Wenn die Tänzerin plötzlich singt

ZHDK-Studierende dreier Fachrichtungen stehen für eine Performance gemeinsam auf der Bühne im Toni-Areal. Heraus kommt dabei Kunst, die das Atmen vergessen lässt.

Sie singen, tanzen und schauspielern: Studentinnen der ZHDK.

Sie singen, tanzen und schauspielern: Studentinnen der ZHDK. Bild: Doris Fanconi

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Was für eine Energie! Die Probe einer Szene aus Strawinskys «L’histoire du soldat» verläuft so intensiv, dass man beim Zuschauen zu atmen vergisst. Offenbar passiert das auch dem jungen Klarinettisten, der den Soldaten darstellt und innerhalb eines Menschenkreises rennt, fällt, rollt. «Respire!», ruft die Schauspieldozentin dem jungen Franzosen zu, und nicht bloss er, sondern der ganze Raum atmet auf, als das Piano stoppt.

Morgen Abend ist Aufführung der Soldatengeschichte, dafür haben zwölf Studierende mit einem Dozententeam fast vier Wochen in einem Studio an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) im Toni-Areal geprobt. Vor zwei Jahren zogen die bis anhin über die Stadt verstreuten Disziplinen der ZHDK unter ein Dach, seither wartet man gespannt darauf, welche Projekte aus der Nachbarschaft hervorgehen – auch, weil die ZHDK mit den «grenzenüberschreitenden Formaten» um Publikum wirbt.

Man spricht Englisch, Russisch und Deutsch mit steirischem Akzent

Neugierige sollten dem Toni-Areal in diesen Tagen sowieso einen Besuch abstatten. Derzeit findet das zweiwöchige «Toni!»-Festival statt. Ausstellungen, Präsentationen und Konzerte geben täglich Einblick ins das Schaffen der nächsten Künstlergeneration. Grande Finale ist der Tag der offenen Tür am Samstag, 24. September.

Zurück zum Musiktheater, das Igor Strawinsky 1917 für eine Wanderbühne, bestehend aus einem Vorleser, zwei Schauspielern, einer Tänzerin und sieben Musikern schrieb. Auch das Ensemble der Zürcher Aufführung ist interdisziplinär, nur machen hier alle alles, die Übergänge zwischen den Künsten sind fliessend. Die Gruppe Bachelorstudierende aus den Fachrichtungen Tanz, Schauspiel und Musik ist international, man spricht Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch mit Schweizer oder steirischem Akzent.

«No judgement»

Dass die Studierenden in dem Wahlpflichtfach Neues ausprobieren, ist Programm. Und so kommt es, dass in dieser Probe ein Klarinettist schauspielert, ein Schauspieler tanzt und eine Tänzerin, die sich sonst still über die Bühne bewegt, singt.

Nicht alle der Studierenden tragen ihre ungewohnte Rolle wie ein massgeschneidertes Kostüm, manche bewegen sich noch etwas ungelenk oder sie strapazieren ihre Stimmbänder. Das ist nicht als Kritik gemeint, sondern als Kompliment: Nur wer sich aus seiner Komfortzone begibt, entwickelt sich weiter. Einen «gemeinsamen Lernprozess» wollten die Dozenten durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit anregen. Dies scheint ihnen gelungen zu sein.

Jasper Engelhardt (22), Schauspielschüler im dritten Jahr, hat Freude an dem Projekt. Er sagt: «Die Dozenten haben einen Raum geschaffen, in dem man sich emotional öffnen kann.» Und Alice D’Angelo (20), Tanzstudentin im zweiten Jahr, schwärmt von der Atmosphäre in der Gruppe: «No judgement, es wird nichts bewertet.» Die Dozenten forderten, ohne zu überfordern, sagt sie.

Vier Dozenten unterrichten das Projekt, jeder kommt aus einem anderen Bereich: Künstlerische Leitung/Regie (Darrel Toulon), Gesang (David Thorner), Schauspiel (Charlotte Joss) und Tanz (Luca Signoretti). Der Disziplinenmix ist für Regisseur Toulon «so natürlich wie atmen». Er selbst ist Musiker, Tänzer, Schauspieler und Choreograf und sagt über das Projekt: «Es gab nicht einen langweiligen Moment während der Proben». Man glaubt es ihm gern.

«Geschichte mit und ohne Soldaten». So, 18. September, 19.30 Uhr, Konzertsaal 3, Toni-Areal. Eintritt frei.

Erstellt: 16.09.2016, 17:41 Uhr

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