«Wenn es hier nicht funktioniert, wo dann?»

Die Kosmos-Gründer Bruno Deckert und Samir erklären, warum ihr Kulturhaus von der Nähe zur Langstrasse, diesem «verrückten Ort», profitiert.

«Ein gemeinsamer Freund hat uns verkuppelt»: Bruno Deckert (l.) und Samir im Kosmos. Foto: Reto Oeschger

«Ein gemeinsamer Freund hat uns verkuppelt»: Bruno Deckert (l.) und Samir im Kosmos. Foto: Reto Oeschger

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Ist ein Projekt wie das Kosmos überhaupt nötig?
Bruno Deckert: Von Anfang an hiess es: was, noch ein Buchladen? Noch ein Kino? Spinnt ihr eigentlich, Bücher und Filme werden ohnehin obsolet. Ähnlich tönte es, als wir vor bald 20 Jahren das Sphères eröffneten, die Bar und Buchhandlung mit Kulturbetrieb hinter dem Escher-Wyss-Platz. Aber das Sphères hat trotz der Lage rentiert, und ich hatte viele Anfragen für spannende, grössere Veranstaltungen. Da spürte ich im urbanen Zürich ein Bedürfnis für einen Ort wie das Kosmos.
Samir: …der grösser gedacht ist als die einzelnen Läden und Spelunken. Ein kosmopolitischer Raum, wo ein Diskurs stattfindet.

Das könnte er auch anderswo.
Samir: Klar. Aber keiner hats gemacht. Weder das Kaufleuten noch das X-tra, noch der Pfauen. Man muss sehen, wo das Kosmos liegt: an der Schnittstelle vom Businessquartier zur ominösen Langstrasse. Das ist ein verrückter Ort.

Und hier soll es funktionieren?
Samir: Wenn nicht hier, wo dann?

Was meinen Sie mit «Das Kosmos ist grösser gedacht»?
Deckert: Es hat eine Massstäblichkeit, die Zürich bis jetzt nicht kannte. Grösser als bestehende Orte, aber so klein, dass man sich noch begegnet. Dazu hybrid. Alles läuft ineinander, und alles ist aus einem Guss.

Wieso braucht es die Verschmelzung?
Samir: Weil wir glauben, dass du die Sache, die du hier liest, austauschen willst mit jemandem. Dasselbe gilt fürs Kino. Wenn du essen gehst, gesättigt bist, überlegst du dir: Was mache ich mit dem Abend? Vielleicht nimmst du eine Diskussion wahr und diskutierst mit.

Zürich hat nun sechs neue Kinosäle, 800 neue Plätze. Woher nehmen Sie die Zuschauer, wo doch die Besucherzahlen rückläufig sind?
Samir: Klar, alle sagen, ihr nehmt uns die Zuschauer weg. Das hiess es schon, als das Houdini kam. Aber es stimmt nicht. Kinos rentieren.

Aber voll sind sie nicht.
Samir: Sie sind 20 Prozent ausgelastet. Das reicht, auch bei uns. Ich kenne die Zahlen. Die Personalkosten sind tiefer, die Amortisationen der Geräte länger.

20 Prozent scheint wenig.
Deckert: Das ist so. Unter der Woche sind es vielleicht nur 5 Prozent, am Wochenende aber 90.
Samir: Aus diesem Grund vermieten wir die Kinos auch unter Tag für Firmenanlässe, Präsentationen oder Kongresse. Das ist das, was Geld bringt.
Deckert: Kinos, die nur Kinos sind, werden es eines Tages schwer haben, wenn sich unsere Gewohnheiten weiter verändern. Mit einem guten Kinokonzept kannst du die Kinoidee aber weitertragen. Das Riffraff hat dies mit der Bar und dem Restaurant vorgemacht. Wir haben die Idee nun weiterentwickelt.

Aber Ihre Kinonachbarn zittern.
Deckert: Ehrlich gesagt: Die Diskussion darüber, ob wir eine Bedrohung sind oder nicht, finden wir etwas mühsam. Wir denken nicht in den Termini von Konkurrenzkampf und Bedrohung.

Sondern?
Deckert: Ich habe mich bei der Eröffnung des Sphères auch nicht gefragt: Funktioniert das? Wir hatten einfach eine Idee, und die wollten wir umsetzen. Ist die Idee stark genug – und daran glauben wir, weil sie gut ist –, wird sie sich durchsetzen. Sie wird niemanden verdrängen, sondern eine Bereicherung sein für die Stadt.
Samir: Das Houdini hat dazu geführt, dass das benachbarte Uto nicht mehr nur als Abspielkino genutzt wird, sondern auch als Premierenort. Diese Dynamik, diese Sogwirkung wird auch an der Langstrasse stattfinden. Wir nennen das den Souk-Effekt. Es wird künftig zwei Kino-Cluster geben: Rive droite, Rive ­gauche. Entweder, man geht am Bellevue ins Kino oder an der Langstrasse – mit Riffraff, Kosmos, Xenix, Houdini und Uto eine Kinomeile. Und mit dem Theatersaal im Zollhaus ennet der Gleise wird die Strasse noch um einen Veranstaltungsort reicher.

«Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter gesucht. Alle haben sich bei uns gemeldet. »

Was ist mit den Kinos im Niederdorf?
Samir: Mainstreamkinos funktionieren überall dort gut, wo sie sich ausserhalb der Ausgehmeile befinden. Beispiel Sihlcity. Andernfalls gehen die Kinos ein, weil die Ausgehmeile zusammenbricht, wie das im Niederdorf geschieht.

Warum grenzt sich das Kosmos programmlich nicht stärker ab von einem Riffraff oder einem Houdini?
Samir: Wir müssen uns nicht abgrenzen. Überschneidungen mit dem Riffraff wird es nur wenige geben, denn wir haben unser Programm als «Greater Arthouse» definiert. Auf der einen Seite populäre, aber doch anspruchsvolle Filme wie «Jugend ohne Gott» des Schweizers Alain Gsponer oder die witzige Verfilmung des Romans «Magical Mystery» von Sven Regener. Auf der andern Seite beispielsweise den formal und politisch aussergewöhnlichen Dokfilm «Ghost Hunting» des palästinensischen Filmemachers Raed Andoni oder andere Filme, die zum Teil ohne unser Engagement vielleicht gar nicht ins Kino gekommen wären.

Zeigen Sie die Filme mit Pausen?
Samir: Nein, wir haben internationalen Standard. Bei den Kinderfilmen machen wir hingegen Pausen.

Gibt es Popcorn?
Samir: Ja, aber es wird nicht überall danach riechen.

Wer «Kosmos» hört, denkt an Kino und Samir. Doch die Ursprungsidee für das Kulturzentrum stammt von Ihnen, Bruno Deckert. Fühlen Sie sich etwas übergangen?
Bruno Deckert: Ich kann nachvollziehen, dass viele so denken. Samir ist seit 40 Jahren in dieser Stadt aktiv und bekannt. Persönlich finde ich es schade, dass das Kosmos immer so auf ihn und die Kinos reduziert wird. Das Kosmos ist ein Kulturhaus, in dem wir beide unsere Ideen unter einem Dach vereint haben.

Wie kam es zur Zusammenarbeit?
Deckert: Eine Weiterentwicklung des Sphères schwebte mir schon lange vor: ein Ort, an dem 300 statt 100 Leute Platz finden. Als 2010 die Europaallee geplant wurde, ging ich mit meiner Projektidee «Geld und Geist» auf die SBB zu. Ein gemeinsamer Freund wusste von Samirs Plänen und hat uns verkuppelt.
Samir: Mir schwebte ein Kino «Hinter den sieben Gleisen», mit sieben Sälen vor, irgendwo im Kreis 4, wo ich aufgewachsen bin. Geblieben sind sechs.

Wie haben Sie als verkuppelte Partner harmoniert?
Deckert: Sehr gut. Wir waren beide befeuert von der Lust, unsere Idee zu verwirklichen, obwohl wir ja genug anderes zu tun hätten. Diese Energie hatte auch eine Sogwirkung. Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter gesucht. Alle haben sich bei uns gemeldet.

Nun, da das Kosmos aufgeht, sind Sie am Landen oder am Abheben?
Deckert: Eine knifflige Frage. Aus meiner Sicht landen wir nun zuerst einmal. Wir haben ein grosses Versprechen abgegeben und eine Behauptung aufgestellt, dass das hier funktionieren wird. Das müssen wir nun beweisen. Deshalb ist es für mich ein Zwischenlanden.

Welches Publikum sprechen Sie an?
Samir: Bücher und anspruchsvolle Filme sind ausgerichtet auf Leute ab 45 Jahren. Die sind auch sehr kaufkräftig. Und so haben wir es auch in den Businessplänen verkauft. Diese Leute sind unser Grundstock. Den zweiten Teil Leute generieren wir aus dem Ort: An der Langstrasse sind jeden Abend rund 20'000 Leute unterwegs. Diese Mischung von Jung und Alt reizt uns.
Deckert: Ich erwarte engagierte Zeitgenossen und gebildete Laien.

Darf hier auch grölendes Ausgehpublikum verkehren?
Deckert: Das können wir nicht ausschliessen. Wir sind jedenfalls gewappnet dafür.

Wie beeinflusst das Kosmos das Quartier?
Deckert: Es wird es aufwerten und bereichern. Wir wollen in Kontakt sein mit allen um uns herum, auch mit der Konkurrenz, und uns keinesfalls abschotten.

Was, wenn das Kosmos scheitert?
Samir: Dann muss die Welt untergehen. Nein, ernsthaft, auch ich hatte Herzflattern, ob wir unser Versprechen einlösen können.
Deckert: Ich habe mir schon manchmal überlegt, warum es scheitern könnte: am Bedürfnis, an der Film- oder Buchauswahl. Natürlich sind wir nicht Herren über alles. Natürlich wird nicht alles perfekt sein, und wir haben Fehler gemacht. Aber, wir befassen uns seit sieben Jahren mit dem Projekt und haben so viele Hindernisse überwunden. Ich habe zudem meine Dissertation über das Projekt verfasst. Deshalb bin ich überzeugt, dass es funktioniert – so, wie es das Sphères noch heute tut.
Samir: Es sind ja nicht nur wir, die an die Idee glauben, sondern auch die 26 Aktionäre mit uns. Sie haben das Projekt gestemmt. Wir erhalten keine Subventionen, hatten keine Bank im Rücken. Die 8 Millionen Franken Vorfinanzierung für den Mieterausbau müssen wir den SBB innert 20 Jahren zurückzahlen.
Deckert: Manchmal gibt es im Leben Situationen, da hat man nur einen Plan A, und den setzt man um.

Erstellt: 31.08.2017, 22:58 Uhr

Die Kosmos-Gründer

Buchkenner und Filmemacher

Bruno Deckert

Als Gründer des Sphères, einer Bar mit Buchladen und Bühne, wurde der 67-Jährige bekannt. Er hat Philosophie studiert und vor zwei Jahren an der HSG über das Kulturhaus Kosmos doktoriert. Deckert lebt in Zürich.

Samir

Der 62-Jährige ist Filmemacher, Filmproduzent und Regisseur. Sein Film «Snow White» machte ihn bekannt, Filme wie «Strähl» hat seine Firma Dschoint Ventschr produziert. Er ist AL-Mitglied und wohnt in Zürich. (ema)

Eröffnungswochenende

Lieblingsfilme und Konzerte

Das Kulturhaus an der Lagerstrasse 104 mit Buchsalon, Bistro, Club, Forum und Kino öffnet morgen Samstag um 14 Uhr die Türen.

Programm Samstag (Eintritt frei):

14.30 h: Textkiosk, Julia Weber (Buchsalon)

15 h: Minitheater Hannibal (Buchsalon)

15 h: Kindervorstellung «Das letzte Einhorn» (Kino)

17 h: Filmfrisuren (Club)

18 h: Konzert Scharlachmaria (Forum)

18 h: Filmstart «Voyage of Time: Life’s Journey», Terrence Malick (Kino; nicht gratis)

19 h: Spoken-Word-Performance von Fatima Moumouni (Forum)

20 h: 24 Stunden nach dem Urknall: Rückblick mit den Kosmonauten Bruno, Samir und Martin, Moderation: Patrick Frey

21 h: Lesung von Michael Fehr (Forum)

22 h: Konzert von Reza Dinally (Forum)

23 h: Tanz mit Chrigi G. us Z. (Club)

23.45 h: Livevertonung von Kraut_produktion «Das Spukschloss im Weltall» (Kino)


Programm Sonntag:

Kino offen ab 10 Uhr, Rest ab 14 Uhr

10.40 h: Carnage (Lieblingsfilm)

11 h: Boyhood (Lieblingsfilm)

alle Filme 5 Franken (Tag des Kinos) (ema)




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