«Guten Abend, ich bin Corine Mauch, Ihre Stadtpräsidentin»

Huch, da steht plötzlich Zürichs Stadtmutter vor der Haustür. Was will sie denn?

Klinken putzen in Zürich: Wir haben Stadtpräsidentin Corine Mauch durch den Kreis 4 begleitet. Video: Lea Blum

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine simple Fingerbewegung, die Corine Mauch allerdings etwas Überwindung kostet. Die Stadtpräsidentin steht am Eingang eines Mehrfamilienhauses im Kreis 3 und drückt auf die Klingel. «Bei mir zu Hause müsste niemand an der Tür läuten», sagt Mauch.

Sie sind ihr lästig. Die Hausierer, die Stündeler, die Versicherungsvertreter, die einem mit aufdringlicher Freundlichkeit die wertvolle Zeit rauben. An diesem Abend wird Mauch selbst zur Hausiererin. Im Wahlkampf zu den Gemeinderatswahlen setzt die SP auf Hausbesuche – lockere Umfragen, um «der Bevölkerung den Puls zu fühlen».

Der erste Versuch verläuft im Sand, die Fenster der anvisierten Wohnung bleiben dunkel. Mauch klingelt weiter, im Auftrag ihrer Partei. Im obersten Stock öffnet sich ein Fenster. «Jaaaa?», ruft eine Frau in die Dunkelheit hinaus. Das Haus verfügt über keine Gegensprechanlage. «Guten Abend, ich bin Corine Mauch, Ihre Stadtpräsidentin.» – «Waaas?», ruft die Frau. Die Verständigung verläuft über vier Stockwerke hinweg, quietschende Trams im Hintergrund, suboptimal.

«So habe ich Sie ja noch nie gesehen, Frau Mauch», sagt ein Mann im Vorbeigehen. «Ich mich auch nicht», sagt die Stadtpräsidentin. Klinkenputzen in der kalten Innenstadt statt Wahlsitzung im geheizten Stadthaus. Das ist auch für die Stadtpräsidentin neu.

Inzwischen hat die Frau im obersten Stock wild gestikulierend signalisiert, dass sie gerade niemanden empfangen will. Auch nicht die Zürcher Stadtpräsidentin. «Die will wirklich nicht», sagt Oliver Heimgartner, der in der Wahlkampfleitung für die Quartierumfrage zuständig ist und an diesem Abend Mauch begleitet.

Der Beginn der Tour verläuft harzig. Und das, obwohl die Voraussetzungen kaum besser sein könnten. Mauch tritt freundlich und stilsicher auf, wenn auch noch etwas verkrampft. Mit der Wahl ihrer Garderobe hätte es auch zur Opernpremiere gereicht: hochhackige schwarze Lederschuhe, roter Wintermantel, gemustertes Seidenfoulard, die gelockten Haare schön. Mit Heimgartner verfügt Mauch über einen guten Sidekick. Der ehemalige Juso-Präsident politisiert zwar pointiert, doch sein Auf­treten gleicht demjenigen eines Traumschwiegersohns: deutliche Aussprache, freundliche Stimme, ein gewinnendes Lachen, die gelockten Haare schön.

Aller guten Klingeln sind drei

Beim dritten Versuch klappts. «Das freut mich jetzt, dass Sie persönlich bei mir vorbeischauen, Frau Mauch.» Wir stehen in einem Gebäude der Genossenschaft Dreieck. Einem Aushängeschild sozialer Wohnförderung. Wer hier lebt, der will in der Regel nicht mehr raus. Die Warteliste wurde abgeschafft. Hier wohnen die Privilegierten rot-grüner Wohnförderung, die SP-Stammwählerschaft.

«Die SP tritt für vier Hauptthemen ein», beginnt Mauch. «Wohnen, Verkehr, Arbeit und Bildung – bei welchem muss am meisten etwas passieren?» Frau ­Vogel fühlt sich abgeholt. «Das finde ich alles sehr wichtig.» Das Gespräch ist freundlich, es werden Nettigkeiten ausgetauscht. Beim Thema Quartier wird jedoch schnell klar, wo der Schuh drückt: «Der Verkehrslärm», sagt Frau Vogel. Der sei lästig. Das Gespräch endet mit einem Wahlversprechen: «Natürlich schreibe ich Ihren Namen auf den Wahlzettel, Frau Mauch.» Sie wähle seit Jahrzehnten die SP, sagt Vogel. «Und manchmal ein bisschen die AL.»

Das Team Mauch-Heimgartner ist nun warmgelaufen. Eine ältere Frau bietet ohne Umschweife zu Tische in ihrem Wohnzimmer. Das Gespräch zeigt: Nicht die grossen gesellschaftlichen Umwälzungen treiben die Zürcherinnen und Zürcher um, sondern die einfachen Alltagssorgen. Die kleinen Nadelstiche im Leben jener, denen es gut geht. «Dieser Veloweg an der Langstrasse, der keiner ist», sagt die Frau. Jedes Mal, wenn sie einen Polizisten sehe, müsse sie absteigen. «Ich habe es satt, ständig 30 Franken Busse zu bezahlen.» Die Stadtpräsidentin ist selbst eine passionierte Velofahrerin, sie kennt die Tücken der Zürcher Strassen. Die mangelhaften Velowege seien ein «heisses Eisen», das es noch stärker anzupacken gelte, beteuert sie. Es ist eines von Mauchs zahlreichen Wahlversprechen an diesem Abend. Auch dieses Gespräch endet freundschaftlich: Sie wähle eigentlich immer die SP, sagt die Frau. «Und manchmal ein bisschen die AL.»

2000 Besuche der SP

Drei Hausbesuche in einer Stunde, drei Fans für die Stadtpräsidentin. Wozu der Aufwand? «Mir ist der direkte Kontakt wichtig, und ich sehe, dass die Leute ­diesen Austausch schätzen», sagt Mauch. Knapp 2000 solcher Besuche hat die SP seit November durchgeführt, die Aktion läuft noch bis Ende Jahr. Sämtliche Wahlkreise will die Partei abdecken, nicht nur ihr Stammgebiet wie an diesem Abend. Gut 30 Prozent wählen hier die SP, Tendenz jedoch sinkend. «Hier gilt es, die bestehende Wählerschaft zu mobilisieren», sagt Mauch. Sie spüre, dass die Themen der SP hier auf Anklang stossen.

Ist die Stadtpräsidentin jedoch auch bereit für rauere Winde, klingelt sie morgen in Schwamendingen? «Ich würde gerne. Und ich war auch schon oft in Schwamendingen zu Besuch.» Doch in diesem Jahr bliebe ihr kaum mehr Zeit: Sitzungen, Podiumsdiskussionen, Medientermine. Sie sei froh, ab und zu nach Feierabend auch mal ein paar ruhige Minuten zu haben. Wenn sie dabei bloss keine Hausierer stören. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2017, 21:30 Uhr

Den direkten Kontakt suchen

Es ist nicht das erste Mal, dass die ­Zürcher SP im Wahlkampf neue Wege beschreitet – besser gesagt: neue alte Wege. 2015 versuchten Parteihelfer in rund 100'000 Telefongesprächen potenzielle Wähler zu mobilisieren. Diese Wahlkampfmethode wird in diesem Jahr beibehalten – ergänzt durch Hausbesuche. Tür-zu-Tür-Wahlkampf, wie es die SP nennt.

Auf den ersten Blick ist es ein Anachronismus: In Zeiten der Digitalisierung schickt die Partei Hunderte Freiwillige durch die Stadt und lässt sie an den Haustüren fremder Menschen klingeln. Das ist nun wahrlich nichts Neues. Dennoch folgt die SP einem internationalen Trend. Im angelsächsischen Raum ist die Methode schon länger wieder populär. Die SP gibt an, dass sie sich von der britischen Labour-Partei habe inspirieren lassen. «Wir gehen mit dieser Methode zurück zu den Ursprüngen der Demokratie», sagt SP-Campaignerin Lara Can, die für die Tür-zu-Tür-Umfrage zuständig ist. Ein Social-Media-Post erreiche zwar mehr Leute. Doch wichtiger sei, was davon hängen bleibe. «Da ist das persönliche Gespräch, der Austausch unter vier Augen viel effektiver.»

Die Wirkung des Tür-zu-Tür-Wahlkampfes wird durch einzelne Forschungsergebnisse gestützt. An der Universität Mainz wurde 2014 im Rahmen einer Kommunalwahl nachgewiesen, dass die Wahlbeteiligung in einigen Bezirken gesteigert werden konnte. Das sei auch das Hauptziel der SP, sagt Oliver Heimgartner. In Zürich hat die SP überdurchschnittlich viele Wähler, jedoch mit rund 2000 eine vergleichsweise tiefe Mitgliederzahl. «Dank der Quartierumfrage konnten wir schon Dutzende neue Mitglieder gewinnen», sagt Heimgartner. Andere Parteien zeigen sich noch zurückhaltend. Nur die CVP signalisierte Interesse – allerdings ohne dass bisher geklingelt wurde. (mrs)

Artikel zum Thema

Die Zürcher SP in der Krise – vier Beispiele

Leitartikel Die spektakulär gescheiterte Spitalstrategie Claudia Nielsens ist Symptom dafür, dass die Sozialdemokraten am Wendepunkt stehen. Mehr...

Klinkenputzen trotz Facebook und Big Data

Zürich wählt in vier Monaten. Kommt es zu hässlichen Auswüchsen im Internet? Wahrscheinlicher sind Genossen vor der Wohnungstür. Mehr...

Was es für eine politische Wende in Zürich braucht

Die Bürgerlichen streben bei den Wahlen 2018 die Mehrheit im Zürcher Stadtrat an. Ein Blick zurück zeigt: Das wird nicht einfach. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Kommentare

Blogs

Geldblog So heftig feilscht die EU um Börsenregeln

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

«Ich gehe nicht ins Pflegeheim»

Die Spitex kümmert sich zunehmend um unheilbar kranke und demente Menschen, die zu Hause sterben wollen. Auf Pflegetour in Witikon. Mehr...

Nur nicht hinschauen

Ein Mann hört nicht auf, Sexfilme von ihr auf Pornosites zu laden: Wie eine 26-jährige Frau ihrem Albtraum zu entkommen versucht. Mehr...

FCZ-Schläger vertreiben GC-Fans aus der Stadt

Die Polizei ist machtlos gegen die zunehmenden Übergriffe von gewaltbereiten FCZ-Ultras. Mehr...