Bedauernswerte Männer während des Ausverkaufs

«Wie findest du?», fragt die Gattin, vor dem Spiegel posierend, und ihm bricht der Schweiss erst recht aus.

Kann sich beim Tragen der Einkaufstüten nützlich machen: Ein Mann und seine Gattin verlassen einen Laden in Paris.

Kann sich beim Tragen der Einkaufstüten nützlich machen: Ein Mann und seine Gattin verlassen einen Laden in Paris. Bild: Philippe Wojazer/Reuters

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Sie sind im Weg. Am einen Arm hängt die Jacke der Gattin, an der Schulter deren Tasche, mit der freien Hand halten sie den Kinderwagen. Es ist heiss. Und eng. Sie sehen mitleid­erregend aus und fehl am Platz und überflüssig, und sie wissen es. Die Zürcher Modegeschäfte sind aber gerade voll mit ihnen: mit all den Männern, die ihre Gattinnen in den Ausverkauf begleiten. Müssen.

Da stehen die dann und schwitzen. Und versuchen, gleichzeitig interessiert und unbeteiligt zu gucken, denn da ist ja nicht nur die Gattin, die sich vor dem Spiegel dreht und wendet. Da sind noch ganz viele andere Frauen, die Männer wissen gar nicht, wohin schauen, vor lauter Frauen.

«Wie findest du?», fragt derweil die Gattin, vor dem Spiegel posierend, und ihm bricht der Schweiss erst recht aus, denn er befindet sich nun auf ganz gefährlichem Terrain. Eine ehrliche Antwort ist keine Option. Im Ausverkauf müssen sie sich beinhart durch­lügen, das wissen die Männer. Andernfalls drohen Katastrophen ungeahnten Ausmasses, da entwickelt sich dann diese unheilvolle Eigendynamik, vor der sie sich so fürchten wie vor nichts sonst auf der Welt («Wie, zu eng? Wieso? Was willst du damit sagen? Bin ich zu dick? Sag es, bin ich zu dick? Früher fandest du mich nicht dick! Du hast nie gesagt, ich sei dick! Wieso sagst du das jetzt?»), und spätestens ab diesem Moment ist alles verloren, das wissen die Männer, dann ist der Tag im Eimer und der Abend grad auch.

Eine Art Notwehr

«Schatz, das sieht Hammer aus», sagen sie stattdessen treuherzig, wenn sich der Schatz in eine Jacke zwängt, die in der richtigen, sprich grösseren Grösse nicht mehr vorrätig ist und den Schatz auf spektakuläre Weise aussehen lässt wie ausgestopft. Das ist natürlich brandschwarz gelogen, aber es handelt sich sozusagen um affirmative Notwehr; die Antwort soll den Entscheidungsfindungsprozess beschleunigen. Bloss: Der Schatz befindet sich jetzt sowieso im Kampfmodus. Sie hat diesen irren Blick und will irgendetwas zum halben Preis erstehen. «Heute», sagte sie am Morgen mit diesem ­Glitzern in den Augen, «gehen wir in die Stadt, Schnäppchenjagd, wir machen daraus einen Familienausflug.»

Und die Männer wissen, was dann kommt. Sie sollen Fragen beantworten, die ihr Fassungsvermögen übersteigen, solche wie «Taupe oder Kaki, was steht mir besser?», worauf sie ratlos die beiden Pullover anstarren, die ihnen entgegengehalten werden, und die sich nur dadurch unterscheiden, dass der eine gräulich zu sein scheint und der andere grünlich. Aber weil man das als Mann nie so genau weiss, retten sie sich, indem sie hilfsbereit feststellen: «Auf jeden Fall kannst du den auch noch im Frühling anziehen.» Männer verkennen allerdings, dass das komplett wirkungslos ist, so als Argument. Solche Kriterien kommen nicht vor im weiblichen Gehirn, das sich im Shoppingrausch befindet.

Und während der Schatz noch nach einem Kleid sucht – «Was Festliches, weisch, für am Abend»; wobei er sich auch darunter nichts vorstellen kann, aber er befürchtet das Schlimmste –, sinniert er darüber nach, was er nun stattdessen daheim auf dem Sofa tun könnte. Dabei denkt er nicht mal an was Unanständiges, dafür reicht die Kraft gar nicht mehr, und der Kleine hat ja auch längst angefangen zu brüllen, aber es käme bestimmt irgendwo ein Actionfilm.

Und ihm fällt auf, dass in keinem dieser Streifen je ein Held seine Gattin in den Ausverkauf begleiten musste.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2016, 06:15 Uhr

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