WC-Ärger auf dem Bauschänzli

Wer beim bekannten Restaurant auf der kleinen Insel in der Limmat auf die Toilette will, muss 2 Franken bezahlen. Das Angebot an einlösbaren Bons stösst Gäste vor den Kopf. 

Ob Gast oder nicht – wer hier aufs stille Örtchen will, muss bezahlen: Eingang zum WC des Restaurants Bauschänzli. Foto: Andrea Zahler

Ob Gast oder nicht – wer hier aufs stille Örtchen will, muss bezahlen: Eingang zum WC des Restaurants Bauschänzli. Foto: Andrea Zahler

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Der Mann ist aufgebracht: «Jetzt habe ich mit meiner Frau für knapp 100 Franken bei Ihnen konsumiert und muss nun noch 2 Franken für das WC bezahlen. Das ist der Gipfel!» Er ist nicht der einzige Gast, der sich bei den Mitarbeitern auf dem Bauschänzli beschwert. Diesen ist die Situation peinlich, doch sie können nicht viel tun – ausser, sich zu entschuldigen. Einer sagt etwas zerknirscht: «Wir wissen, die Lösung ist etwas blöd.»

Wer auf dem Bauschänzli nahe der Quaibrücke aufs WC will, muss neu einen Zweifränkler in einen Automaten werfen, damit er das Drehkreuz passieren kann. Der Automat druckt einen 2-Franken-Bon aus, auf dem steht, dass er im Take-away- oder Selbstbedienungsbereich eingelöst werden kann.

Das Problem dabei: Die meisten Bauschänzli-Gäste haben ihr Essen und ihre Getränke bereits bezahlt, wenn sich das Bedürfnis fürs stille Örtchen einstellt. Von den 800 Plätzen im riesigen Gartenlokal befinden sich die allermeisten im Selbstbedienungsbereich. Wer kommt, nimmt ein Tablett, bestellt Essen und Getränke, geht zur Kasse und sucht sich dann einen Platz zum Essen.

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Den Gutschein an der Kasse des Sebstbedienungsrestaurants gegen einen Zweifränkler eintauschen können die Gäste nicht, die Bauschänzli-Mitarbeiter dürfen dafür kein Bargeld aushändigen. An anderen Orten ist das üblich: An Open-Air-Konzerten oder Fussballspielen können Besucher ihre Bierbecher an einer Theke zurückgeben und erhalten dafür ihr Depot zurück. Was dem Bauschänzli-Gast übrig bleibt: eine Stange Züri-Hell von der Bierbrauerei Uster für 6.60 Franken holen und dafür nur 4.60 Franken bezahlen. Oder den Bon ins Portemonnaie stecken und für den nächsten Besuch aufbewahren. Oder ihn wegwerfen und den Ärger runterschlucken.

Stadt verlangt auch Geld

Das Bonsystem eingeführt hat die Candrian-Gruppe, die das Bauschänzli diesen Frühling übernommen und vor knapp drei Wochen wiedereröffnet hat. Die Stadt hat das prestigeträchtige Freiluftrestaurant an bester Lage Anfang dieses Jahres nach einer Ausschreibung der Candrian-Gruppe zugeschlagen, die Firma Tschanz musste den 1400 Quadratmeter grossen Biergarten nach 26 Jahren verlassen.

Das Unternehmen habe sich aus verschiedenen Gründen für das Bonsystem mit dem Zweifränkler entschieden, sagt Candrian-Geschäftsleitungsmitglied Claudio Bieri. «Von den über 7000 Besuchern über die Ostertage erhielten wir 50 bis 80 kritische Rückmeldungen», räumt er ein. «Wir verlangen den gleichen Betrag, den die Stadt für ihre Züri-WC erhebt», sagt Bieri. Das Bauschänzli sei grundsätzlich ein öffentlicher Raum, der für alle zugänglich sein müsse und nicht nur für die Kundschaft, das sei eine Vorgabe der Stadt als ­Besitzerin. «Unsere Hauptverpflichtung ist es, die ganze Insel in einem sauberen und aufgeräumten Zustand zu halten, auch die WC-Anlagen.» Wer nicht auf dem Bauschänzli konsumiere und die Toilette benutze, solle dafür auch bezahlen.

Das WC werde zudem nicht nur von Gästen und Passanten benutzt, sondern auch von vielen Touristen, die auf den nahen Carparkplätzen abgeladen würden. Eine Unterscheidung zwischen konsumierendem und nicht konsumierendem Gast sei bei hohen Frequenzen an schönen Tagen unmöglich. Ein System mit einem Nummerncode wurde verworfen, weil der Code etwa unter den Cartouristen schnell weitergegeben werde. Ebenso sei das System mit einem Jeton bei den hohen Gästefrequenzen im Selbstbedienungsbereich nicht sinnvoll. Ein ­ solches betreibt die Candrian-Gruppe in einem Teil ihrer bedienten Gastrobetriebe wie etwa in der Brasserie Federal im HB.

Stadt hat keine Einwände

Candrian wird trotz verärgerter Kunden am 2-Franken-System festhalten. «Wir glauben, dass ein sauberer Standort mit einem sauberen WC einen gewissen Wert hat», sagt Bieri. In absehbarer Zeit will er aber die Information auf dem Bon sowie die Anschrift auf dem Drehkreuz verbessern. Erklärt wird das System bisher nur auf Deutsch. Erfahrungswerte, wie viele der Bons überhaupt eingelöst werden, hat Candrian noch keine.

Die WC-Anlage auf dem Bauschänzli liegt für Passanten des Stadthausquais und die Cartouristen ideal: Sie ist gleich nach der kurzen Fussgängerbrücke auf dem Inselchen installiert. Die nächste öffentliche Toilette ist das Züri-WC in der Nähe des Stadthauses, die Benutzung kostet 1 Franken. Auf dem Bürkliplatz hats für die Männer ein Pissoir und ein Züri-WC der Stadt, beide sind gratis.

Das Zürcher Familienunternehmen Candrian führt mittlerweile über 40 Betriebe; zahlreiche im Hauptbahnhof Zürich, aber auch die Brasserie Lipp, das Restaurant Clouds im Prime Tower und die Brasserie Schiller am Sechseläutenplatz. Dazu gehört auch das exklusive 5-Stern-Hotel Suvretta House in St. Moritz.

Die Stadt als Besitzerin des Grundstücks war informiert darüber, wie die Candrian-Gruppe es mit dem Zutritt zu den Toiletten auf dem Bauschänzli halten will. Die Verantwortlichen der Liegenschaften Stadt Zürich (LSZ) hatten keine Einwände, wie die LSZ-Medienstelle mitteilt. Sie führe die Restaurants nicht selber und lasse ihren Mieterinnen und Mietern die nötige unternehmerische Freiheit.

Migros City krebste zurück

Ein vergleichbares System wie das Bauschänzli hatte die Migros City nach dem Umbau im Restaurant im obersten Stockwerk 2014 eingeführt – und bereits ein Jahr später wieder abgeschafft. Kundinnen und Kunden mussten dort 1 Franken in einen Automaten werfen und erhielten dafür einen Coupon, den sie ­sowohl in einem Selbstbedienungsrestaurant, einem Supermarkt oder einem Fachmarkt der Migros einlösen konnten.

«Das Drehkreuz wurde gegen Vandalismus, Drogenkonsum, Diebstahl von WC-Papier oder Verunreinigungen eingeführt und erwies sich als wirkungsvoll», sagt Francesco Laratta von der Migros-Genossenschaft Zürich. Die Situation in den WCs habe sich verbessert. Doch auch die negativen Kundenreaktionen haben dazu geführt, dass die Migros die Drehkreuze mit dem Automaten demontiert hat. Seither ist der Gang aufs WC dort wieder kostenlos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2019, 21:08 Uhr

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