Was Sie noch nicht über den Uetliberg wussten

Verunglückte Bergsteiger, Botellóns und ein am 1. August eröffneter Prunkpalast, der als Brennholz endete: Den Zürcher Hausberg umranken viele Geschichten.

Feudaler Prunkbau auf dem Zürcher Hausberg: «Hôtel & Pension Uetliberg»

Feudaler Prunkbau auf dem Zürcher Hausberg: «Hôtel & Pension Uetliberg» Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

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Wer in Zürich lebt, kennt den Uetliberg – oder zumindest denken das die meisten Zürcherinnen und Zürcher. Doch der Hausberg hat so manche Überraschungen parat, die wir hier zusammengetragen haben. Wussten Sie beispielsweise,

...dass Hotelier Caspar Fürst vor genau 144 Jahren – am 1. August 1875 – ein Etablissement eröffnete, das im In- und Ausland als Sensation galt? Das Haus hiess zuerst «Hotel & Pension Fürst», dann «Hôtel & Pension Uetliberg» und schliesslich «Grand-Hotel Uetliberg». Es hatte 150 Zimmer, einen Speisesaal für 200 Personen und «Damen-, Conversations-, Lese- und Billardsalons». Die Geschäfte liefen allerdings nicht wie geplant. Von finanziellen Nöten getrieben, liess Fürst sein Hotel 1878 abbrennen. Der Plan schien aufzugehen, die Versicherung zahlte. Doch sein Schwiegersohn denunzierte den Hotelier. Fürst musste wegen Brandstiftung ins Gefängnis.


...dass auch das heutige Bergrestaurant Staffel mit Fürst verbunden ist? Die geschiedene Frau des umtriebigen Hoteliers liess den Vorgängerbau, die «Pension Uto Staffel», 1878 errichten. Er musste 1977 nach einem Brand abgerissen werden. Fürsts Häuser waren allerdings nicht die ersten Wirtschaften auf dem Uetliberg. Schon 1815 diente das Häuschen der Hochwacht auf dem Gipfel als einfache Beiz und 1839/40 bot das im Chaletstil erbaute «Gast- und Kurhaus Uetliberg» den Gästen, die sich auf Eseln hinaufschleppen liessen, Luft- und Molkenkuren an.

Die Pension Uto Staffel um 1885: Das Haus wurde nach einem Brand 1977 abgebrochen (Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)


....dass das erste tödliche Absturzopfer am Uetliberg ausgerechnet ein Bergsteiger war? Friedrich von Dürler, dem 1837 die erste touristische Besteigung des Tödis gelang, kehrte am Abend des 8. März 1840 mit seinen Freunden im Restaurant auf dem Uetliberg ein und wettete dort – vermutlich angeheitert – mit ihnen, dass er schneller in der Stadt unten sei als sie. Seine Kumpane stiegen daraufhin den regulären Weg hinab, von Dürler nahm die Abkürzung durch eine steile, gerade Rinne, in der Baumstämme zu Tal befördert wurden. Dummerweise war die Rinne vereist. Der Bergsteiger und Naturforscher stürzte über einen Felsen, schlug unglücklich mit dem Kopf auf und starb. Seine Freunde errichteten auf dem Grat östlich des heutigen Restaurants Uto Staffel einen Gedenkstein, den so genannten Dürlerstein.

Berühmtes Todesopfer: Der Bergsteiger Friedrich von Dürler stürzte am Uetliberg in den Tod. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)


...dass es auf dem Uetliberg zwei Skisprungschanzen gab? Der Schnee ist mittlerweile rar in Zürich. Die drei Kilometer lange Schlittelpiste vom Uetliberg hinab bis zum Triemli ist nur noch an wenigen Tagen befahrbar. In früheren Jahren gab es aber noch derart viel Schnee, dass sich auf dem 869 Meter hohen Hausberg sogar der Betrieb zweier Skisprungschanze lohnte. In den 30er-Jahren unterhielt der Turnverein Unterstrass eine Skihütte samt Sprungschanze. Eine weitere, 1954 in 4000 Arbeitsstunden von mehreren Zürcher Skiclubs erbaute Schanze befand sich etwas unterhalb der Gratstrasse im Gebiet Alt-Uetliberg. In den 1970er-Jahren soll dort ein gewisser Herr Zehnder den Schanzenrekord von 41,5 Metern aufgestellt haben. Noch bis 1985 fanden auf der Holz- und Eisenkonstruktion, deren Anlaufgerüst 12 Meter hoch war, regelmässig Wettkämpfe statt. 1994 wurde die Anlage schliesslich abgebrochen.

Skispringen auf dem Uezgi: Ein Wettkampf auf der Schanze des TV Unterstrass.


...dass der Denzlerweg eine Kurierstrecke war? Wer sich am Ende des steilen und stufenreichen Aufstiegs erschöpft auf eine Bank sinken lässt, sollte voller Bewunderung an den Namensgeber des Weges denken. Der wackere Bäcker Felix Denzler (1863–1917) hat nämlich über Jahre hinweg täglich auf diesem Weg frische Backwaren von der Bäckerei an der Augustinergasse 46 in der Zürcher Altstadt hinauf zu den Hotelgästen getragen. Der Startpunkt seiner rund einen Kilometer langen Wandertour lag auf einer Höhe von etwa 560 Metern über Meer, das Ziel auf 870 m.ü.M. Über 4000 Mal soll er diese Strecke bewältigt haben – und das nota bene nicht mit leichten Taschen, sondern schweren Brotkörben. Dass diese Strecke nun seinen Namen trägt, hat er sich wahrlich verdient.


...dass es schon 1928 so etwas wie einen Waldkindergarten gab? Damals hat die Stadt Zürich nämlich auf der Aegertenterrasse am Uetliberg eine Freiluftschule eröffnet – in einem ehemaligen Hotelbau von Caspar Fürst. Dort besuchten geschwächte Stadtkinder den Unterricht. Als man feststellte, dass das Haus baufällig ist, wurde es 1943 abgebrochen. Mit den angefallenen rund 900 Ster Holz hat die Stadt im darauffolgenden Kriegswinter ihre Schulhäuser geheizt.

Unterricht an der frischen Luft: Schüler der Zürcher Freiluftschule (Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)


...dass die Uetlibergbahn die zweitsteilste Adhäsionsbahn Europas ist? Sie überwindet die Steigung von beinahe 80 Promille einzig über die Haftreibung der Räder. Am 12. Mai 1875 wurde die Strecke Zürich Selnau – Uetliberg eröffnet. Zu jener Zeit schoben Dampflokomotiven die Personenwagen auf den Gipfel. Das Geschäft lief allerdings nicht rosig. Um über die Runden zu kommen, musste die damalige Besitzerin, die Uetlibergbahn-Gesellschaft, zwischenzeitlich eine Lokomotive an die Wädenswil-Einsiedeln-Bahn vermieten. Im Oktober 1920 musste die Gesellschaft den Bahnbetrieb einstellen, weil wegen des Ersten Weltkriegs die Touristen ausblieben. 1922 nahm sie mit Hilfe der Stadt wieder Fahrt auf – ab 1923 unter Strom. 1932 übergab die Stadt der Sihltalbahn den Betrieb. Seit 1973 hält das Unternehmen die Aktienmehrheit und hat ihren Namen in Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn (SZU) umgewandelt. Die Verlängerung der Strecke bis zum Hauptbahnhof erfolgte 1990. Seitdem ist der Zürcher Hausberg mit dem S-Bahn-Netz verbunden. Als steilste Adhäsionsbahn Europas gilt mit 85 Promille der Südast der Linie U15 der Stadtbahn Stuttgart.

Die Anfänge: Bergstation der Uetlibergbahn im 19. Jahrhundert (Bild: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)


...dass der Zürcher Hausberg nicht nur schweizweit eines der wichtigsten Verbreitungsgebiete der Eibe ist, sondern mit seinem Bestand von zehntausend dieser Eiben auch von europäischer Bedeutung? Die Baumart ist heute die seltenste aller einheimischen Nadelbäume. Sie gilt in der Schweiz als gefährdet, in Deutschland ist sie sogar geschützt. Die Stadt Zürich hat deshalb auf dem Uetliberg «Eibenförderungsgebiete» ausgeschieden und eigens einen Eibenlehrpfad mit Skulpturen und Eibenbrunnen erstellt, auf dem die einzigartigen Bäume erkundet werden können. Eiben wachsen zwar sehr langsam, können dafür aber bis zu 3000 Jahre alt werden – älter als die meisten anderen Baumarten der Schweiz. Sofern sie denn spriessen können und nicht schon als Keimlinge von Waldtieren gefressen werden. Der Heisshunger der Tiere auf die feinen Triebe und die Übernutzung des witterungsbeständigen Holzes durch den Menschen haben dazu geführt, dass Eiben ein rares Gut geworden sind.

Rarer Anblick in der Schweiz: Die Früchte einer Eibe (Bild: Keystone)


...dass Feiern auf dem Uezgi schon in früheren Jahrhunderten gang und gäbe war? Aktenkundig ist, dass Jugendliche jeweils an Auffahrt Botellóns «uff dem Hütteliberg» veranstalteten und sich dort die Zeit mit «trincken, spilen, dantzen und anderweg allerlei Lychtfertigkeit» vertrieben. So auch Margaretha und Catherina Müller. Die beiden Schwestern mussten deshalb vor dem sogenannten Stillstand antreten, einer Aufsichtsbehörde unter der Leitung des ortsansässigen Pfarrers. Gemäss Stillstandsprotokoll sollen die beiden im Jahr 1642 an Auffahrt auf dem Uetliberg getanzt haben. Weil beide weinend um Verzeihung baten, «hatt man ihnen verzigen und sie im friden hingelassen», notierte der zuständige Pfarrer Hans Konrad Wirz.

Erstellt: 01.08.2019, 08:14 Uhr

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