Was wir vom Reihenhaus lernen sollten

Reihenhäuser haben in Zürich ausgedient – ihr wesentlicher Vorzug lässt sich aber auch in einer verdichteten Stadt erhalten.

Die Gärten bieten Raum für Begegnung: Reihenhäuser an der Hardturmstrasse. Bild: Keystone

Die Gärten bieten Raum für Begegnung: Reihenhäuser an der Hardturmstrasse. Bild: Keystone

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Man darf schon etwas wehmütig werden. In Zürich verschwinden nach und nach jene genossenschaftlichen Reihenhäuser, die in der Nachkriegszeit zur dominanten Wohnform einer rasch wachsenden Stadt wurden. Bei allem Mief und aller Enge, die spätere Generationen damit assoziierten: Heute fällt es schwer, sich dem Charme dieser aus der Zeit gefallenen Quartiere zu entziehen, in denen man unbewusst hinter der Ecke Polizischt Wäckerli erwartet. Ein Spaziergang durch den Zürcher Friesenberg ist ein Erlebnis, das sich lohnt, solange es noch möglich ist. 

Von Wehmut sollte man sich jedoch nicht die Urteilskraft trüben lassen. Es ist richtig, dass viele Genossenschaften ihre Reihenhäuser durch zeitgemässere Wohnformen ersetzen. Also durch solche, die Platz für mehr Menschen bieten. Überzeugende Alternative zur innerstädtischen Verdichtung gibt es nicht, wenn man das Land vor Zersiedelung bewahren will. Dennoch sollte man den Verteidigern der Reihenhäuser zuhören. Meist handelt es sich um aktuelle oder ehemalige Bewohner, aus deren Erfahrungen sich Lehren von ungebrochener Gültigkeit ziehen lassen. Das gilt insbesondere für ihre positive Bewertung der miteinander verbundenen Gärten. Ein Raum der Begegnung, in dem nicht zuletzt Kinder frei und zugleich beaufsichtigt aufwachsen können.

Verslumte Grünwüsten

Das Privatgärtchen ist zwar ein Luxus, der sich in der Stadt nicht mehr länger halten lässt, aber die Kernidee der Gartenstadt müsste man deshalb nicht derart unbekümmert fallen lassen, wie das zuweilen geschieht. Das zeigt sich nicht zuletzt in diesem Sommer, in dem man sich wieder der mikroklimatischen Vorteile von Bäumen, Büschen und Brunnen bewusst wird. Derweil in manchen Neubausiedlungen Kind und Käfer in der Hitze durch kubistische Betonlandschaften krabbeln.

Hinter solchen Negativbeispielen vermutet man gerne rein ästhetische oder finanzielle Motive. Sie lassen sich aber oft auch als Reaktion auf frühere missglückte Versuche erklären, das Modell des Vorgartens in aufgeblähter Form auf den Städtebau anzuwenden. Die moderne Architektur hatte eine Zeit lang die unselige Tendenz, Hochhäuser als isolierte Solitäre in eine Fläche von diffusem «Umgebungsgrün» zu stellen. Mit der Konsequenz, dass diese ausfransenden Grünwüsten verslumten. Sie wurden nicht als öffentliche Räume wahrgenommen und blieben wenig belebt – ausser von zwielichtigen Gestalten.

Daher kam man darauf zurück, öffentlichen Raum wie ein Zimmer mit Wänden einzufassen, damit er als solcher fassbar ist. Und übertrieb es mit der Aufgeräumtheit. Dabei müssten sich Raumerlebnis und eine planvolle Bepflanzung nicht ausschliessen. Gelungene Beispiele zeigen, wie sich beides verbinden lässt, wodurch ein ganz ähnlicher Begegnungsraum entsteht, wie er die Qualität der Reihenhausquartiere ausmachte. Eine langjährige Reihenhausbewohnerin, die in Zürich kürzlich in die neue Siedlung Entlisberg II gezogen ist, schwärmt vom Zusammenleben, das dort im sorgfältig gestalteten Innenhof zwischen Wildpflanzen, Obstbäumen, Spielplätzen, Gemeinschaftsräumen und offenen Sitzplätzen entstanden sei. Darüber müsse man mal schreiben, findet sie. Voilà.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 09:12 Uhr

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