Google, Zürich und die Steuer-Frage

Der IT-Riese baut in Zürich aus. Heute eröffnet er seine neuen Büros im Gebäude der Sihlpost. Und wie war das mit dem Fiskus?

An der Kasernenstrasse werden die «Zoogler», die Zürcher Google-Mitarbeiter, künftig ein- und ausgehen. Foto: Reto Oeschger

An der Kasernenstrasse werden die «Zoogler», die Zürcher Google-Mitarbeiter, künftig ein- und ausgehen. Foto: Reto Oeschger

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Eigentlich ist es nur eine Büroeröffnung – doch das öffentliche Interesse ist riesig. Wenn heute das IT-Unternehmen Google seinen neuen Standort im historischen Sihlpostgebäude präsentiert, reist Bundesrat Johann Schneider-Ammann vom WEF in Davos nach Zürich. Mit dem Helikopter, wenn es das Wetter zulässt. Auch der langjährige Google-Chef Eric Schmidt, der heute den Verwaltungsrat der neuen Konzern-Holding Alphabet leitet, soll vor Ort sein. Google Schweiz ist der grösste Engineering-Standort ausserhalb der USA und der drittgrösste weltweit.

Und dieser Standort direkt beim Zürcher Hauptbahnhof wächst weiter. Das freut die Standortförderung. Image, Arbeitsplätze und die Forschung profitierten, sagt Markus Assfalg, Leiter der Standortförderung Kanton Zürich. Google bringe sich aktiv ein und integriere sich, so bilde die Firma seit kurzem auch Lehrlinge aus: «Das ist nicht selbstverständlich für ein US-amerikanisches Unternehmen, das mit unserem dualen Bildungssystem wenig vertraut ist.»

Bildstrecke – so sehen die bisherigen Büros von Google in Zürich aus:

Ein international führendes Digitalunternehmen wie Google gebe Zürichs Wirtschaft eine weitere Färbung, sagt Assfalg. Die sei ja sonst hauptsächlich für den Finanzplatz bekannt. Auch der Forschungsstandort Zürich profitiere, da Google diverse Kooperationen eingeht. Vor eineinhalb Jahren schloss die ETH mit dem IT-Konzern einen Rahmenvertrag für eine vertiefte Zusammenarbeit ab.

Auskunftssperre

Rund 2000 Menschen aus 75 Nationen arbeiten mittlerweile in Zürich für Google. Die Angestellten würden der Region und den hiesigen Unternehmen etwas bringen, «als Konsumenten beim Coiffeur oder im Restaurant; oder auch als Steuerzahler», sagt Assfalg. Aber wie viel Steuern das Unternehmen in Zürich zahlt, bleibt unklar. Der Konzern hat eine Auskunftssperre für die Daten des Steuerregisters erlangt. Eine Massnahme, die juristische Personen gemäss Steueramt «eher selten» anwenden.

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Google ist für Zürich ...





Googles Steuerpraxis ist von jeher intransparent. 2013 machte der TA publik, dass der Suchmaschinenanbieter in ­Zürich kaum Unternehmenssteuern bezahlte. Das Google-Modell fusste damals auf den sogenannten Double-Irish- und Dutch-Sandwich-Methoden. Fast alle Werbeumsätze, die Google in Europa generierte, wurden an eine irische Tochtergesellschaft weitergeleitet. Von dort floss das Geld weiter an eine andere irische Google-Tochter, deren Steuersitz auf den Bermudas liegt. Allfällige Verrechnungssteuern, die in Irland angefallen wären, flossen wiederum zu einer Firma in den Niederlanden und von dort in ein anderes Steuerparadies – die Bermudainseln. SP-Nationalrätin und IT-Unternehmerin Jacqueline Badran geht davon aus, dass Google diese Steuerpraktiken in der Schweiz nach wie vor anwendet. Bis Redaktionsschluss liess Google entsprechende Anfragen unbeantwortet.

Der IT-Konzern wurde für seine Steuerpraktiken weltweit kritisiert. Verwaltungsrat Eric Schmidt verteidigte damals die Sparstrategie so: «Ich bin sehr stolz auf die Struktur, die wir geschaffen haben. Das nennt man Kapitalismus.» Dem Kanton Zürich schien dies allerdings der Optimierung zu viel. Das kantonale Steueramt kontaktierte in der Folge die Konzern-Verantwortlichen, um über eine höhere Besteuerung zu verhandeln. Das Resultat der Gespräche ist unbekannt. Wenige Monate nach dem Treffen liess Corine Mauch lediglich verlauten, dass Google in Zürich «zu den 100 grössten Steuerzahlern» gehöre.

In Grossbritannien, wo Google ebenfalls ausbaut und einen Campus für bis zu 7000 Mitarbeiter ankündigte, wurde die Regierung bereits aktiv. Sie beschloss vor einem Jahr die sogenannte Google-Tax: Gewinne, die der Konzern ins Ausland verlagerte, wurden rückwirkend für zehn Jahre versteuert. Dies verpflichtete Google für eine Nachzahlung von 130 Millionen Pfund (umgerechnet rund 188 Millionen Franken).

Und es werden noch mehr

SP-Nationalrätin Badran wünscht sich, dass Google auch in der Schweiz mehr Steuern bezahlen würde. Der Konzern profitiere vom erstklassigen Schweizer Bildungssystem: «Da wäre es nur richtig, wenn Unternehmen, die unsere teuer ausgebildeten ETH-Leute abziehen, auch ihren Teil an die Kosten beitragen.» Weitere Steueroptimierungen könnte eine Annahme der Unternehmenssteuer­reform III (USR III) ermöglichen. Entscheidend seien die Steuerabzüge der sogenannten Patentbox. Dieser Teil der Reform sieht auch für Erträge auf Software einen Abzug von bis zu 90 Prozent vor. Softwarefirmen wie Google könnten davon je nach Ausgestaltung speziell profitieren, sagt Badran.

Ganz anders sieht das FDP-Ständerat und IT-Unternehmer Ruedi Noser: «Von der Patentbox könnte auch Frau Badrans IT-Firma profitieren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass solche Erleichterungen alle Unternehmen betreffen – die USR III schafft gleich lange Spiesse», so Noser. Für ihn überwiegen die Vorteile: «Ich bin überzeugt, dass die Befruchtung durch Google für Zürich und die ganze Region deutlich gewichtiger ist als der Frust über möglicherweise entgangene Steuern.» Mit solch dynamischen Firmen kämen Menschen und ­damit Ideen nach Zürich, die auch für andere Firmen interessant seien.

Bis 2020 sollen es noch mehr werden. Denn die heutige Eröffnung ist erst der Startschuss für die Ausbaustrategie von Google in Zürich. Gemäss SBB werden in den nächsten drei Jahren sämtliche Büroräume in der Europaallee bezugsbereit: insgesamt 150 000 Quadratmeter, wovon ein Drittel von Google gemietet wird. Das Potenzial für viele neue Google-Arbeitsplätze ist enorm, wie die NZZ bereits 2014 vorrechnete: Stehen jedem Mitarbeiter 10 bis 15 Quadratmeter zur Verfügung, dann könnten 2020 zwischen 3300 und 5000 sogenannte «Zoogler» – mit Anspielung auf Zürich – in der Europaallee ein- und ausgehen.

Erstellt: 16.01.2017, 23:25 Uhr

Entwickler: Was Google in Zürich produziert

1997 als Suchmaschine gestartet, ist Google heute ein mächtiger und weit verästelter Tech-Gigant. Das Unternehmen verkauft Handys, hat mit Android das beliebteste Smartphone-Betriebssystem, ist nach wie vor die führende Suchmaschine, verwaltet Fotos und E-Mails von Millionen Menschen, macht mit Webvideos dem klassischen Fernsehen Konkurrenz, archiviert Kunstwerke, arbeitet an selbst lenkenden Autos und verkauft Werbung. Bei diesem breiten Portfolio den Überblick zu behalten, ist nicht einfach. Zumal Google 2015 eine Dachgesellschaft namens Alphabet gegründet hat und zahlreiche Geschäftszweige in eigene Firmen ausgegliedert hat.

Eine Liste von Google Schweiz gibt nun Auskunft, an welchen Projekten der Standort Zürich beteiligt ist.

  • Google Suche: Die Websuche hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Zeigte Google in der Vergangenheit nur eine Reihe von Links auf Websites, sind nun immer mehr Boxen und Tabellen zu sehen, die die Frage bereits beantworten. Wer etwa nach einem Schauspieler sucht, bekommt gleich eine Registerkarte mit einer Kurzbiografie und den wichtigsten Filmen angezeigt. Wer nach der Fussball-Bundesliga-Tabelle sucht, bekommt die auch sofort angezeigt und muss keine Website öffnen. Diese Knowledge Graph genannte Funktion wird zu grossen Teilen in Zürich entwickelt.
  • Google Assistant: Zusammen mit den Pixel-Smartphones und der Chat-App Allo hat Google letztes Jahr einen smarten Assistenten vorgestellt, mit dem man sprechen oder chatten kann. Damit die Gespräche immer menschenähnlicher werden, kommt eine in Zürich entwickelte Konversationsmaschine zum Einsatz.
  • Youtube: In Zürich befindet sich das grösste Youtube-Team ausserhalb der USA. Unter anderem arbeiten die hiesigen Programmierer an Tools für Youtube-Filmemacher und an der Möglichkeit, urheberrechtlich geschütztes Material zu finden.
  • Google Anzeigen: Was genau im Anzeigenbereich in Zürich entwickelt wird, nennt Google nicht. Es gehe darum, die Qualität der Anzeigen zu verbessern.
  • Google Calendar: Mit dem eigenen Kalenderdienst hat Google eine Terminverwaltung sowohl für Private wie für Geschäftskunden im Angebot. In Zürich werden grosse Teile des Onlinekalenders entwickelt.
  • Gmail/Inbox: Der E-Mail-Dienst Gmail ist einer der weltweit beliebtesten. Mit Inbox hat Google zudem seit 2014 eine Variante mit vielen Automatismen im Angebot. In Zürich wird an den Hauptfunktionen des E-Mail-Dienstes gearbeitet.
  • G Suite: Ähnlich wie Microsoft mit Office hat Google mit G Suite eine Reihe von Tools und Programmen für Firmenkunden. Das Paket umfasst Textverarbeitung, Tabellen, Präsentationen, E-Mail, Kalender und Onlinespeicherplatz. Ein Zürcher Team arbeitet an Web-basierten Lösungen dafür.
  • Google Maps: Der Kartendienst von Google ist nach wie vor einer der beliebtesten, wenn nicht d e r beliebteste. Ein Team in Zürich soll dafür sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt.
  • Google Earth: Wenn es weniger um Suchen und Navigieren und mehr um Lernen und Staunen geht, kommt Googles virtueller Globus zum Einsatz. Auch daran ist Zürich massgeblich beteiligt.
  • Google Flights: Wer in die Ferien fliegt, ist gut beraten, Flugpreise zu vergleichen. Mit Google Flights hat der Tech-Konzern mit Zürcher Hilfe eine eigene Lösung im Angebot.
  • Google Trips: Ende 2016 hat Google mit Trips eine App speziell für Ferien und Reisen vorgestellt. Der Dienst nutzt Informationen aus Google Maps und macht unter anderem auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam. Dank Zugriff auf Google-Mails zeigt die App auch gebuchte Flüge, Hotelreservierungen und Mietautos an.
  • Maschinelles Lernen: Einer der wichtigsten Zürcher Beiträge lässt sich nicht einem einzigen Dienst oder einer einzigen App zurechnen. Maschinelles Lernen hilft unter anderem dem Dienst Google Translate, immer bessere Übersetzungen zu liefern. Bei Google Fotos hilft die Technologie, Fotos automatisch zu verschlagworten, sodass man mit einer Suche nach «Katze» alle Katzenfotos angezeigt bekommt. In Zürich befindet sich ein Forscherteam, das sich mit dieser immer wichtigeren Technologie im Bereich der künstlichen Intelligenz auseinandersetzt.

Bildstrecke – so sehen die bisherigen Büros von Google in Zürich aus:

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