Neues Zürcher Fussballstadion: «Die Türme müssen weg»

Die SP macht einen brisanten Vorschlag: Sie will die zwei Hochhäuser des Hardturmprojekts streichen. Ansonsten scheitere es an Rekursen.

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Der Rekurstod verläuft langsam und zermürbend. Ringling, eine Siedlung in Höngg, ist auf diese Art verschieden – elf Jahre dauerten die Gerichtsverfahren. Das erste Projekt für ein neues Hardturmstadion erlag ebenfalls an Einsprachen.

Nun droht auch dem dritten Hardturmprojekt ein solches Ende – das zumindest befürchtet die Stadtzürcher SP. Derzeit berät die Finanzkommission des Gemeinderats darüber, am Schluss wird das Volk entscheiden. «Auch bei einem Ja wird das Stadion wegen Einsprachen sehr lange nicht gebaut – oder gar nie», sagt SP-Gemeinderat Florian Utz.

Eine weitere Rekursleiche auf dem Hardturm will die SP vermeiden. Dafür, so die Partei, müsse man den grössten Risikofaktor des Projekts ausschalten: die zwei Hochhäuser. «Sie müssen weg», sagt Utz. An ihrer Stelle soll eine Blockrandsiedlung entstehen, erstellt durch eine Genossenschaft. Das fordert die Partei in einem Rückweisungsantrag, der dem «Tages-Anzeiger» vorliegt.

Video: «Ohne Stadion keine Zukunft für GC und FCZ»

«Das neue Stadtion ist für unsere Zukunft alles oder nichts», sagt GC-Präsident Stephan Anliker zum geplanten Hardturm. Video: Tamedia (Juni 2016)

Der jetzige Stadionvorschlag von Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) ist ein Misch­geschäft: Auf dem städtischen Grundstück in Zürich-West sollen neben der Fussballarena eine Genossenschaftssiedlung sowie zwei 137 Meter hohe Türme entstehen. Die Hochhäuser dienen dabei nicht nur zum Wohnen – ihre Mieterträge würden das 105 Millionen Franken teure Stadion querfinanzieren. Direkt müsste die Stadt also nichts bezahlen. Als Gegenleistung für dieses Sponsoring bekäme die Investorin Credit Suisse den Boden für die Türme billiger. Mit diesem «Gratisstadion»-Vorschlag reagierte der Stadtrat auf das knappe Volks-Nein beim zweiten Anlauf zum Hardturm. Dieser scheiterte vor allem an den Kosten.

Die Folge der Verknüpfung ist: ohne Türme kein Stadion. Doch die Hochhäuser seien «juristisch schon beinahe gestorben», sagt Florian Utz. Die Totengräber wohnen gleich gegenüber, am Hang von Höngg. Dort hat sich ein bürgerlich geprägtes Widerstandskomitee geformt. Sein Hauptargument: Die Hochhäuser stünden zu nahe am Hönggerberg und verstellten die Aussicht, was dem Hochhausleitbild widerspreche. «Wir werden bis zum Schluss kämpfen», sagt Mitinitiant Marcel Knörr, Architekt und ehemaliger FDP-Gemeinderatspräsident.

Video: Canepa zum neuen Stadion

«Eine optimale Lösung»: FCZ-Präsident Ancillo Canepa. Video: Nicolas Fäs (September 2017)

Für ihre Fehde haben die Gegner einen gefürchteten Baujuristen geholt. Peter Heer bodigte vor zwei Jahren überraschend das Ringlingprojekt. Das Bundesgericht entschied: Einen Bonus in Höhe und Grösse kriegt nur, wer städtebaulich besonders wertvolle Pläne vorlegt. «Die Türme liefern keinen solchen Mehrwert», sagt Florian Utz. «Im Gegenteil. Sie sind ein städtebaulicher Fehler.»

Bei einem Verzicht auf die Hochhäuser würden sich die Höngger Gegner wohl zurückziehen. «Mit einer Blockrandsiedlung von rund 40 Meter Höhe können wir leben», sagt Marcel Knörr. «Wir sind ja nicht gegen das Stadion.»

Eine Milliarde günstiger?

Aus Sicht der SP zahlt sich die turmlose Lösung auch finanziell aus, denn das sogenannte Gratisstadion sei alles andere als gratis, sagt Florian Utz. Die Credit Suisse erhält den Boden für die Türme zu einem vergünstigten Baurechtszins – 1 Million pro Jahr statt 2,7 Millionen. Hinzu kommen bessere Bedingungen beim Heimfall. Alles Land, das die Stadt im Baurecht abgibt, bekommt sie irgendwann zurück. Dafür zahlt die Stadt jeweils eine Entschädigung. Bei den Stadiontürmen wird diese hoch ausfallen: Die Credit Suisse darf den gestiegenen Wert der Hochhäuser laut derzeitigem Vertrag zu 80 Prozent einfordern. Würde die Stadt das Grundstück hingegen an eine Genossenschaft abtreten, könnte sie einen höheren Baurechtszins verlangen, rund 1,6 Millionen im Jahr. Auch der Heimfall käme günstiger, da die Stadt bei Genossenschaften nichts an die Wertsteigerung zahlen muss.

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Die SP hat die Kosten durchgerechnet, ausgehend von einem 92 Jahre dauernden Vertrag und einer durchschnittlichen Wertsteigerung von 1,5 Prozent pro Jahr. In diesem Fall müsste die Stadt einer Genossenschaft 239 Millionen zurückzahlen. Die Credit Suisse hingegen bekäme 1,27 Milliarden von der Stadt, also rund eine Milliarde mehr. Im Gegenzug müsste Zürich die Stadionbaukosten von 105 Millionen Franken übernehmen, wovon die Fussballclubs 20 Millionen bezahlen. «Das bleibt die wesentlich günstigere Variante», sagt Florian Utz.

Rendite von 4,5 Prozent sei illegal

Türme mit teuren Wohnungen widersprächen zudem dem Willen der Zürcher Bevölkerung, findet die SP. Genossenschaftswohnungen auf dem Areal würden mindestens um ein Viertel günstiger ausfallen als jene in den Hochhäusern. Zudem strebe die Credit Suisse eine Rendite von 4,5 Prozent an, sagt Utz. Diese sei laut Bundesgericht beim jetzigen Referenzzinssatz illegal. «Das darf Zürich nicht unterstützen.»

Verliererin der SP-Lösung wäre denn auch die Grossbank. Sie müsste auf die zwei Türme verzichten. Rechtswidrig sei das nicht, sagt Florian Utz. Dass Parlament und Volk mitredeten, sei stets klar gewesen. «Änderungen sind daher legitim.» Der Baukonzern HRS, der beim jetzigen Vorschlag alle Gebäude erstellt, könnte laut SP diesen Auftrag behalten.

In Kürze wird die zuständige Kommission über die SP-Idee beraten, später der Gemeinderat. Ob sie Chancen hat, ist offen. Unter den gewöhnlichen SP-Verbündeten löst der Antrag wenig Freude aus. Er halte es für ungeschickt, kurz vor Torschluss nochmals alles zu ändern, sagt AL-Fraktionschef Andreas Kirstein. Wenn man ein Stadion möchte, sei die Turmlösung unter den jetzigen Bedingungen «halbwegs sinnvoll». Bei der SP-Variante sehe er viele Probleme, zum Beispiel beim Lärmschutz.

Die Grünen würden den Vorschlag der SP voraussichtlich ablehnen, sagt Fraktionschef Markus Kunz. «Wir wollen, dass sich die Bevölkerung zum ursprünglichen Projekt äussern kann.»

Innerhalb der Grünen und auch in der AL lehnen viele ein neues Hardturmstadion ganz ab. Sie würden das Grundstück lieber als Freifläche und für eine grosse Genossenschaftssiedlung nutzen. Diese Gruppe hofft auf ein Volks-Nein an der Urne. Der Haken dabei: Die Stadt Zürich muss das Grundstück laut Vertrag an die Credit Suisse zurückverkaufen, wenn sie es nicht für ein Stadion braucht. Deshalb hält die SP einen Hardturm ohne Fussball für unrealistisch.

Falls der SP-Antrag im Parlament scheitert, würden die Zürcher über die Idee des Stadtrats abstimmen. Das sei keine echte Wahl, sagt Utz. Wer ein Stadion ohne Türme wolle, könne dies nicht ausdrücken. Es sei daher gut möglich, dass die SP ihre Idee mit einer Volksinitiative durchzusetzen versuche. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 07:39 Uhr

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Seit 20 Jahren wird geplant

1998

Die Stadt und die Hardturm AG planen ein multifunktionales Stadion. Die CS übernimmt nach einem Wettbewerb die Planung und entwickelt ein Konzept.

2002

Das Pentagon-Projekt mit einem Stadion für 30'000 Zuschauer stösst nach seiner Präsentation auf breite Zustimmung. Die Höhe der Bauten und die Mantelnutzung geben allerdings viel zu reden.

2003

Die Zürcher stimmen dem Pentagon-­Projekt im September 2003 deutlich zu. Die CS soll es bauen, die Stadt sich mit 47,7 Millionen Franken daran beteiligen.

2004

Das Pentagon-Stadion hätte Austragungsstätte für Spiele der EM 2008 werden sollen, die die Schweiz und Österreich organisierten. Rekurse von Anwohnern blockieren jedoch den Bau des Stadions; Bald ist klar, dass es mit der Fertigstellung bis zur EM knapp werden könnte.

2005

Da der Hardturm vielleicht nicht recht­zeitig für die EM fertig sein wird, forciert der Stadtrat den Neubau des Letzigrunds. Im Juni heissen die Zürcher den Neubau und einen 11-Millionen-Zusatzkredit für die Eurotauglichkeit des Stadions gut.

2008

Im Sommer finden im neuen Letzigrund EM-Spiele von Frankreich, Italien und Rumänien statt. Im Winter folgt der Abbruch des Hardturms, in dem seit
mehr als einem Jahr kein Spiel mehr ausgetragen worden ist.

2009

Der Rechtsstreit, der den Pentagon-Bau blockiert hat, dauert an. Die CS
steigt aus dem Projekt aus und verkauft das Areal für 50 Millionen Franken der Stadt, die nun selber ein Stadion bauen will.

2010

Die Stadt will ein kleineres Stadion für 16'000 Zuschauer ohne Shoppingcenter: Auf dem Hardturmareal sollen gemein­nützige Wohnungen entstehen.

2013

Das Badener Büro Burkard Meyer Architekten gewinnt den Wettbewerb. Das Stadion für 216 Millionen Franken lehnen die Zürcher mit 50,8 Prozent ab. Einer Wohnsiedlung gleich daneben stimmen sie zu. Sie hätte aber nur mit dem Stadion gemeinsam erstellt werden können.

2014

Trotz Niederlage an der Urne schreibt die Stadt einen neuen Investorenwettbewerb mit gelockerten Rahmenbedingungen aus.

2016


Aus den fünf Wettbewerbteams geht HRS mit dem Projekt Ensemble als Gewinnerin hervor. Es beinhaltet das Stadion, zwei Wohnhochhäuser und eine Genossenschaftssiedlung.

(sip/zet)







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