Was die Stadt Zürich gegen die Hitzewelle unternimmt

In Zürich dürfte diese Woche der Hitzerekord von 2003 gebrochen werden. Die Stadt bereitet sich vor.

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Hitze und kein Ende. Auf Zürich kommen Tage zu, an denen die Meteorologen Temperaturen bis zu 36, vielleicht sogar 37 Grad erwarten. «Das ist aussergewöhnlich heiss», sagt Stefan Scherrer von Meteonews. Es sei gut möglich, dass am Donnerstag der Rekordwert vom Hitzesommer 2003 übertroffen werde. «Damals haben wir in der Stadt Zürich 36,0 Grad gemessen. In Kloten sogar 37,1 Grad – der höchste Wert im Kanton Zürich seit Messbeginn.»

Die Hitzewelle wird laut Scherrer bis Montag andauern. «Regen oder Gewitter können wir bei der gegenwärtigen Wetterlage zu 100 Prozent ausschliessen. Es gibt also keine Hilfe von oben.» Hinzu kommt, dass es auch in der Nacht kaum mehr Kühlung geben wird. Ab Mittwoch werden die Temperaturen voraussichtlich nicht mehr unter 20 Grad sinken – die Meteorologen sprechen dann von Tropennächten.

Die heissesten Orte der Stadt: Das Hitzemodell der ETH Zürich vom 22. Juni 2018.

Vor allem in der Zürcher Innenstadt, wo die Wärme sich in Hausfassaden und auf dem Asphalt speichert, werden die Temperaturen erbarmungslos ansteigen, wie eine Karte der ETH zeigt. Wie also wappnen sich die Stadt und ihre verschiedenen Departemente gegen der Hitzewelle? Wir haben nachgefragt.

Ein Hitzetelefon für die Stadt

Weil grosse Hitze für betagte Menschen besonders belastend ist, hat der Stadtärztliche Dienst von Zürich erstmals ein Hitzetelefon eingerichtet. Unter der Nummer 044 / 412 00 60 können sich alte Menschen telefonisch beraten lassen, wie sie sich zu Hause am besten gegen die heissen Temperaturen wappnen. Auch kostenlose Hausbesuche sind möglich. Das Telefon ist bis September wochentags von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr, an Wochenenden zwischen 9.30 und 16.30 Uhr bedient.

Jetzt ist Nachbarschaftshilfe gefragt

Viel trinken: 1 bis 1,5 Liter am Tag ist ein Muss. (Bild: Keystone)

Für Spitäler, Alters- und Pflegeheime sind die kommenden Hitzetage besonders anspruchsvoll. Betagte Menschen haben eine schlechtere Wärmeregulation, schwitzen weniger und nehmen in der Regel zu wenig Flüssigkeit zu sich. Das beeinträchtigt das Herz-Kreislauf-System und macht sie anfälliger für Hitzestress. «In den städtischen Einrichtungen sind sämtliche Mitarbeitenden für solche Situationen sensibilisiert», sagt Vera Schädler vom Gesundheits- und Umweltdepartement Zürich.

Unter anderem besuchen sie die besonders hitzeanfälligen Patienten häufiger als üblich und achten darauf, dass die Bewohnerinnen und Bewohner leichte Kleidung aus Leinen oder Baumwolle tragen und regelmässig trinken – nötigenfalls mit einem Trinkmengenprotokoll. Das Essen wird auf mehrere kleine Mahlzeiten mit leichter Kost aufgeteilt.

Älteren Menschen, die zu Hause wohnen, rät Schädler dazu, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen. Zum Beispiel die Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken sicherzustellen, sei es per Lieferdienst oder vielleicht auch mit der Hilfe von Angehörigen oder Nachbarn. «Es wäre jetzt eine gute Gelegenheit, bei alten Menschen im gleichen Haus mal zu klingeln und zu fragen, ob man helfen kann», sagt Schädler. Sie verweist aber auch auf Betreuungsmöglichkeiten durch den Besuchsdienst der Pro Senectute.

Vorsicht: Herabfallende Äste

Die Hitzetage bedeuten auch für die Natur Stress. Weil in den kommenden Nächten die Temperaturen kaum sinken, besteht laut Lukas Handschin, Sprecher von Grün Stadt Zürich (GSZ), die Möglichkeit, dass bei Bäumen selbst gesunde Äste abbrechen. Deshalb sperrt GSZ jene Bereiche ab, wo bereits in früheren Jahren Äste abgebrochen sind – unter anderem neben dem Seebad Enge.

Beim Wässern konzentrieren sich die Mitarbeitenden von GSZ auf junge Bäume, Grabbepflanzungen und stark beanspruchte Sportrasen, um die grössten Schäden zu minimieren. «Pflanzen müssen grundsätzlich von allein wachsen können und sich die Nährstoffe und das Wasser selber aus dem Boden holen», sagt Handschin.

Obwohl es brütend heiss wird, stehen bei GSZ nicht mehr Leute im Einsatz. Wer in diesen Tagen draussen arbeiten müsse, beginne die Arbeit nach Möglichkeit in den kühlen Morgenstunden, sagt Handschin. Am Nachmittag werde wann immer möglich im Schatten gearbeitet oder gewässert. «Die Sonnencreme wird von uns zur Verfügung gestellt», so der GSZ-Sprecher.

Ansturm in Sicht

Kühlung und Genuss: Die Zürcher Badis erwarten überdurchschnittlich viele Gäste (Bild: TA)

Wo gehen die meisten hin, wenn die Hundstage kommen? In die Badi. Und diese sind für den Ansturm gerüstet, wie Manuela Schläpfer vom Zürcher Sportamt sagt. «Die Teams vor Ort freuen sich darauf, dass es nach dem eher verhaltenen Saisonstart jetzt richtig los geht.»

Derzeit werden die Mitarbeitenden von den Betriebsleitern der Stadtzürcher Freibäder laut Schläpfer nochmals auf die Hitzetage eingeschworen. In diesen Tagen stehen laut Schläpfer mehr Leute im Einsatz und es wird darauf geachtet, dass interne Weiterbildungen nach Möglichkeit nicht gerade jetzt stattfinden, sondern erst wenn es ruhiger werde. «Wir erwarten diese Woche überdurchschnittlich viele Gäste und werden in den kommenden Tagen vermehrt Aushilfen aufbieten, die unsere Teams unterstützen.»

Mehr Leute im Bad bedeute mehr Reinigungsaufwand, mehr Abfall und die Aufsicht am Wasser werde ebenfalls anspruchsvoller. Die grösste Herausforderung sei es aber, am Ende eines Baditages die Gäste zu motivieren, das Bad wieder zu verlassen – damit auch die Bademeisterinnen und Bademeister ein wenig Feierabend haben.

Hitzeferien gibt es nicht

Mag sein, dass die Kinder bei 36 Grad nicht mehr besonders gut mitmachen im Unterricht – aber die Schule findet in jedem Fall statt, «da Eltern in ihren Jobs ja auch nicht hitzefrei bekommen», sagt Regina Kesselring, Kommunikationsleiterin des Zürcher Schulamts. Zudem sei es nicht unbedingt besser für die Kinder, wenn sie schulfrei haben und sich zum Beispiel auf einem besonnten Platz zum Fussballspielen treffen.

Um die Hitzetage für alle erträglich zu machen, haben die Lehr- und Betreuungspersonen die Möglichkeit, den Unterricht ins Freie zu verlegen, in Sportlektionen weniger bewegungsintensive Übungen zu machen, in den Wald zu gehen, eine Schulreise zu unternehmen. «Wichtig ist, der Sonne so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen», sagt Kesselring. Die grösste Herausforderung sei der Nachmittag, wenn Temperatur und Ozonwerte ansteigen. «Da ist für alle Beteiligten sicher ein grundsätzlicher Slowdown angesagt.»

In Vollmontur bei 36 Grad

Maximal kurze Ärmel: Stadtpolizist in Zürich im Einsatz (Bild: Keystone)

In der aufgeheizten Stadt unterwegs zu sein, ist auch für Polizisten kein Schleck. Die Mitglieder des Polizeicorps können zwar kurzärmelige Uniformoberteile anziehen. Wer allerdings Tattoos am Arm hat, muss diese auch an heissen Tagen abdecken – und kurze Hosen gibt es erst gar nicht. «Polizisten stehen im Fokus der Öffentlichkeit und können nicht mit Shorts an einem Tatort oder einer Unfallstelle erscheinen», sagt Polizeisprecher Marco Cortesi.

Besonders hart trifft es die Mitglieder der Spezialeinheit Skorpion, die jeweils eine 30 Kilogramm schwere Ausrüstung tragen. In Zürich sind rund um die Uhr zwei Patrouillen dieser Sondereinheit auch bei rekordhohen Temperaturern in Vollmontur unterwegs, damit sie ohne Zeitverlust im Einsatz stehen können.

Ob es bei grosser Hitze zu mehr Auseinandersetzungen kommt, ist laut Cortesi statistisch nicht erfasst. Sicher sei jedoch, dass die Polizei häufiger wegen Lärmklagen ausrücken müsse. «Das ist zwangsläufig so, weil die Leute sich eher draussen als drinnen aufhalten und dann mehr Lärm entsteht. Übermässiger Alkoholkonsum spielt in solchen Fällen meist auch eine Rolle.»

Günstiges Wasser für kühle Köpfe

Hereinspziert, bitte: In den Cobra-Trams ist es immer angenehm kühl (Bild: TA)

Kühler geht es bei den VBZ zu und her: Die Arbeitsplätze der Tram- und Busfahrer sind fast alle klimatisiert, und die Klimaanlage ist sogar individuell einstellbar. Damit die Mitarbeitenden im hektisch-heissen Stadtverkehr sicher unterwegs sind und kühlen Kopf bewahren, reduzieren die VBZ über die Sommerzeit den Preis für Wasserflaschen aus den Getränkeautomaten in den Depots und Garagen. Das Fahrpersonal darf ausserdem anders als die Polizisten kurze Hosen oder Röcke tragen – und muss Tattoos seit kurzem nicht mehr abdecken.

Für die Fahrgäste gibt es allerdings klimatische Unterschiede. Während die 88 Cobra-Trams stets gekühlt werden, gibt es bei den älteren Tram 2000 nur die Möglichkeit, die Fenster zu öffnen, damit die heisse Luft wie ein Föhn durch den Innenraum bläst. Wer darauf verzichten will, wartet am besten das nächste Cobra-Tram ab. Das kommt bestimmt.

Es hat genügend Nass

Über etwas müssen wir uns in Zürich keine Sorgen machen: Dass uns das Wasser ausgehen könnte. Da die Stadt den grössten Anteil Wasser aus dem Zürichsee entnimmt, gibt es auch in Hitzeperioden keine Engpässe in der Versorgung. «Die Versorgung ist nicht vom Grundwasser oder von Quellwasser abhängig», sagt Riccarda Engi von der Wasserversorgung Stadt Zürich.

Das gilt auch für die 67 Vertragspartnergemeinden rund um die Stadt, die nebst ihrer regulären Grund- und Quellwasserversorgung Züriwasser beziehen. «Diese Gemeinde müssen selbstverständlich bei solcher Hitze auf ihre Grundwasserstände schauen. Sind diese ausgeschöpft, beziehen sie bei uns Wasser – je nach dem unangekündigt innert kürzester Zeit in hohen Mengen.»

Erstellt: 24.06.2019, 15:28 Uhr

Was Sie tun können, um kühl zu bleiben


  • Regelmässig trinken, selbst wenn man keinen Durst hat, und zwar 1 bis 1,5 Liter pro Tag.

  • Am besten trinken Sie Wasser, verdünnte Fruchtsäfte oder ungesüssten Tee

  • Auf eine ausreichende Versorgung mit Salz achten – beispielsweise mit einer Bouillon

  • Kühl duschen oder den Körper mit kalten Fuss- und Armbädern erfrischen

  • In der Nacht die Räume lüften und die Fenster tagsüber mit Rolläden geschlossen halten

  • Einen Waschlappen nass machen, zum runterkühlen kurz im Tiefkühler lagern und danach aufs Gesicht oder in den Nacken legen. Oder Pfefferminzöl in Wasser lösen, ein Tuch damit tränken, auswringen und auflegen


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