Stiftung gefördert werden. Für Unirektor Michael Hengartner ist diese kommerzielle Verbandelung kein Grund zur Vorsicht: «Ich hätte viel grössere Bedenken, wenn es eine Firma aus der Pharmabranche wäre.» Die Medela habe kein Monopol und gehöre noch dazu der Stiftung. «So kann sich die Familie auch nicht persönlich bereichern, wenn Forschungserfolge den Absatz von Milchpumpen fördern.»

«Toxisch für den Ruf der Uni»

Anders sieht das Staatsrechtler Markus Müller, der nach dem UBS-Wirbel den Aufruf zur Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit mitlanciert hat: «Die neue Professur ist nur schon darum problematisch, weil die Drittmittel für ein so enges Forschungsgebiet eingesetzt werden.» Wenn man dazu noch wisse, dass die Geldgeberin mit einer Firma für Stillzubehör verbunden sei, «ist das aus meiner Sicht toxisch für den Ruf einer Universität». Müller: «Sobald man weiss, woher das Geld kommt, können sich die beteiligten Wissenschaftler in ihrer Forschung noch so Mühe geben. Die Öffentlichkeit wird den Eindruck nie los, dass da noch andere Interessen im Spiel sind.»

Dieselben Vorbehalte wurden laut, als die Zuger Stiftung 2015 die erste Zürcher Professur spendierte. Die Uni dagegen stellt sie vor ganz andere Probleme: Sie hat bis heute noch niemanden gefunden, der den Lehrstuhl besetzt. Die einzige Favoritin aus dem ersten Berufungsverfahren habe Zürich einen Korb gegeben, so Hengartner. Jetzt sucht die Uni halt Nachwuchskräfte, die sich für die junge, aber gut dotierte Muttermilchforschung begeistern lassen.


Video: Muttermilch für alle

Frauen demonstrieren anlässlich der UN-Stillwoche in Mexiko-Stadt für das Recht aufs Stillen im öffentlichen Raum. Video: TA/Reuters


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 06:37 Uhr

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