Wovor die Mietwucher-Opfer Angst haben

Zwei Tage nach der Razzia in drei Lotterliegenschaften im Zürcher Kreis 4 sind die Bewohner ernüchtert und wissen sich kaum zu helfen.

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«Es war ungewöhnlich ruhig hier, nachdem die Polizei gegangen war», sagt M. Er ist einer von 120 Mietern an der Neufrankengasse und der Magnusstrasse, wo am Dienstag hundert Polizisten vorgefahren sind. Sie haben die Bewohner von drei heruntergekommenen Häusern befragt und ihre Wohnungen besichtigt, die sich in prekärem Zustand befinden und zwischen 1100 und 1300 Franken kosten – bei einer Fläche von 20 Quadratmetern. Vermieter Peter Sander, der Hausabwart sowie zwei weitere Personen wurden festgenommen. Ihnen wird gewerbsmässiger Wucher vorgeworfen.

Rund die Hälfte dieser Mieter bezieht Sozialhilfe oder IV. Die andere Hälfte sind Leute, die arbeiten und nur über ein geringes Einkommen verfügen oder – wie M. – arbeitslos sind und vom RAV unterstützt werden. Noch bis Dezember 2016 können sie in ihrer Wohnung bleiben, danach will Sander die Häuser total­sanieren. Bis dahin wäre es M.s dringendes Anliegen, dass im Haus «endlich einmal aufgeräumt wird». Er stört sich am verdreckten Treppenhaus, an den kaputten Türen, dem defekten Lift. Es bleibt aber fraglich, ob Sander, der die Hauswartung während Jahren vernachlässigt hat, für die verbleibenden 14 Monate auf einmal seinen Pflichten nachkommen wird.

Bürokratischer Aufwand

Jetzt gehe es darum, dass sich die Mieter einen Teil ihrer Miete zurückerstatten lassen könnten, sagt Walter Angst, Kommunikationschef des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich. Dafür müsste jeder einzeln die Mängel auflisten, eine Mängelrüge beim Mietgericht einreichen und eine Frist ansetzen, bis wann die Mängel behoben werden sollten. Verstreicht die Frist ohne Verbesserung, wird der Mietzins beim Bezirksgericht hinterlegt. «Die Mieter bezahlen die Miete dann weiterhin, aber nicht an den Vermieter», so Angst.

Sollten die Bewohner recht bekommen, erhielten sie, beziehungsweise die Sozialbehörde, 10 bis 20 Prozent der Miete zurück. Der bürokratische Aufwand, den ein solches Verfahren mit sich bringt, sei gerade für sozial Schwächere jedoch eine grosse Hürde. «Sie brauchen jemanden, der sie begleitet, ihnen Schwieriges erklärt und die Termine überschaut», sagt Angst. Eine Betreuung, die für die Behörden aufwendig ist.

Angst vor Vermieter Sander

M. sagt, viele hätten Angst vor Sander, weil sie bei der Polizei gegen ihn ausgesagt hätten. Sie würden nichts unternehmen wollen, um ja nicht ihre Wohnung aufs Spiel zu setzen: «Die meisten von uns kommen von der Strasse oder wären fast dort gelandet.» Immerhin: Zwei Mieter an der Magnus­strasse haben Mängel gerügt, die bis dato nicht behoben sind. Das Sozial­departement der Stadt Zürich hat sie dabei im Sinne eines Pilotversuchs unterstützt. Nun geht der Mietzins auf ein Sperrkonto. Walter Angst verspricht sich vom Pilotversuch eine Vorbildfunktion. «Das Ziel wäre längerfristig, den Standard in den betreffenden Wohnungen zu heben», sagt er.

Beim Sozial­departement will man sich auf Anfrage zur aktuellen Situation nicht äussern und verweist auf das laufende Verfahren gegen Sander. Laut Sprecher Michael Rüegg prüft man alle sich bietenden Möglichkeiten. Ginge es nach M. wäre klar, was passieren soll: «Ich wünschte mir, die Stadt Zürich würde die Häuser übernehmen und renovieren.»

Erstellt: 21.10.2015, 23:37 Uhr

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