Was Fiala zum Verhängnis wurde

Bei der Nationalrätin funktioniert ein eigentlich todsicheres Rezept nicht: Warum Doris Fiala schon wieder scheiterte.

Nationalrätin Doris Fiala unterlag dem Gemeinderat Michael Baumer. Foto: Urs Jaudas

Nationalrätin Doris Fiala unterlag dem Gemeinderat Michael Baumer. Foto: Urs Jaudas

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Das Rezept klingt einfach: Man nehme einen bekannten Nationalrat, lasse ihn für den Stadtrat kandidieren – und schon hat man einen Sitz auf sicher. Dass das funktioniert, hat Filippo Leutenegger vor drei Jahren vorgemacht.

Doch die FDP verzichtet darauf, diese Methode wieder anzuwenden. Bei der Nomination für die zweite FDP-Stadtratskandidatur stimmten die Delegierten am Dienstagabend gegen die Nationalrätin Doris Fiala und für den Gemeinderat Michael Baumer. Mit 62 gegen 51 Stimmen fiel das Resultat knapp aus. 6 Delegierte hätten gereicht, um es zu drehen. Manche sprechen deshalb von einem Zufallsentscheid. Die Wahl fiel vielen Beteiligten schwer. Beide, Fiala und Baumer, gelten als Kandidaten mit sehr guten Chancen. In ihren politischen Positionen unterscheiden sie sich kaum.

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Grob gesagt bildeten sich folgende Lager: Frauen und national ausgerichtete FDPler favorisierten Doris Fiala. Gemeinderäte und lokal tätige Delegierte bevorzugten Michael Baumer.

Kein zweiter Leutenegger

Sowohl der 42-jährige Baumer als auch die 60-jährige Fiala seien in der Partei bestens vernetzt, sagt Kantonsrat Marc Bourgeois. «Aber es sind andere Netzwerke. Die starken lokalen Kontakte verhalfen Michael Baumer zum Sieg.»

Michael Baumer geniesse grossen Rückhalt in der Gemeinderatsfraktion, sagt FDP-Gemeinderat Roger Tognella. «Als früherer FDP-Stadtpräsident und langjähriger Gemeinderat hat Baumer sehr viel geleistet in der Stadtpolitik.» Tognella führt dafür die neue Bau- und Zonenordnung an, die Baumer stark geprägt habe. «Er kennt die städtischen Dossiers. Ihm traut man zu, dass er Bündnisse über die Parteigrenzen hinaus schmieden kann.»

Frauen stimmten für Doris Fiala, Gemeinderäte für Michael Baumer.

Baumers mangelnde Prominenz vermochte seine Befürworter nicht abzuschrecken. «Bekanntheit ist nicht alles. Die AL hat es mit Richard Wolff auch geschafft», sagt Marc Bourgeois. Michael Baumer habe nun acht Monate Zeit, um sich überparteilich einen Namen zu machen. Zudem hätten viele in Betracht gezogen, dass die FDP mit Filippo Leutenegger bereits einen Stadtrat mit «hoher Auftrittskompetenz» habe, sagt FDP-Gemeinderat Andreas Egli. Doris Fiala hätte eine ähnliche Art mitgebracht. «Der eher ruhige Michael Baumer mit seinem profunden Zürich-Wissen ergänzt Leutenegger hingegen perfekt.»

Die Dringlichkeit, wieder einmal eine Kandidatin aufzustellen, sei für viele durch den Altersunterschied entkräftet worden, sagt Marc Bourgeois. Nicht nur die Geschlechterdurchmischung zähle. «Es gibt auch die Altersdurchmischung. Frau Fiala gehört der gleichen Generation an wie Herr Leuten­egger. Herr Baumer vertritt die Jüngeren. Sie müssen wir ansprechen.» Die Generation von Baumer bringe auch ein anderes Politikverständnis mit, findet Andreas Egli. «Sie kennt keine Berührungsängste mit der SVP. Sie hat diese alten Narben nicht mehr.» Auch Baumers Bewerbungsrede sei besser angekommen als jene von Fiala, sagt Roger Tognella. «Die Unentschiedenen hat er für sich gewonnen.»

Entrüstete FDP-Frauen

Gross sei die Enttäuschung unter den Unterstützerinnen von Doris Fiala gewesen, sagt Tatjana Tankosic, Präsidentin der Stadtzürcher FDP-Frauen. Mit Fiala ist die dritte Frau in Serie bei einer parteiinternen Stadtratsnomination einem Mann unterlegen. Die letzte FDP-Stadträtin, Kathrin Martelli, trat 2010 zurück. «Das ist zermürbend. Ich befürchte, dass die ständigen Niederlagen Frauen abschrecken», sagt Tankosic. Wahrscheinlich hätten die Delegierten nicht gegen Doris Fiala als Frau gestimmt, sagt Tankosic; vielmehr entschieden sie sich für Baumers lokale Verdienste. Tankosic ist aber weiterhin überzeugt, dass ein gemischtes Duo mehr Wählerinnen und Wähler überzeugt hätte. «Auch Doris Fialas Bekanntheit hätte uns stark geholfen», sagt sie.

FDP-Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel glaubt ebenfalls, dass Baumers Leistungsnachweis in der Stadtpolitik den Unterschied machte. Das Problem dabei sei, dass die Gemeinderatsfraktion der FDP derzeit stark von Männern geprägt werde. «Es ist logisch, dass es aus einer solchen Fraktion vor allem Männer weiter nach oben schaffen.» Deshalb halte sie es für zentral, dass die FDP bei den kommenden Gemeinderatswahlen im Februar 2018 möglichst viele Frauen aufstelle. «Aus ihnen wird dann hoffentlich die nächste FDP-Stadträtin hervorwachsen», sagt Rueff-Frenkel.

Erstellt: 22.06.2017, 07:25 Uhr

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