Zum Hauptinhalt springen

Was wäre, wenn das «Juwel» bliebe?

Zürich hat untersuchen lassen, was ein Fortbestand der gefeierten Interims-Tonhalle bedeuten würde.

Hannes Nussbaumer
Der Temporärsaal, konzipiert als monumentale Holzbox in einem historischen Industriegebäude, ist zum Star geworden. Foto: Hannes Henz
Der Temporärsaal, konzipiert als monumentale Holzbox in einem historischen Industriegebäude, ist zum Star geworden. Foto: Hannes Henz

Im Herbst 2017 wurde sie eröffnet – als Provisorium bis 2020: die Tonhalle Maag beim Prime Tower im Zürcher Kreis 5. Sie ist die Ersatzheimat für das Tonhalle-Orchester während der Renovation der Traditions-Tonhalle am See beim Bürkliplatz.

Dieser Temporärsaal, konzipiert als monumentale Holzbox, die wie eine Schuhschachtel in ein historisches Industriegebäude geschoben wurde, ist nun freilich selber zum Star geworden. Musiker und Musiksachverständige sind begeistert. Von einem «Gottesgeschenk» ist die Rede (so Dirigent Franz Welser-Möst), von einem «Wunder» oder einem «Juwel» – dazu einem sehr preiswerten Juwel: Der Bau kostete vergleichsweise bescheidene 10 Millionen Franken.

Mit dem Enthusiasmus kam der Wunsch nach mehr Tonhalle Maag. Beziehungsweise der Wunsch, dass der Saal nicht nach den drei Umbaujahren liquidiert werde, sondern dass aus dem Provisorium eine Dauerbereicherung des Zürcher Kulturlebens werde.

Der Präsident der Tonhalle-Gesellschaft, der ehemalige Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP), begann in dieser Angelegenheit schon wenige Monate nach der Eröffnung des Provisoriums Gespräche zu führen. Von städtischer Seite bekam der Saal ebenfalls viel Applaus, gleichzeitig warnte Kulturdirektor Peter Haerle aber vor zu viel Euphorie, da ein Weiterbetrieb der Tonhalle Maag mehrere Hürden zu nehmen habe.

Ein Defizit bleibt

Gestern machte die «NZZ am Sonntag» nun publik, dass eine Nutzungsstudie zur Tonhalle Maag vorliege. Diese zeige auf, dass in Zürich eine Nachfrage bestehe nach einem zweiten grossen Konzertsaal – ergänzend zur «alten» Tonhalle am See. Und zwar sowohl eine Nachfrage beim Publikum wie eine bei den Veranstaltern. Allerdings lässt sich die Halle gemäss Studie nicht kostendeckend betreiben – es bleibe ein jährliches Defizit von rund 600 000 Franken.

Kulturdirektor Peter Haerle bestätigt, dass die Stadt diese Studie in Auftrag gegeben hat. Gemäss Haerle ist die Stadt bereit, einen Beitrag zur Deckung des Defizits zu prüfen. Allerdings müssten mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu gehöre, dass ein Betreiber gefunden werde, so Haerle, «und da ist meines Wissens bisher niemand in Sicht». Zudem könne eine Erweiterung der Zürcher Veranstaltungsinfrastruktur nur gelingen, wenn sich alle Veranstalter bei der Programmierung sehr gut absprechen würden.

Knackpunkt dürfte die Suche nach dem Betreiber sein. Könnte es die Tonhalle selber sein? Präsident Vollenwyder sagt: «Die Tonhalle-Gesellschaft ist aus finanziellen Gründen nicht in der Lage, zwei Standorte zu betreiben. Sie wäre aber interessiert, an zehn bis maximal zwanzig Tagen die Tonhalle Maag zu bespielen.» Punkto Betreibersuche würden «Kontakte zu infrage kommenden Organisationen» bestehen, so Vollenwyder.

Glücksfall Kostendruck

Schliesslich hängt die Zukunft der Tonhalle Maag auch entscheidend davon ab, was die Eigentümerin des Maag-Areals im Sinn hat: die Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site, der auch der Prime Tower gehört. Diese plant auf dem Areal einen Neubau, gemäss «NZZ am Sonntag» soll dieser die Tonhalle Maag aber nicht tangieren.

Und was würde ein Fortbestand der Tonhalle Maag für den Bau selber bedeuten? Lässt sich ein Provisorium ohne weiteres in eine Dauerlösung umwandeln? Verantwortlich für den Bau der Interims-Tonhalle war das Zürcher Architekturbüro Spillmann Echsle. «Sicherheitstechnisch und akustisch ist der Saal absolut kein Provisorium», sagt Harald Echsle. Auch punkto Klima-, Licht- und Bühnentechnik sei der Saal auf dem neuesten Stand.

Bei den Zugängen, den Platzverhältnissen rund um den Konzertsaal, den relativ langen Wegen für das Orchester sowie bei den Künstlergarderoben habe man aufgrund des engen Provisoriumsbudgets Kompromisse eingehen müssen. «Hier würden wir nochmals ansetzen bei einem Bau für die Ewigkeit», so Echsle. Von der Euphorie, die das Provisorium auslöst, sind auch die Architekten überrascht: Sie seien nach den ersten Reaktionen des Orchesters und den akustischen Messungen zwar zuversichtlich gewesen, dass der Saal funktioniere. «Dass aber Musiker und Publikum so begeistert sind, haben wir in diesem Ausmass nicht erwartet», sagt Architektin Annette Spillmann.

Der Erfolg der Tonhalle Maag, so Spillmann, sei zum einen dem speziellen Ort geschuldet: einer einstigen Zahnradfabrik in einem ehemaligen Industriequartier, das sich zum kulturell lebendigen Stadtteil gewandelt habe. Zudem sei der Bau von Beginn weg in engem Austausch mit dem Münchner Akustiker Karl-Heinz Müller entwickelt worden. «Und schliesslich hat uns der grosse Kostendruck gezwungen, uns auf das Wesentliche zu beschränken. Das hat sich als Glücksfall erwiesen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch