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Was sich hinter den Kasernenmauern verbirgt

2020 gibt die Kantonspolizei die alte Militärkaserne frei. Bis dahin bleibt das Gebäude für die Bevölkerung geschlossen. Wir haben für Sie einen Blick hineingeworfen.

Das Kasernenareal von Zürich: Links im Bild die Reithalle, auf der gegenüberliegenden Flussseite die alte Militärkaserne und im Anschluss an die Exerzierwiese das Zeughausareal.
Das Kasernenareal von Zürich: Links im Bild die Reithalle, auf der gegenüberliegenden Flussseite die alte Militärkaserne und im Anschluss an die Exerzierwiese das Zeughausareal.
TA
Lichtblick im Innern der Kaserne: Die ehemalige Kantine dient heute als Aufenthaltsraum für die Polizeiaspiranten.
Lichtblick im Innern der Kaserne: Die ehemalige Kantine dient heute als Aufenthaltsraum für die Polizeiaspiranten.
Doris Fanconi
Die Anfänge der Kasernenanlage: Mit der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 ging auch eine Modernisierung der Armee einher. Nachdem zuvor die militärischen Anlagen überall in der Stadt verteilt waren, fand nun eine Zentralisierung des Militärwesens statt.
Die Anfänge der Kasernenanlage: Mit der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 ging auch eine Modernisierung der Armee einher. Nachdem zuvor die militärischen Anlagen überall in der Stadt verteilt waren, fand nun eine Zentralisierung des Militärwesens statt.
ZVG
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Hier sind sie damals durchgeritten, die Soldaten hoch zu Ross. Das Geräusch der Hufe erfüllte die Passage zur Exerzierwiese und der Geruch von Pferdeäpfeln lag in der Luft. Ab und zu ist wohl auch ein General einer Kutsche entstiegen und über eine der Treppen rechts oder links der Halle in die oberen Etagen geschritten, wo sich Büros und Schlafsäle befanden – ordentlich aneinander gereiht in Richtung Sihl, erschlossen durch Gänge, die sich über die gesamte Länge der Gebäudeflügel erstrecken und mit ihrer durchgehenden Fensterfront den Blick in den Innenhof freigeben.

Es muss ein Kommen und Gehen gewesen sein durch die offenen Tore der stattlichen Anlage. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn man im Eingangsbereich der alten Kaserne steht. Militärischer Drill von den Stallungen der Reithalle bis hin zu den Zeughäusern.

Heute gehen noch immer Uniformierte in der Kaserne ein und aus: Seit Anfang der 70er-Jahre nutzt die Zürcher Kantonspolizei das Areal. Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss sind die Polizeischulen von Stadt und Kanton Zürich zusammengeführt. Doch das Ende dieser Ära ist absehbar. In vier Jahren zieht das Polizeikorps ins neue Polizei- und Justizzentrum an der Hohlstrasse. Einzig die Polizeikaserne, das Backsteinhaus gleich neben der Militärkaserne, wird weiterhin von der Polizei genutzt – so jedenfalls sieht es die momentane Planung vor.

Funktionalität vor Ästhetik

Bis dahin bleibt das Bauwerk aus dem Jahr 1876 für die Zivilbevölkerung geschlossen und fristet weiterhin ein Dasein als Provisorium, was sich an allen Ecken bemerkbar macht. Denn bei der Umnutzung der Räume ist man relativ unzimperlich vorgegangen. So wurden die grosszügigen Treppenaufgänge, die in die beiden Gebäudeflügel führen, im Erdgeschoss kurzerhand zugemauert. Nur der kümmerliche Rest eines Handlaufs ragt noch wie ein nutzloser Wurmfortsatz aus dem Mauerwerk heraus. Wer heute in die oberen Etagen gelangen will, braucht ganz profan einen Badge oder einen Schlüssel.

Im Obergeschoss setzt sich dieses Bild fort. Auch hier geht Funktionalität vor Ästhetik. Im Gang vor den Schulungszimmern stehen ein paar Metallstühle neben einem dürren Gummibaum. Aluminiumverkleidete Lüftungsrohre durchbohren die Mauern, Leichtbauwände unterteilen holzgetäferte Zimmer. Für angehende Ingenieure oder Architekten wäre die Kaserne ein perfektes Anschauungsstück: Die Dichte verschiedenster Baustile und technischer Einrichtungen aus unterschiedlichen Epochen ist beeindruckend. Einzig die ehemalige Kantine, die eine sanfte Renovation erfahren hat und heute als Aufenthaltsraum für die Polizeiaspiranten genutzt wird, ist mit den gut erhaltenen Holzsitzbänken, den Stützsäulen und Wandverkleidungen ein Lichtblick.

Sanierungen vorerst nicht vorgesehen

Die baulichen Eingriffe sind aber nicht so brachial, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Zwar ist man gemäss Roger Strub von der Kantonalen Denkmalpflege bei den Umbauten «eher pragmatisch» vorgegangen. An der Grundsubstanz sei dadurch aber nur wenig Schaden entstanden. Die Einbauten lassen sich relativ leicht wieder entfernen. Allerdings mache sich bemerkbar, dass man mit Erneuerungen am Kasernengebäude bisher sehr zurückhalten war, so Strub. «Es wurden vor allem provisorische Massnahmen ergriffen – auch beim Aussenverputz. Deshalb wirkt die Kaserne heute wie ein Flickwerk.»

Tatsächlich musste über dem Zugang zum Innenhof ein kleines Vordach errichtet werden, das vor herunterfallenden Fassadenteilen schützt. Trotzdem sind laut Markus Pfanner, Mediensprecher der kantonalen Baudirektion, vorerst bei den Zeughäusern und der Militärkaserne keine grossen Sanierungsmassnahmen vorgesehen. «In welchem Umfang nach dem Auszug der Polizei saniert und erneuert wird, steht derzeit noch nicht fest.»

Café mit Zugang zur Kasernenwiese

Beim jetzigen Zustand der Kaserne und beim Blick auf die eher lieblos eingerichteten Räume braucht es in der Tat sehr viel Fantasie, um sich die künftige Nutzung vorstellen zu können. Ist die Polizei nämlich einmal ausgezogen, könnte gemäss Pfanner im Erdgeschoss beispielsweise eine Cafeteria oder eine Bibliothek für die Öffentlichkeit eingerichtet werden. Allenfalls mit direkten Zugängen zur Wiese im Innenhof.

In den oberen drei Etagen soll dereinst das Bildungszentrum für Erwachsene (Bize) des Kantons Zürich einziehen. Die Unterbringung von Schulräumen in der Militärkaserne mache aus denkmalpflegerischer Sicht Sinn und entspreche der Gebäudetypologie, sagt Strub. Auch die Erschliessung des Erdgeschosses und der Innenhöfe für die Öffentlichkeit passe zur Geschichte des Areals. «Eine Trennung zwischen militärischer und ziviler Welt gab es nämlich erst zu Beginn des 1. Weltkrieges. Davor standen die Militärkantinen auch der Bevölkerung offen, und auf dem Exerzierplatz fanden regelmässig grössere Veranstaltungen statt wie beispielsweise 1903 das eidgenössische Turnfest.»

Eine Schlossanlage für Zürich

Wie viel Platz der Bevölkerung bald zur Verfügung stehen wird, erschliesst sich einem erst, wenn man das ganze Areal vom Zeughaus aus betrachtet. Fällt erst der Maschendrahtzaun weg, der momentan noch den öffentlich zugänglichen Bereich vom provisorischen Bezirksgefängnis trennt, verdoppelt sich die Freifläche, und auch die Baumallee entlang der Zeughausstrasse wird künftig nicht mehr Autos, sondern Parkbesuchern Schatten spenden. Die Parkplätze werden aufgehoben, das Gefängnisprovisorium abgebaut.

Durch diese Öffnung wird auch der Blick frei auf die Grandezza des gesamten Ensembles. Selbst Strub kommt bei dem Gedanken ins Schwärmen. Die Architektur sei herausragend und müsse den internationalen Vergleich mit anderen militärischen Bauten jener Zeit nicht scheuen. «Das Ganze hat den Auftritt einer Schlossanlage, und wenn mit der Öffnung des Kasernenareals die Wege zwischen den Häusern wieder frei zugänglich sind, wird diese gewaltige Achse erst richtig erkennbar, und die drei Gebäudekomplexe sind wieder stärker miteinander verbunden.» Mit anderen Worten: Zürich bekommt ein wenig Pomp – und darauf kann man sich durchaus freuen.

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