Weiss und edel – 200 E-Bikes suchen Zürcher Fahrer

Der Blick auf die App führt zum nächsten Stromer: Ein spannendes Pilotprojekt bringt die Stadt aufs Elektrovelo. Der Selbstversuch – beim nassen Helm drücken wir ein Auge zu.

Redaktor Patrice Siegrist testet den neuen E-Bike-Verleih. (Video: Lea Blum)

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Nur das grelle Weiss und die Werbeaufschrift verraten, dass dieses E-Bike, eingeklemmt zwischen alten Rennvelos in der Nähe des Stauffachers, ein Spezielles ist. Es ist eines von 200 E-Bikes, welche die Mobiliar-Versicherung vor rund einer Woche in der Stadt Zürich aufgestellt hat. Das Unternehmen hat ein Pilotprojekt namens Smide lanciert. Das Ziel: eine neue Art Veloverleih. Das Exklusive: Die Velos können irgendwo gemietet und an einem beliebigen Platz wieder abgestellt werden. Der Weg zurück zum Verleiher bleibt den Nutzern damit erspart.

Möglich machen das GPS-Sender in den Velos und die Smide-App. Öffnet man diese auf dem Handy, sieht man nach einem Registrierungsprozess auf einer Zürich-Karte, wo sich die E-Bikes befinden. Ein blauer Punkt markiert die eigene Position, die ebenfalls via GPS im Smartphone lokalisiert wird.

Los gehts: Laut App steht das weisse Bike mit der Aufschrift «Smide pick and ride me» 28 Meter entfernt. Es ist ein Stromer ST E-Bike (Preis im Handel: rund 7000 Franken) mit 20-Gang-Schaltung, 3 E-Motor-Stufen, Gepäckträger, Körbchen und einem Helm – einem nassen Helm. Beim Anziehen fühlt es sich an, als würde einem jemand mit feuchten Handschuhen durch die Haare fahren. Es bleibt einem aber keine Wahl: Wer mit dem E-Bike fahren will, braucht einen Mofafahrausweis und einen Helm. Nach vier Klicks durch die App ist das Velo entsperrt. Die Testfahrt kann beginnen. Das Ziel: möglichst schnell vom Stauffacher an die ETH.

Über 500 Personen haben sich registriert

Die ersten 20 Minuten sind gratis. Danach kosten 20 Minuten 5 Franken. Zum Vergleich: Ein Kurzstreckenbillett für den öffentlichen Verkehr kostet mit Halbtax 2.20 Franken.

Auf den Preis angesprochen, sagt Jana Lév, Innovationsmanagerin bei der Mobiliar und Verantwortliche für das Projekt, dass die Fahrt mit einem Smide-Bike je nach Strecke günstiger sei als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. «Der Preis ist aber noch nicht fix, wir befinden uns noch in der Pilotphase», so Lév. Sie würden Abos, Kurzstreckenpreise und andere Möglichkeiten prüfen.

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Die Ampel schaltet von Rot auf Grün, das E-Bike beschleunigt ähnlich schnell wie die Autos und das Tram, die zuvor noch direkt daneben standen. Erster Tritt, zweiter Tritt, dritter Tritt: Die Geschwindigkeitsanzeige auf dem weissen E-Bike-Rahmen zeigt bereits 22,7 Kilometer pro Stunde an. Rechtskurve bei der Sihlpost, vorbei am Löwenplatz, weiter Richtung Central.

Im März 2015 hat die Mobiliar mit dem Projekt begonnen. Ziel: ein rentables Bike-Sharing-System, das Profit abwirft. Die Daten aus dem Pilotprojekt sollen zeigen, ob das möglich ist. Seit dem Start vor rund einer Woche haben sich über 500 Personen bei Smide registriert. Lév ist damit zufrieden, auch mit dem Feedback der Benutzer. «Sie haben uns auf Fehler hingewiesen, die wir nun korrigieren konnten.» Zum Beispiel habe man den Abgabeprozess angepasst, da dieser für Verwirrung sorgte.

Ein Bike wurde demoliert

Gegen Diebe sind die teuren Bikes gesichert. Sie können mittels GPS geortet werden, eine elektronische Sperre erschwert das Entwenden: «Mehr als 400 Meter stösst das Bike niemand, das ist zu anstrengend», sagt Lév. Irgendjemand habe aber bereits ein E-Bike mutwillig kaputtgemacht.

Smide kann innerhalb der Stadt genutzt werden. Ausserhalb eines virtuellen Zaunes dürfen die Velos zwar gefahren, können aber nicht abgegeben werden. Die Buchung läuft dann weiter, und es kann Geld vom Guthaben abgezogen werden. Derzeit sind einige Gebiete im Norden und Südwesten der Stadt noch ausgeschlossen vom Pilotprojekt: zum Beispiel Altstetten und Höngg. Der Grund: Die Netzdichte musste mit den 200 Velos garantiert werden. Das könne sich aber im Laufe der Zeit ändern, indem sie vom Nutzerverhalten und deren Bedürfnissen lernten, sagt Lév.

Der Vergleich zwischen der Stadtgrenze und dem Smide-Nutzungsgebiet. Bilder: Screenshots

Da die Benutzer die Velos an jedem beliebigen Ort abstellen können, besteht die Gefahr, dass plötzlich alle am gleichen Ort sind. Damit das nicht geschehe, würden täglich «Bewirtschafter» die Bikes verschieben, so Lév. Die Bewirtschafter sind Mitarbeiter von «Züri rollt». Diese warten die E-Bikes und wechseln die Akkus, wenn ein Fahrrad einen tiefen Ladestatus meldet.

Der Akkustatus des Testbikes zeigt 65 Prozent an. Die mögliche fahrbare Distanz: bis zu 30 Kilometer. Die Fahrt geht weiter über das Central, die Weinbergstrasse bergauf. Der Elektromotor läuft auf Stufe drei, der Tritt ist immer noch locker.

In 7 Minuten 23 Sekunden am Ziel

Die Stadt Zürich plant schon seit Jahren einen öffentlichen Veloverleih mit über 100 Stationen. Eigentlich hätte dieser im vergangenen Juni in Betrieb genommen werden sollen. Ein Rechtsstreit hat das bislang verhindert. Nun nutzt ein privater Anbieter den öffentlichen Raum für seinen Veloverleih.

Gemäss Lév wurde die Stadt Zürich über das Pilotprojekt informiert, und es sei mit den zuständigen Stellen koordiniert. «Derzeit müssen wir keine Konzessionen erfüllen.» Dass sich dies zu einem späteren Zeitpunkt ändert, könne nicht ausgeschlossen werden.

Das Testbike steht nun vor der ETH. Nur wenige Meter entfernt steht ein anderes Smide-Bike. Die App zeigt die Dauer der Fahrt an: 7 Minuten 23 Sekunden. Mit dem Tram hätte es etwa doppelt so lange gedauert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2016, 13:06 Uhr

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