Kaum Verkehr auf dem Strassenstrich

In Zürich gibt es markant weniger Strassenprostitution als noch vor wenigen Jahren. Aber nicht weniger Prostituierte, sagt die Stadtmission.

Die Sexboxen in Altstetten: Sie gehören zu den Massnahmen, mit denen die Stadt Zürich den Strassenstrich neu reglementieren wollte.

Die Sexboxen in Altstetten: Sie gehören zu den Massnahmen, mit denen die Stadt Zürich den Strassenstrich neu reglementieren wollte. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Exakt vier Jahre ist es her, seit die Stadt Zürich ein neues Strichregime eingeführt hat. Damals, im August 2013, wurde das Sihlquai als Revier für die Strassenprostitution aufgehoben. Als Ersatz schuf die Stadt den Strichplatz samt Sexboxen in Altstetten. Ausserdem bezeichneten die Behörden das Niederdorf und die Allmendstrasse bei der Autobahnausfahrt Brunau als offizielle Strichzonen. Hier dürfen seither Strassenprostituierte ihre Dienstleistungen anbieten.

Die Prognosen waren damals wenig euphorisch. «20 Minuten» zitierte eine Sihlquai-Prostituierte mit der Aussage: «Die Sexbox taugt nichts, wir gehen in die Brunau.» So würden das «fast alle hier» tun, gab eine andere Frau zu Protokoll. Von einer Bewegung Richtung Brunau gingen damals auch die Verantwortlichen des Quartiervereins aus und forderten von der Stadt Massnahmen zum Schutz der Anwohner.

«Manchmal zwei oder drei»

Und was ist tatsächlich eingetroffen? «An der Allmendstrasse in der Brunau stehen manchmal zwei oder drei Prostituierte, oft aber auch gar keine», sagt Marco Cortesi, der Medienchef der Stadtpolizei Zürich. Die Brunau sei als Strichplatz nie intensiv genutzt worden. Gleiches sagt die Sprecherin des städtischen Sozialdepartements, Nadeen Schuster: «In der Brunau arbeiten nur sehr vereinzelt Sexarbeiterinnen.» Die dortige Strichzone sei von Beginn weg «als Reservezone» vorgesehen gewesen – als Überlaufventil für den Fall, dass es andernorts zu Massierungen kommen sollte.

Auch die Geschäftsführerin der Stadtmission, Beatrice Bänninger, teilt diese Wahrnehmung. Der Standplatz Brunau werde wenig genutzt, was damit zusammenhänge, dass dort jede Infrastruktur fehle. Die Stadtmission engagiert sich in der Sozialarbeit im Zürcher Sexmilieu.

Sinkende Zahlen

Der bescheidene Betrieb in der Brunau lässt sich als Sinnbild für die Situation deuten, wie sie in Zürich ganz generell herrscht: «Die Strassenprostitution ist im Vergleich zu Sihlquai-Zeiten markant zurückgegangen», sagt Polizeisprecher Cortesi. «Im Niederdorf ist die Zahl seit längerem gleichbleibend. Und auf dem Strichplatz ‹Depotweg› hat es weniger Prostituierte, als es am Sihlquai hatte.»

Aus Sicht des Sozialdepartements zeigen die Erfahrungen mit den Sexboxen allerdings, dass diese einem Bedürfnis entsprechen würden: «Zu Spitzenzeiten fahren die Autos im Sekundentakt durch den Parcours», sagt Sprecherin Schuster. Es gebe aber auch ruhigere Phasen, etwa während der Sommerferien. «Im Schnitt arbeiten 20 bis 25 Frauen auf dem Platz. Die Freier werden nicht gezählt.»

Wie viele Prostituierte in Zürich insgesamt ihrem Gewerbe nachgehen würden, wisse die Stadtpolizei nicht. Zwar würden Prostituierte registriert, wenn die Polizei sie zum ersten Mal kontrolliere, so Medienchef Cortesi «Es gibt aber gewiss eine Dunkelziffer – dazu gehören alle Prostituierten, die noch nie kontrolliert worden sind, zum Beispiel Gelegenheitsprostituierte oder Frauen, die in kleinen Bordellen arbeiten.» Die Zahlen zu den Neuregistrierungen sind leicht sinkend: Wurden im Jahr 2012 noch 1292 Neuregistrierungen verzeichnet, sank diese Zahl in den Folgejahren kontinuierlich auf 1048 (2016).

Für Beatrice Bänninger von der Stadtmission ist seit dem Ende des Sihlquai-Strassenstrichs zwar die Beschaffungsprostitution aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sie ist aber überzeugt: «Es gibt gleich viele Prostituierte in Zürich wie früher. Ihre Arbeitsplätze sind einfach anders verteilt.»

Weniger Belastung

Das Strichzonenregime ist Teil der ebenfalls 2013 eingeführten Prostitutionsgewerbeverordnung. Diese enthält eine Fülle von Bestimmungen, nicht nur zur Strassenprostitution, sondern auch zum Betrieb von Bordellen. Die Verordnung wolle einerseits die Bevölkerung schützen, nämlich vor den negativen Auswirkungen des Prostitutionsbetriebs, sagt Sozialdepartements-Sprecherin Schuster. Andererseits wolle man die Prostituierten vor Ausbeutung und Gewalt bewahren sowie gesundheitliche und soziale Präventionsarbeit leisten.

Schuster zieht eine positive Bilanz. Die Bevölkerung sei nachhaltig entlastet worden. «Das Sihlquai ist frei von Strassenprostitution geblieben, und es ist zu keiner Verlagerung an andere Orte gekommen.» Der neue Strichplatz mit den Sexboxen belaste die Nachbarschaft kaum.

Gleichzeitig würden sich die Angebote an die Prostituierten bewähren, welche die Stadt in den Bereichen Gesundheitsschutz, medizinische Beratung und Sozialarbeit geschaffen habe, so Schuster. Und: Es sei «ein schöner Erfolg», dass es bisher zu keinen gravierenden Gewaltvorfällen gekommen sei. Die Frauenberatung Flora Dora bemühe sich darum, dass sich daran nichts ändere. Insbesondere kümmert sich diese auch um die Verhinderung von Menschenhandel. Laut Sprecherin Schuster leiten die Beraterinnen der Stadtpolizei jährlich über 30 entsprechende Verdachtsfälle weiter.

Viel Stress

Etwas weniger positiv präsentiert sich die Bilanz der Zürcher Stadtmission: Im Langstrassenquartier, wo die Strassenprostitution offiziell verboten, aber trotzdem sehr augenfällig ist, gebe es eine «starke Polizeipräsenz», sagt Beatrice Bänninger. Die polizeilichen Bemühungen, das Verbot zum Anschaffen durchzusetzen, führten zu grossem Stress bei den Sexarbeiterinnen. «Es gibt Bussen – bei den Sexarbeiterinnen wie bei den Freiern.»

Generell hält Bänninger die Situation der Prostituierten trotz der städtischen Angebote für prekär. So hätten die hohen Franchisen in der Krankenversicherung zur Folge, dass sich viele Prostituierte medizinische Behandlungen nicht leisten könnten. «Dadurch verschärfen sich gesundheitliche Probleme.» Hier bestehe Handlungsbedarf: «Wir setzen uns dafür ein, dass Sexarbeiterinnen einen leichteren Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen», sagt Stadtmission-Chefin Bänninger. Dazu gehöre, dass ihre Institution freiwillige Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten anbiete. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.08.2017, 10:58 Uhr

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