Wenn der Biber am Nutzland nagt

Bauer Arthur Bachofner verliert durch die Biber am Irchel laufend Kulturfläche. Weil der Schaden gross ist, bekommt er dafür nun Geld vom Kanton.

Sieben Dämme haben Biber auf Arthur Bachofners Land gebaut. Foto: Reto Oeschger

Sieben Dämme haben Biber auf Arthur Bachofners Land gebaut. Foto: Reto Oeschger

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Die Biberfamilie vom Langwisenbach hat mit ihrem Revier das grosse Los gezogen. Der Bach fliesst die sanften Ausläufer des Irchels hinunter ins Flaacher Feld, seine Ufer sind bewaldet, und keine 50 Meter entfernt liegen sattgrüne Wiesen und Felder mit Mais, Zuckerrüben, Weizen. Ein gefundenes Fressen für den Biber, der sich im Sommer von rund 150 verschiedenen Pflanzen ernährt. Die Bedingungen sind ideal für ihn, zumal es auch weit und breit keine grosse Strasse gibt, auf der Todesgefahr droht.

Vom Rhein herkommend, hatte sich der erste Biber vor circa zehn Jahren am Langwisenbach angesiedelt. Diesen Sommer zählte Bauer Arthur Bachofner einmal sieben Tiere – vermutlich ein Elternpaar und fünf Junge aus zwei Jahrgängen. Die älteren müssen jetzt im Herbst die Familie verlassen und sich ein eigenes Revier suchen. So ist das bei den Bibern. Leicht werden sie es nicht haben, denn im Weinland sind die guten Reviere bereits besetzt, hier ist die Biberdichte kantonsweit mit Abstand am höchsten. Vielleicht wandern sie aber auch nur ein bisschen bachaufwärts. Bach­ofner hält dies für möglich. Er glaubt auch, dass sich auf seinem Land bereits zwei Biberfamilien aufhalten und nicht nur eine, wie die Biberfachleute sagen.

Grösster Damm im ganzen Land

Dem Ehepaar Arthur und Elsi Bachofner und Tochter Andrea gehört der Hof Eigental in Berg am Irchel, er liegt neben dem gleichnamigen Schloss. Der Betrieb ist vielfältig, die Bachofners haben Reben, Mutterkühe, Äcker und Wald – und den baumbestandenen Bach, der teilweise zum Teich geworden ist. Sieben Dämme haben die Biber mittlerweile errichtet. Sie brauchen mindestens hüfthohes Wasser, da der Eingang zu ihrem Bau vollständig unter Wasser liegen muss. Ohne Zutun des Menschen hat sich über die Jahre ein Biotop entwickelt, in dem Libellen schwirren, Vögel zwitschern und Wildenten brüten. Der erste Damm sei damals landesweit der grösste gewesen, über 3 Meter hoch und 15 Meter breit, erzählt Bachofner. Inzwischen ist er verschwunden, die Bachlandschaft verändert sich immer wieder, denn die Biber arbeiten ständig daran.

Auf dem obersten Damm liegen grüne Maisstauden. «Die holen sie sich vom Rand des Feldes», weiss Bachofner. «Sie beissen die Stauden auf Bodenhöhe ab. Die Maiskörner fressen sie entweder gleich auf, oder sie bringen die Kolben in ihre Höhle als Vorrat für den Winter.» Verglichen mit den Wildschweinen und dem Dachs sei der Schaden, den Biber im Maisfeld anrichten, allerdings verschwindend klein, sagt der Bauer.

Grafik: Biber im Kanton Zürich Grafik zum Vergrössern anklicken.

Bachofner lässt die Biber gewähren. Das muss er auch, das Tier ist geschützt. Eine gewisse Faszination für den intelligenten Nager scheint durch, wenn er von seinen Bibern erzählt. Etwa, dass sie im November ein halbes Dutzend kleinere Bäumen fällen und deren Stämme bis zu ihrem Bau flössen. Es ist ihre Frostreserve: Wenn die Wasseroberfläche vereist, können sie von unten die Rinde abknabbern. Des Bauers Freude hält sich aber in Grenzen. Denn das ­Bibergebiet ist landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar, doch unterhalten muss es Bachofner trotzdem. Infolge der Stauungen sind Dutzende von Bäumen abgestorben, weil ihre Wurzeln im Wasser standen. Die dürren Bäume waren eine Gefahr für die Menschen. Neben dem Bach verläuft ein beliebter Wanderweg.

In Absprache mit der Gemeinde und mit der Biberfachstelle des Kantons Zürich liess Bachofner sie kürzlich fällen. Und zwar gleich alle auf einmal, damit die Kosten so hoch ausfallen, dass sich auch der Kanton daran beteiligt. Bis zu 2500 Franken müssen nämlich die privaten Besitzer bzw. die Gemeinde selber bezahlen, erst Kosten ab 2500 und bis 5000 Franken entschädigt der Kanton aus dem Wildschadenfonds. So steht es im kantonalen Biberkonzept.

Wie der Regierungsrat kürzlich auf eine parlamentarische Anfrage schrieb, wurden unter diesem Titel seit 2012 rund 14 000 Franken ausbezahlt. Aus der bescheidenen Summe lässt sich schliessen, dass grossmehrheitlich die Gemeinden und Privatpersonen für die Schutzmassnahmen auf ihrem Land aufkommen. Sind aber Gewässer des Staates betroffen, ist das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) zuständig und muss auch bezahlen. Mit ihren Dämmen können die Biber mannigfache Schäden verursachen: überschwemmte Kulturen, unterhöhlte Flurwege, kaputte Hochwasserschutzdämme, verstopfte Zu- und Abflüsse von Kläranlagen usw. Pro Jahr führt das Awel deswegen Unterhalts- und Präventionsarbeiten für 60'000 bis 70'000 Franken aus, Tendenz steigend.

Auf dem Weg ins Oberland

Der einst ausgerottete Biber hat sich im Kanton Zürich in den vergangenen Jahren wieder etabliert, mit Schwerpunkt im Weinland und im Unterland. Zwischen 2011 und 2014 nahm die Population um 250 auf 306 Tiere zu, die Zahl der Reviere stieg von 64 auf 87. Im gleichen Zeitraum wurden 39 Biber überfahren, laut den Fachleuten vorab wandernde Tiere, die auf der Suche nach einem Revier waren. Das ist ein Indiz für die Sättigung des Bestandes im nördlichen Kantonsteil. Die nächste Zählung findet diesen Winter statt. Es ist damit zu rechnen, dass sich der Biber nun langsam ins Zürcher Oberland und entlang der Limmat ausbreitet.

Erstellt: 24.10.2016, 20:39 Uhr

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