Zum Hauptinhalt springen

Ein gebrochenes Zürcher Versprechen

Die Sehnsucht nach der Metropole in Zürich wird nie eingelöst: Zum Glück.

Der Hafenkran hat nicht provoziert, er stand nur im Weg, sagt Ernst Hubeli.
Der Hafenkran hat nicht provoziert, er stand nur im Weg, sagt Ernst Hubeli.
Urs Jaudas

Während Touristen mit verständnisloser Neugier den Eiffelturm bestaunen, wirft er einen Schatten auf die Stadtbürger von Paris. Sie fragen nach dem Sinn ihres Wahrzeichens, seit über einem Jahrhundert. Für Guy de Maupassant war es ein «quälender Albtraum». So besuchte er den Turm, um ihn nicht zu sehen. Roland Barthes sah in ihm ein «stabiles Zentrum», das im Laufe der Zeit sein «Freund» geworden sei. Ursprünglich sollte der Eiffelturm weder das eine noch das andere bedeuten, sondern ein Denkmal der Revolution werden.

Offensichtlich ist ein Wahrzeichen weder planbar noch seine Bedeutung voraussehbar. Das gilt auch für «grosse Würfe». Insofern ist Skepsis angebracht, wenn sie angekündigt werden. Selbst Le Corbusier begann an den heroischen Vordeutungen seiner Würfe zu zweifeln. Im reifen Alter berief er sich lieber auf seinen guten Geschmack: «Ça me plait!» Umso mehr stellt sich die Frage: Gibt es jenseits von Geschmack und Deutungen einen Mehrwert, den Bauwerke erzeugen können, als Hintergrund oder Initialzündung für einen attraktiven, beliebten Ort?

In Paris wurde von den zahlreichen «Grand Projets» der letzten 50 Jahre nur das Centre Pompidou so etwas wie ein Wahrzeichen. Seine Besonderheit: Das Kunstmuseum ist keins. Es ist eine Stadtlandschaft, eine Raffinerie und hat den Groove der Pop-Oper «Breaking the Wall». Grenzen von innen und aussen, von Stadt und Museum, von hoher und niederer Kultur sind geschliffen. Das Centre war 1977 auch ein Sinnbild für die Kritik am bildungsbürgerlichen Kunstbetrieb, was dem damaligen Staatspräsidenten Giscard d’Estaing unangenehm war, politisch unangenehm. Er eröffnete das Centre nur ­widerwillig.

Der Mehrwert der Vieldeutigkeit

Der Mehrwert des Centre Pompidou besteht in einer Erzählung, in einem «und, und, und»: Geistesgegenwart, Vieldeutigkeit, Aneignungs- und Gebrauchsmöglichkeiten jenseits einer geplanten Funktion. Auch Herr Eiffel erweiterte das Deutungsangebot seines Turms. 1889, als mangels Besucher ein Abbruch drohte, bestückte er die Turmspitze mit modernster Technik – mit Messgeräten und dergleichen. Der Eiffelturm diente nun auch der Wissenschaft und wurde erhalten.

Das Centre Pompidou ist als einziges «grosses Projekt» in Paris wirklich zum Wahrzeichen geworden – weil es sich selbst nicht auf eine einzelne Funktion festgelegt hat. Foto: iStock
Das Centre Pompidou ist als einziges «grosses Projekt» in Paris wirklich zum Wahrzeichen geworden – weil es sich selbst nicht auf eine einzelne Funktion festgelegt hat. Foto: iStock

Als 1997 das Internet aufgeschaltet wurde, waren Wahrzeichen plötzlich einem anderen Deutungsmuster ausgesetzt: Der «Ökonomie der Aufmerksamkeit» folgend, ist das Mediale wichtiger als das Reale. Architekturikonen müssen nun für den Bildschirm entworfen werden: mediale Oberflächenknaller, die in den Netzen förmlich explodieren. Noch nie gesehene Objekte, die weltweit aufblitzen, machen eine langweilige Stadt zur «Kulturstadt». Zunächst nur in den Netzen. Aber dann – im Sog medialer Verheissungen – werden Massen dahin pilgern, wo das virtuelle Versprechen mit dem analogen Aufscheinen der Ikone eingelöst wird.

Nach drei Jahren versiegte der Touristen-Strom: Das verarmte Bilbao bezahlte für das Guggenheim-Museum. Foto: Keystone/Miguel Tona
Nach drei Jahren versiegte der Touristen-Strom: Das verarmte Bilbao bezahlte für das Guggenheim-Museum. Foto: Keystone/Miguel Tona

Der ökonomische Effekt medialer Aufmerksamkeit war vor allem für krisengeschüttelte Städte vielversprechend. So war es kein Zufall, dass das Paradeexemplar medialer Baukunst nach Bilbao lockte, das nach dem Niedergang der Schwerindustrie unter hoher Arbeitslosigkeit litt. Geplant hat es der Chef der Guggenheim-Stiftung Tom Krens mit dem Architekten Frank Gehry.

Das Bildergut lieferte die Guggenheim-Stiftung. Und das verarmte Bilbao bezahlte das Museum – in der Hoffnung, mit den erwarteten Touristenströmen die hohe Arbeitslosigkeit zu mildern. Das gelang tatsächlich. Rund zwei Millionen Touristen jährlich bescherten Bilbao einen Besuch. Doch nach drei Jahren versiegte der Strom. Und der Unterhalt der blechernen Skulptur war viel teurer als gedacht. Schliesslich gaben sich Kuratoren die Klinke in die Hand, weil das Museum für Ausstellungen unbrauchbar ist.

Das änderte nichts daran, dass auch kleine Städte «so etwas wie Bilbao» wollten. Über Jahre ­rivalisierten orakelartige Figuren im Netz. Welche übertrifft die andere an Einzigartigkeit? Der Bilderkrieg beendete sich von selbst, so wie sich der Bilbao-Effekt durch Inflation selbst zerstörte. Das Einzigartige drehte sich in einer Wurlitzerorgel der Form. Der Glaube an den Bilbao-Effekt erlosch. Selbst der Erfinder Tom Krens liess 30 seiner Projekte in der Manier von Bilbao fallen – mangels ökonomischer Aufmerksamkeit. Schliesslich folgte dem Bilbao- der Wolfsburg-Effekt: Die Stadt hat ihr Vermögen in Architektursensationen investiert, und niemand hat es gemerkt.

Die IT-Fans waren schockiert – von einer wiederkehrenden Wirklichkeit, die sich als Paradox offenbarte. Der Aufbruch ins Zeitalter neuer Medien durchkreuzt eine postmediale Erkenntnis: Entweder ist der Alltag in einer Stadt eine Sensation, oder es gibt keine.

Der Bilbao-Effekt hat sich durch Inflation selbst zerstört.

Seither kommt der Ruf nach Wahrzeichen aus Provinzstädten und nahöstlichen Wüstengebieten. Medial kann ja nach wie vor alles grossartiger erscheinen, als es ist. Doch der Bluff wird inzwischen als Fake durchschaut. Provinzielles verschwindet auch mit dem höchsten Haus der Welt nicht.

In Luzerns KKL ist der «beste Konzertsaal der Welt» oft leer, zu oft. Nun können in ihm lokale Blaskapellen üben, was die Frage erzwingt, ob eine Alphütte der Stadtentwicklung förderlicher gewesen wäre – allenfalls auch aus japanischer Optik.

Der narzisstische Typ ist das Wahrzeichen von sich selbst. In Kopenhagen ist es der kollektive Typ – der städtische Alltag –, der Touristen magnetisch anzieht. Das macht die Stadt weniger krisenanfällig. Der Stadtforscher Walter Siebel hat festgestellt, dass Städte, die von unberechenbaren, zyklischen Touristenströmen essenziell abhängig sind, von einer Krise in die andere schlittern. Und sollte der CO2 tatsächlich mal reduziert werden und die Flugpreise ansteigen, dann würden Wahrzeichen nur noch digital vom Sofa aus bestaunt, was für die touristenabhängigen Städte eine analoge Tragödie wäre.

Wo Zweckloses Raum findet

Dennoch: Das alles spricht nicht grundsätzlich gegen Wahrzeichen – wie etwa die Bahnhofhalle in Zürich. In ihr passiert Banales, Aufsehenerregendes und auch nichts. Sie steht 60 Tage im Jahr leer. Improvisation und immaterieller Luxus sind Zürich eigentlich fremd, wo sonst jeder Quadratmeter kontrolliert und verwertet wird. Es handelt sich also um ein Wahrzeichen ex negativo – um eine Anreicherung des Alltäglichen. Die Halle ist ein urbaner Ort, wo Überraschendes und Zweckloses Raum findet.

In unmittelbarer Nähe ist das Gegenstück, die Europaallee: Flughafen-Shopping ohne Flughafen – nach Ladenschluss tot. Trostlos. Das Allerwelt-Programm mit ausschliesslich teuren Wohnungen richtet sich erbarmungslos gegen lokale Besonderheiten und verbindet «Öffentlichkeit» ausschliesslich mit Konsum.

Im Vergleich dazu ist der Prime Tower, das höchste Haus der Stadt, ein grossstädtisches Versprechen. Doch er vereinsamt mit sich selbst. In der Bar am immer leeren Tower-Vorplatz wird man fürstlich bedient, weil man nicht selten der einzige Gast ist. Damit ein Hochhaus zur Stadt gehört, muss eine Voraussetzung erfüllt sein – so die alte, metropolitane Chicago-Schule: Mindestens die unteren sechs Geschosse dienen der Öffentlichkeit, ­damit sich eine «vertikale Stadt» entfalten kann.

Wo Stadtluft frei macht

In Zürich gibt es eine anhaltende Sehnsucht nach der Metropole. Das Versprechen wird wachgehalten, aber nie eingelöst. Zum Glück: Der Frust produziert urbane Energie. In der Nähe des Prime Tower gibt es eine kleine Garage-Bar, die mehr Urbanität generiert als der ganze Turm. Das gelingt auch dem Kiosk auf der Allmend Brunau. Und vielen unbekannten Schuppen auch. Schattenereignisse sind die unsichtbaren Wahrzeichen. Nicht nur in Zürich. Wo sich urbane Schwärme finden und verlieren, dort, wo «das Abenteuer um die Ecke» stattfinden kann, wo Stadtluft frei macht, lebt eine Stadt als Stadt. Die Vorstellung «wir wollen auch so etwas wie einen Eiffelturm» ist nicht nur naiv, sondern entpolitisiert das Alltägliche. So wie die Vorstellung, dass ein alter Kran, der am Limmatufer stand, «als Kunstwerk provoziere». Er provozierte nicht, er stand nur im Weg.

Bauliche Wahrzeichen sind ein Triumph für den Augenblick – ein in sich erlöschendes Feuerwerk. Urbane Dauerbrenner geben einer Stadt ihren Glanz und ihre Patina – sie entstehen in sich selbst und langsam.

* Ernst Hubeli ist Mitinhaber des Büros Herczog Hubeli in Zürich und Professor für Städtebau und Architektur.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch