Angriff auf Sanitäter: «Was kommt nach den Flaschen und Steinen?»

Wenn selbst Retter sich in Zürich nicht mehr sicher fühlen: Sanitäter Marco Neumann über Gewalt bei Einsätzen.

«Beschimpfungen, Drohungen, Anspucken und Pöbeleien gehören für uns fast zum Alltag»: Sanitäter Marco Neumann. Foto: Reto Oeschger

«Beschimpfungen, Drohungen, Anspucken und Pöbeleien gehören für uns fast zum Alltag»: Sanitäter Marco Neumann. Foto: Reto Oeschger

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Marco Neumann schüttelt, angesprochen auf den Vorfall vom vergangenen Samstag, den Kopf. Seine Stimme wird leiser: «Die Härte und das Ausmass dieser Attacke haben mich überrascht.» Und er fragt ratlos: «Was kommt nach den Flaschen und Steinen?»

Am Hauptsitz von Schutz & Rettung Zürich am Neumühlequai sorgt der Vorfall für viel Gesprächsstoff: Kollegen von Neumann waren am Samstagabend ausgerückt, weil ein 18-Jähriger von Unbekannten an der Seepromenade niedergestochen worden war. Die Sanitäter konnten dem jungen Mann, der sich in Lebensgefahr befand, nicht sofort helfen. Mehrere Dutzend Personen hatten Polizisten angegriffen. Sie waren wegen des Verbrechens zusammen mit der Sanität ausgerückt. Die Angreifer warfen Flaschen und Steine auf die Polizisten.


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Obwohl die Sanitäter nicht direkt angegriffen wurden, mussten sie sich selbst schützen. Sie verschanzten sich in ihrem Rettungswagen. Wichtige Minuten verstrichen. Minuten, in denen der schwer verletzte 18-Jährige blutend auf einer Bank lag.

Schutz als oberste Priorität

Dass die Retter selber vor solch massiven Attacken nicht mehr sicher sind, findet Neumann bedenklich. Der 42-Jährige ist einer von insgesamt 130 Rettungssanitätern bei Schutz & Rettung Zürich. Der gelernte Offsetdrucker begann 1999 seine Ausbildung und ist seit einigen Monaten Leiter Dienstgruppe, zuvor war er 13 Jahre lang Teamleiter. Der Vorfall am Wochenende ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, obwohl er selbst nicht im Einsatz war. «Wenn wir ohne Hilfe der Polizei nicht mehr zu den Patienten kommen, dann wird es in dieser Stadt schwierig», sagt er.

Marco Neumann weiss, wovon er spricht. Er ist schon mehrmals im Einsatz angegriffen worden. Deshalb spricht er auch von Glück, dass seine Kollegen am Wochenende nicht verletzt worden seinen. Sie hätten absolut richtig gehandelt. In einem solchen Fall müsse das Rettungsteam zuerst selbst Schutz suchen, bevor es hilft. «Bei uns Sanitätern hat der Eigenschutz oberste Priorität, dies wird bereits in der Ausbildung spezifisch geschult.»


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Die Zürcher Stadtpolizisten sollen definitiv mit Bodycams ausgerüstet werden. (Video: Nicolas Fäs, SDA)


Neumann rückt im Durchschnitt 30-mal pro Monat für Rettungseinsätze aus. Durch seine langjährige Erfahrung weiss er genau, wo die Hotspots in der Stadt Zürich liegen, in denen es zu brenzligen Situationen kommen kann: Zum Beispiel im Langstrassen-Quartier, in dem vor drei Jahren ein Rettungs­sanitäter bewusstlos geschlagen worden war. Oder auch in gewissen Clubs, bei denen bekannt ist, dass bei den Besuchern oft Drogen und Alkohol im Spiel sind.

Überdurchschnittlich viele Einsätze mit Betrunkenen geschehen nach wie vor am Wochenende, wobei auch werktags viel los ist, denn das ausgehfreudige Publikum der 24-Stunden-Spassgesellschaft ist immer häufiger auch unter der Woche aktiv. Marco Neumann unterscheidet bei den Einsätzen unterschiedliche Schweregrade der Gewalt. «Schwere körperliche Angriffe sind bei uns nach wie vor die Ausnahme», sagt er, «Beschimpfungen, Drohungen, Anspucken und Pöbeleien gehören für uns hingegen fast zum Alltag.»

Mehrere Angriffe erlebt

Marco Neumann kann sich noch gut an einen eigenen Vorfall erinnern, als er urplötzlich mit Gewalt konfrontiert war. Es geschah vor einigen Jahren an einem Street-Parade-Wochenende. Er musste an die Seepromenade ausrücken. Es kam die Meldung, eine betrunkene Person liege am Boden. «Als wir eintrafen, stürzte der Betrunkene mit einem Messer fuchtelnd auf uns zu.» Sie konnten ausweichen, und der Mann beschädigte stattdessen den Rettungswagen.

Krawalle in Zürich: Vermummte und Gaffer griffen am Samstagabend Polizisten und Sanitäter an. (Video: Tamedia/Leserreporter, 18. August 2018)

In einem anderen Fall wollte er einen Mann, der unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand, aufwecken. «Kaum hatte ich mich über ihn gebeugt, bekam ich mit voller Wucht einen Faustschlag ins Gesicht, sodass ich nach hinten kippte.» Dies sei so schnell gegangen, er habe gar keine Zeit mehr gehabt, zu reagieren. Häufig seien bei Einsätzen auch psychisch kranke Leute betroffen.

Sicherer dank Pfefferspray

Es ist für ihn belastend, dass es nun im urbanen Umfeld immer häufiger vorkomme, dass Rettungseinsätze von der Polizei eskortiert werden müssten. «Als Sanitäter will ich so schnell wie möglich dem Patienten helfen, stattdessen muss ich damit rechnen, vor Ort auf Gewalt zu treffen. Das ist ein unangenehmes Gefühl.» Wie schützt er sich? Er deutet auf die schwarz-gelbe Pfefferspraydose an seinem Gürtel. «Den habe ich bei einem Einsatz immer dabei. Ich fühle mich sicherer, obwohl ich ihn noch nie gebrauchen musste.»

Das Tragen des Sprays ist freiwillig, drei Viertel der Rettungssanitäter machen davon Gebrauch. Wer will, kann zudem eine Schlag- und Stichweste anziehen. Auch dies ist freiwillig, und sie ist wegen ihres Gewichts von sechs Kilogramm auch nicht bei allen beliebt.

Draussen rast der nächste Rettungswagen mit heulender Sirene den Neumühlequai hinab. Hat er Angst vor seinen nächsten Einsätzen? «Angst ist das falsche Wort. Ich stelle mir vielmehr die Frage, wie ich mich noch besser schützen kann.»

Erstellt: 22.08.2018, 06:57 Uhr

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