Wegen Datenlücke: Zürich ist weiter weg von 2000 Watt, als die Stadt berechnet hat

Nur noch 4200 Watt und 5 Tonnen Treibhausgase pro Kopf und Jahr: Die Stadtzürcher verbrauchen heute weniger als 1990. Die neue Erhebung der Stadt gibt die Realität jedoch nicht vollständig wieder.

Die Werbung verspricht's, die Realität sieht jedoch oft noch anders aus: Ein Plakat für die 2000-Watt-Gesellschaft-Siedlung in Leimbach.

Die Werbung verspricht's, die Realität sieht jedoch oft noch anders aus: Ein Plakat für die 2000-Watt-Gesellschaft-Siedlung in Leimbach. Bild: Esther Michel

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«Zürich, nachhaltig». Unter diesem Titel hat Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) in der jüngsten Ausgabe des «Tagblatts» die 2000-Watt-Gesellschaft als «ehrgeiziges, aber realistisches» Ziel beschrieben. Seit gestern liegen Zahlen vor, die Mauch zu bestätigen scheinen. Die Zürcher haben 2010 noch 4200 Watt pro Kopf verbraucht, 800 Watt weniger als 1990. Zum Vergleich: Der Durchschnitt in der Schweiz liegt bei etwa 6300 Watt. Veröffentlicht hat diese Zahlen das Gesundheits- und Umweltdepartement von Stadträtin Claudia Nielsen (SP). «Wir sind der 2000-Watt-Gesellschaft näher gerückt», bilanziert Rahel Gessler, Leiterin der Abteilung Energie und Nachhaltigkeit.

Der Fortschritt rührt nicht etwa von einem spartanischen Lebensstil der Stadtzürcher her. Der Hauptgrund dafür ist ein anderer: Seit Herbst 2006 beziehen Privatkunden des städtischen Stromversorgers EWZ standardmässig Strom aus erneuerbaren Quellen, weshalb sie weniger Atomstrom brauchen. Von Bedeutung ist dies laut Gessler, weil Atomenergie eine schlechtere Energiebilanz hat als etwa Wasser- oder Windkraft. Der sogenannte Primärenergiefaktor liege zum Beispiel bei der Wasserkraft bei 1,22. Das heisst: Um 1 Kilowattstunde (kWh) Strom aus Wasserkraft zu produzieren, braucht es zusätzlich 0,22 kWh Energie. Beim Atomstrom sei der Faktor mit 4,08 weit höher, sagt Gessler.

Privatkonsum nicht erfasst

Trotz der skizzierten Verbesserung sind die Zürcher weiter weg von der 2000-Watt-Gesellschaft, als die Zahlen suggerieren. Denn die Bilanz spiegelt nur den Verbrauch an sogenannter Primärenergie wieder – also jener Energie, die in den Energieerträgen enthalten ist, sowie der grauen Energie, die für deren Aufbereitung, Transport, Verkauf und Entsorgung benötigt wird.

Was fehlt, sind Angaben zum Privatkonsum, also Zahlen zum import- und energieintensiven Konsumverhalten der Zürcher, zum Beispiel beim Auto- und Kleiderkauf sowie beim Essen und Trinken. Je nach Quelle in der Fachliteratur kommen so pro Kopf bis zu 2000 Watt in Form von grauer Energie dazu. Gessler stellt nicht in Abrede, dass die neuen Zahlen die Realität nur unzureichend abbilden. Wie stark der Privatkonsum das Watt-Konto der Zürcher belastet – dazu will sie keine Schätzung vornehmen. Den Privatkonsum genau zu erfassen, sei schwierig, sagt Gessler. Ein Expertenteam der Stadt arbeite daran, diese Datenlücke zu schliessen.

Ziel noch in weiter Ferne

Politisch bedeutsam ist: Bei Handlungen, die stark individuell geprägt sind, konnten sich die Stadtzürcher gegenüber 1990 nicht verbessern. Der Stromverbrauch etwa steigt in der Stadt Zürich nach wie vor an – absolut und pro Kopf, allerdings schwächer als im Schweizer Durchschnitt. Leicht weniger Energie als vor 20 Jahren verbrauchen die Zürcher hingegen im Gebäudebereich. Aus mehreren Gründen: Da immer mehr Bauten wärmetechnisch saniert sind, sinkt der Wärmebedarf. Ebenfalls mindernd wirken der Ausbau der Fernwärme und der Ersatz von Öl- durch Gasheizungen.

Nicht nur beim Energiekonsum zeigen die Zahlen eine Verbesserung, sondern auch beim Ausstoss von Treibhausgasen. Dieser ist pro Kopf und Jahr von rund 6 Tonnen auf 5 gesunken – hauptsächlich, weil die Gebäude heute besser isoliert werden. Weniger erfreulich sieht die Bilanz beim Verkehr aus. Immerhin sei es gelungen, den Ausstoss von Treibhausgasen zu stabilisieren, entgegen dem landesweiten Trend, sagt Gessler.

Diese Tatsache ändert jedoch nichts daran, dass das in der Gemeindeordnung verankerte Ziel von einer Tonne pro Person in weiter Ferne liegt. Anders als die Stadt hält der Kanton Zürich, namentlich der federführende Baudirektor Markus Kägi (SVP), eine Absenkung bis 2050 auf nur 2,2 Tonnen für realistisch. Gessler verhehlt nicht, dass dafür in jedem Fall noch grosse Anstrengungen nötig sind, und zwar auch in Bereichen, wo heute ein «grosses Bedürfnis nach Individualismus» besteht, etwa bei Mobilität und Wohnen. Kleinere Wohnungen? Weg mit dem Autoverkehr aus der City? Zu Fuss und mit dem Velo zur Arbeit statt mit Tram oder Bus? Welche Rezepte richtig seien, müsse die Politik entscheiden, sagt Gessler.

Rechenmodelle statt Messungen

Die Stadt wird im Rahmen ihres Monitorings zur Nachhaltigkeit weitere Zwischenresultate zur 2000-Watt-Gesellschaft publizieren, das nächste Mal 2013. Während sich der Verbrauch bei Energieträgern mit Leitungen – Strom, Erdgas, Fernwärme – leicht berechnen lässt, ist dies in anderen Bereichen schwieriger. Beim Treibstoffverbrauch der Autos etwa ersetzen Rechenmodelle reale Messungen, weshalb die Resultate einen Unsicherheitsfaktor von plus/minus 10 Prozent aufweisen. Auch der Kerosinverbrauch der Stadtzürcher, also der Flugkonsum, lässt sich nur ungefähr berechnen, indem die Zahl der Flugbewegungen auf dem Flughafen Zürich in Relation zur Bevölkerungszahl der Stadt Zürich gesetzt wird.

Trotz dieser Unschärfe lasse sich über mehrere Jahre ein Trend ableiten, sagt Gessler. Sie hofft, dass der Energieverbrauch und die Treibhausgas-Emissionen pro Kopf weiter abnehmen werden. Illusionen macht sie sich aber nicht: «Es wird kein einfacher Weg.»

Erstellt: 01.06.2012, 07:56 Uhr

Energiebilanz: 4'200 Watt pro Stadtzürcher. Das heisst, es brennen pro Kopf 42 100-Watt-Glühbirnen rund um die Uhr. (Bild: TA-Grafik / Quelle: Stadt Zürich)

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