Wegen Plakat: Mann wird am «Marsch fürs Läbe» bedrängt

Mario K. war mit seiner Tochter an der Demo. Er wurde auch von der Polizei festgehalten und schliesslich mit einer Wegweisung belegt. Wie es dazu kam.

Das Schild des Anstosses lag nach der Auseinandersetzung lieblos am Boden.

Das Schild des Anstosses lag nach der Auseinandersetzung lieblos am Boden. Bild: Instagram/@__investigate__

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Mario K.* hatte sich diesen sonnigen Samstag anders vorgestellt. Mit seiner 6-jährigen Tochter bereitete er sich vergangenen Samstagmorgen auf den «Marsch fürs Läbe» vor. Als überzeugter Vegetarier fand er, dass die Veranstaltung auch für ihn ein guter Anlass sein könnte, seine Überzeugung auf die Strasse zu tragen. Zum Thema Abtreibung hat der Physiker eine weniger klare Meinung, er ist aber grundsätzlich an Fragen interessiert, die sich um den Wert des Lebens drehen.

Und so schreibt er am Morgen auf eine Kartontafel: «Meat is Murder», Fleisch ist Mord. Im besten Fall erhoffte er sich von dem Nachmittag unter den Abtreibungsgegnern Inspiration und eine Diskussion über den Wert des Lebens, wie er das dem TA am Telefon schildert.

Der scheinbare Frieden schlägt um

Doch es kam anders. Etwas zu spät, um 14.15 Uhr, kam Mario K. zusammen mit seiner Tochter auf dem Turbinenplatz an. Die Menge war bereits versammelt, Redner sprachen vom Pult herab, an den Festbänken in der Sonne sassen Hunderte Teilnehmer. Doch bald schlug dieser scheinbare Frieden in Aggression um.

Laut den Schilderungen von Mario K. ging es keine Minute, bis vier Männer auf ihn zustürmten und ihn umzingelten. Er gehöre nicht hierher, was er hier suche, wurde er gefragt. Einer von ihnen, Mitte 50, mit Funkgerät um den Hals, bat ihn, das Areal unverzüglich zu verlassen. «Die Männer kamen mir alle viel zu nah», sagt Mario K. Er aber weigerte sich, dieser Forderung nachzukommen, er lasse sich nicht so einfach wegschicken. Zudem verstand er den Grund nicht, wollte er doch an der Veranstaltung teilnehmen.

«Etwa sechs Männer standen um mich herum, bedrängten mich körperlich und mit Worten.»Mario K.

Weitere Männer schritten hinzu und bauten ein «Drohszenario» um ihn auf. Sie sagten ihm wiederum, dass er ihnen das Plakat aushändigen und den Platz verlassen solle. «Etwa sechs Männer standen um mich herum, bedrängten mich körperlich und mit Worten», sagt Mario K. Zwei seien handgreiflich geworden und hätten am Plakat gerissen. Mario K. fiel hin, seine Tochter weinte zu diesem Zeitpunkt längst. Auf dem Boden kauernd tröstete er sie.

Diese Szene ist auch auf einer Fotografie zu sehen, die am selben Tag der Twitter-Account @_investigate_ veröffentlichte. Darauf zu sehen ist auch, dass besagtes, selbst gebasteltes Plakat bereits in den Händen eines daneben stehenden Mannes ist.

Mario K. verharrte noch eine Weile auf dem Platz. Erst als ein Polizist, der sich als einem Care Team zugehörig zu erkennen gab, sich ihm näherte und ihm vorschlug, die Szenerie zu verlassen, tat er dies auch.

Und dann kam die Polizei

Doch für Mario K. war die Geschichte nun noch nicht zu Ende. Beim Weggang sagte seine Tochter, dass ihnen ein Trupp Polizisten folge. In einem Brief, den er tags darauf an die Stadtpolizei schrieb, schilderte er die nun kommenden Vorfälle so: «Ich drehte mich um und es kam umgehend zu einer Personenkontrolle durch drei Beamte in Kampfmontur. Meine Tochter war sichtlich beeindruckt und fing an zu weinen.»

Er habe mehrfach nach einer Begründung der Personenkontrolle gefragt, doch eine Antwort habe er nicht erhalten. Ausserdem wollte er sich nicht grundlos so grob behandeln lassen. Daraufhin sei ihm angedroht worden, verhaftet zu werden, wenn er nicht seine ID vorzeige. Ein Beamter sagte ihm später, dass er nicht aussehe wie jemand, der zum «Marsch fürs Läbe» gehöre.

Die Polizisten nahmen seine Daten auf und attestierten ihm, dass er der Polizei bereits bekannt sei. «Ich weiss nicht, wie die Polizisten auf diese Idee kommen konnten», sagt er. Vor mehr als zehn Jahren sei er einmal an einer unbewilligten Hausparty von der Polizei kontrolliert worden, aber ansonsten habe er sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Er wurde mit einer Wegweisung belegt, die bis 5 Uhr morgens des nächsten Tages galt.

Zwei Beschwerdebriefe

So geht das wiederum aus dem Beschwerdeschreiben hervor, das Mario K. tags darauf aufsetzte. Auch an die Organisatoren des «Marsch fürs Läbe» schrieb er einen ausführlichen Beschwerdebrief. Darin schrieb er, dass er von der Brutalität der Teilnehmer überwältigt gewesen sei.

Auf den Vorfall angesprochen, sagt Marco Cortesi, der Sprecher der Stadtpolizei, dass der Einsatz gegenüber Mario K. gerechtfertigt gewesen sei. Der Mann habe den Aufforderungen der Polizisten nicht Folge geleistet, deshalb habe man ihn kontrolliert. Die Organisatoren vom «Marsch fürs Läbe» widersprechen den Schilderungen von Mario K.. Er habe die Veranstaltung stören wollen, schreibt deren Pressesprecherin in einer Mail. Daniel Regli, einer der Organisatoren und Redner, wollte sich telefonisch nicht zum Vorfall äussern.

«Ich wünschte mir eine Diskussion und kriegte Prügel.»Mario K.

Mario K. bestätigt im Gespräch, dass er am nächstjährigen «Marsch fürs Läbe» in Zürich nicht mehr teilnehmen werde. Der Schock sitze bis heute tief. Er bedauert die Vorfälle auch deshalb, weil er sich für ethische Themen interessiere und ihm etwas am Schutz und an der Wertschätzung von jeglichem Leben liege. «Ich wünschte mir eine Diskussion und kriegte Prügel.»

* Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 20.09.2019, 11:16 Uhr

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