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Stadt dreht Kinderbibliothek Geldhahn zu

Der Verein Kanzbi betreibt im Kreis 4 eine Bibliothek mit Publikationen in 25 Sprachen und bietet Integrationskurse für Eltern an. Nun droht das Aus.

Schmökern und Lümmeln in der Bibliothek: Die Kanzbi im Kanzleischulhaus im Kreis 4 ist bei Kindern und Jugendlichen beliebt.
Schmökern und Lümmeln in der Bibliothek: Die Kanzbi im Kanzleischulhaus im Kreis 4 ist bei Kindern und Jugendlichen beliebt.
Dominique Meienberg
Treffpunkt fürs Quartier: Die Kanzbi bietet nicht nur Lesestoff und Spiele an,...
Treffpunkt fürs Quartier: Die Kanzbi bietet nicht nur Lesestoff und Spiele an,...
Dominique Meienberg
...andere setzen sich ab zur stillen Lektüre.
...andere setzen sich ab zur stillen Lektüre.
Dominique Meienberg
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Seit 25 Jahren verleiht der Verein Kanzbi im Erdgeschoss des Kanzleischulhauses fremdsprachige Bücher. Die sogenannte interkulturelle Bibliothek ist in den 1990er-Jahren entstanden. Es war die erste in Zürich und eine der ersten in der ganzen Schweiz. Ihr Ziel ist es, mehrsprachige Kinder und Jugendliche zu integrieren. Sie ist aber auch ein Treffpunkt und bietet Eltern Kurse an – beispielsweise am Computer.

Die Kanzbi hat seit ihrer Gründung Unterstützung von der Stadt erhalten. Diese erlässt der Bibliothek die Miete der sieben Räume von über 45'000 Franken und gewährt ihr auch einen Zuschuss von jährlich 30'000 Franken für den Kauf neuer Bücher und den Betrieb.

Keine Grundlage für Weiterfinanzierung

Damit soll nun Schluss sein, wie das Schulamt im vergangenen Sommer entschieden hat. Für eine Weiterfinanzierung sehe das Amt keine ausreichende Grundlage, schrieb es im August vergangenen Jahres. Das Geld, das man der Kanzbi gewährte, sei im eigentlichen Sinne keine Unterstützung, sondern eine Entschädigung: Weil die Schule Aussersihl bisher über keine eigene Bibliothek verfügte, nutzte sie seit 2013 die Räumlichkeiten der Kanzbi. Da das in der Nähe gelegene Schulhaus Kern saniert worden ist, wird es die Schulbibliothek mit den deutschsprachigen Büchern aufnehmen.

Der Verein wehrte sich und betonte, wie wichtig die Bibliothek für das Quartier sei, doch das Schulamt sieht das anders. Die Kanzbi verfüge zwar über 6500 Bücher und Spiele in 25 Sprachen, doch der Bestand konzentriere sich primär auf die Migrationssprachen der 1990er-Jahre, also Albanisch, Spanisch, Portugiesisch, Türkisch und Tamilisch. Ausserdem gäbe es die Pestalozzi-Bibliothek (PBZ) Hardau, die ebenfalls eine interkulturelle Bibliothek mit über 12'000 Medien in 11 Sprachen sei.

«Wir bieten mehr als doppelt so viele Sprachen wie die PBZ», kontert Markus Busin, Präsident der Kanzbi. Ausserdem werde der Bestand laufend erweitert. Busin betont, dass man weit mehr als eine Bibliothek sei und wichtige Integrationsarbeit für das Quartier leiste.

Departemente wimmeln ab

Das Schulamt verweist auf Anfrage darauf, dass es im Kreis 4 ein breites Angebot für Migrantinnen und Migranten gebe. Wegen der integrativen Arbeit hat die Kanzbi auch das Gespräch mit dem Sozialdepartement gesucht, welches den Verein finanziell unterstützte, bevor dies das Schulamt übernommen hat. Doch dieses sieht die Kanzbi vor allem als Bibliothek: «Ein öffentlicher Nutzen im soziokulturellen Sinn ist aus unserer Sicht nicht gegeben.» Deshalb sehe man keine Möglichkeit, den Verein zu finanzieren.

Nun hat sich der Dachverband aller 22 interkulturellen Bibliotheken der Schweiz (Interbiblio) eingeschaltet. Interbiblio-Präsidentin Julia Cutruzzolà wandte sich mit einem Schreiben direkt an die Stadtpräsidentin Corine Mauch und bat darum, die Kanzbi weiter zu unterstützen. Dem «Tages-Anzeiger» sagt Cutruzzolà, es wäre ein grosser Verlust, wenn die Bibliothek den Betrieb einstellen müsste.

Der Verein sei aus dem Quartier heraus entstanden und habe sich in den vergangenen 25 Jahren dem Quartier stets angepasst. Eine ähnliche Institution neu aufzubauen, wäre enorm aufwendig. Das Präsidialdepartement prüfe das Anliegen nun, bestätigt Sprecher Nat Bächtold. Die bisherigen Einschätzungen der Stadt würden dabei ebenfalls berücksichtigt.

Unterstützung der SP

Neben Interbiblio hat auch die SP des Kreis 4 der Kanzbi seine Unterstützung zugesagt. «Ein Verlust der Kanzbi wäre extrem negativ», sagt Lewin Lempert, Vorstandsmitglied der SP 4 und Vizepräsident der Juso Schweiz. Man werde nun ebenfalls noch das Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt suchen, sagt Lempert.

Dies bestätigt auch Marcel Tobler, der für die SP im Gemeinderat sitzt. Er hoffe, dass die Unterstützung der Kanzbi im Budget der Stadt einen Platz finden würde. Sollte dies nicht klappen, könnten noch die parlamentarischen Möglichkeiten geprüft werden, um den Weiterbetrieb des Vereins sicherzustellen. Dies sei aber die letzte und nicht die angestrebte Massnahme, betont Tobler.

Kanzbi-Präsident Busin freut sich über die breite Unterstützung, die er im Quartier und in der Politik spüre: «Wir haben unsere Hoffnung noch nicht aufgegeben», sagt er. Sollte eine Unterstützung aber trotz allem nicht möglich sein, würde dies das Aus der Kanzbi bedeuten. Es sei für ihn keine Option, den Verein zu verkleinern und an einem anderen Ort weiterzuführen. Verlässt die interkulturelle Bibliothek das Kanzleischulhaus, übernimmt die Musikschule, die schon alle anderen Teile des Gebäudes besitzt, die Räumlichkeiten.

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