Fiala und die Flüchtlinge: Eine Reise nach Kos

Eine Europaratsdelegation machte sich auf der griechischen Insel Kos ein Bild von der Flüchtlingskrise. Angeführt wurde sie von der Zürcher FDP-Politikerin Doris Fiala.

Der griechische Ex-Minister Aristotelis Pavlidis zeigt der Zürcherin Doris Fiala (FDP), wo die Flüchtlinge landen. Foto: Artur Widak

Der griechische Ex-Minister Aristotelis Pavlidis zeigt der Zürcherin Doris Fiala (FDP), wo die Flüchtlinge landen. Foto: Artur Widak

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Sie steht im Taubendreck und zückt ihr Handy. «Nicht so auffällig», raunt die Frau links. «Wir dürfen nicht fotografieren», sagt der Mann rechts. «Aber ich habe sie gefragt, sie sind einverstanden», verteidigt sich Doris Fiala. Dann ist das Bild auch schon gemacht: Eine überfüllte, mittelalterliche Gefängniszelle. 20 Männer drängen sich ans Fenster, sie lassen ihre Arme zwischen den Gitterstäben hindurch nach draussen hängen.

Wir befinden uns in einer Polizeistation auf der griechischen Insel Kos. Die inhaftierten Männer sind Flüchtlinge, die man der Schlepperei verdächtigt. Und das Grüppchen vor der Zelle ist eine Delegation des Europarates, angeführt von der Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala. Fünf Parlamentarier sind angereist, aus Grossbritannien, Deutschland, Estland, Zypern und der Schweiz, um sich ein Bild der Flüchtlingskrise zu machen. Zwei Tage lang werden sie durch die Stadt chauffiert, vom Strand geht es zum Meeting mit den Flüchtlingen, mit den Helfern, dem Stadtrat, den Hoteliers, dem Präsidenten, den Häftlingen, the floor is yours, thank you for coming.

Der Chauffeur fährt in rasantem Tempo über die Insel, draussen dunkelt es bereits. «Wie viele Flüchtlinge befinden sich etwa auf der Insel?», will Fiala vom Fahrer wissen. «800 vielleicht», sagt er. Fiala ist irritiert. Nur 800? Auf dem Balkan sind zurzeit Zehntausende unterwegs. «Wenn es effektiv nur so wenige sind, hätten wir nicht herzukommen brauchen», sagt sie besorgt. Doch nach der ersten Hafenrundfahrt zeigt sich, dass die Sorgen, man könnte am falschen Ort einen Augenschein nehmen, unbegründet sind: In der Stadt herrschen slumähnliche Zustände, und es sind weit mehr als 800 Personen, die auf der Strasse leben. Auf der Hafenpromenade, im Stadtpark, überall stehen kleine Igluzelte. Wäsche hängt zum Trocknen auf den Pollern, in Hauseingängen liegen junge Männer, eingewickelt in UNHCR-Decken. Die Politikerinnen steigen aus dem Auto aus, machen Fotos und sprechen Leute an. Fiala will wissen, woher die Familien kommen. «Aha, Afghani­stan, thank you, all the best for you!»

Suche nach Argumenten

Die Delegation ist angereist, weil ein ehemaliger griechischer Minister um Hilfe rief. 55'000 Personen sind dieses Jahr vom türkischen Festland auf die Insel ­geflüchtet, die 34'000 Bewohner fühlen sich im Stich gelassen. Und Fiala? Warum ist sie hergekommen? «Alles, was ich mit eigenen Augen sehe, kann ich anders vertreten.» Sie wolle die Asyldebatte versachlichen, dazu brauche sie Argumente.

Nach dem ersten Rundgang herrscht Bedrückung. Nur das improvisierte Freiluft-Badezimmer mit Dutzenden von Zahnbürsten, die in einer Mauer stecken, bringt alle zum Lachen. «This is not funny», faucht ein Bengale beim Vorbeigehen. Er wird sofort von einem Lokalpolitiker zurechtgewiesen. «Sorry, they are like animals», sagt er zum Besuch. Dann geht es weiter, die Delegation wird in eine Sitzung des Stadtrats eingeladen, Fiala hält aus dem Stegreif eine Rede, bei der es darum geht, dass man zusammenstehen und die Herausforderung gemeinsam meistern müsse.

Das Problem lösen, wer will das nicht. Aber wie? Und was tut man bis dann? Die lokale Bevölkerung ist tief gespalten, ob sie den Flüchtlingen helfen soll oder nicht. Es gibt Leute wie jener nette Kellner, der die Migranten verachtet, weil sie «in ihrem eigenen Müll leben, auf den Boden pinkeln und darin schlafen». Gleichzeitig gibt es Hoteliers, die gratis Flüchtlinge aufnehmen oder Leute wie der Bäcker Dionysios, der ­jeden Tag in den Hafen fährt, um Sandwiches und Kuchen zu verteilen.

Der Delegation wird erst nach und nach klar, dass die Zustände in der Stadt von den lokalen Politikern gewollt sind. Die Situation soll abschrecken, man wehrt sich mit allen Mitteln gegen die ­Eröffnung eines Flüchtlingscamps. Nur funktioniert die Abschreckung nicht. Laut freiwilligen Helfern kommen zurzeit zwischen 200 und 600 Personen pro Nacht an. Zu Fuss marschieren sie in die Stadt und warten, bis sie registriert werden. Zur Weiterfahrt nach Athen müssen sie sich ein Ticket für die Fähre kaufen.

Am nächsten Morgen werden die Politiker zu den Stellen gefahren, wo in der Nacht die Boote landen. Die türkische Küste ist in Sichtweite, es sind nur ein paar Kilometer Fahrt über das Meer. Für einen Tagesausflug in die Türkei ­bezahlen die Touristen 15 Euro – für die Flüchtlinge kostet die Fahrt in die andere Richtung zwischen 300 und 2300 Dollar. Auch die Familie von Aylan Kurdi wollte auf dieser Passage nach Kos gelangen. Dass das Boot kenterte, wissen heute auch Leute wie David Cameron oder Angela Merkel, weil eine türkische Fotografin vor Ort war und die angeschwemmten Leichen fotografierte.«Das ist krass», sagt Fiala und zeigt auf die leeren Liegestühle des Strandhotels neben der Landungsstelle. «Wer will hier noch Ferien machen, wenn er täglich dieses Elend sieht?» Überall am Strand sind die Spuren der nächtlichen Überfahrten zu sehen: Schwimmwesten, Teddybären und Kinderschuhe liegen im Sand, Windeln, nasse Hosen und zerschnittene Schlauchboote. Zwei Politiker heben eine Schwimmweste vom Boden auf und posieren damit lächelnd vor der Kamera.

Kein Paradies für Migranten

Die Hoteliervereinigung von Kos setzt sich vehement dafür ein, dass auch weiterhin keine Unterkunft für die Flüchtlinge eröffnet wird. «Wir wollen ein Paradies für Touristen sein, nicht für Migranten», sagt ein Hotelbesitzer bei einem Meeting. Diesen Sommer sind die Buchungen auf der Insel um 40 Prozent eingebrochen, bei einer Wirtschaft, die zu 90 Prozent vom Tourismus abhängig ist. Fiala, die ehemalige Reiseleiterin, hat ein grosses Herz: Sowohl die Flüchtlinge als auch die Hoteliers finden darin Platz. Sie versichert den Männern und Frauen, dass sie ihre Lage verstehe.

Im Frühstücksraum des Hotels Oscar sitzen rund 20 Flüchtlingsfamilien und warten auf das Treffen mit den Politikern, die Kinder sind gespenstisch still. Die meisten der Familien sind in der Nacht zuvor angekommen. Fiala hält eine kleine Rede, in der sie von ihrem eigenen Flüchtlingshintergrund erzählt: Mit 16 verliebte sie sich in ihren jetzigen Mann, Jan Fiala, einen Flüchtling aus der Tschechoslowakei. Dies sei mit ein Grund, warum sie sich humanitär engagiere. «Tell us all about your feelings and experiences. What is your key message for our delegation?», fragt sie in die Runde.

Es antworten vor allem die Frauen, fast alle tragen ein Kopftuch, alle sprechen resolut und selbstbewusst. «Warum gibt es keinen legalen Transport von der Türkei nach Griechenland?» «Warum können wir nicht in Syrien um Asyl anfragen?» «Warum können die Länder nicht zusammenarbeiten?» Die Übersetzung dauert lange, für Diskussionen reicht die Zeit nicht. Antworten kann niemand geben, aber es wird beteuert, dass man die Mitgliedsstaaten des Europarates motivieren werde, eine Lösung zu finden.

In der Nacht regnet es stark, es ist kalt und windig. Während die Delegation schläft, kommt im Morgengrauen das nächste Schlauchboot an. Etwa 40 Personen sitzen darin, sie sind ganz still und beobachten, was am Strand vor sich geht. Dort steht ein Fotograf und zwei Hilfswerksmitarbeiter – jeden Morgen sind sie da und hoffen, ein Boot in Empfang nehmen zu können. Als die Flüchtlinge in Rufnähe sind, reisst der Fotograf die Hände in die Höhe und ruft «Welcome!». Die Leute winken zurück und jubeln, «Allahu Akbar! Allahu Akbar!» Als das Boot hält, lassen sich die Männer in den Sand fallen, sie beten und weinen und umarmen den Fotografen.

Nun kommt der Winter, und es wird noch lange keine Unterkunft geben. Die Migranten werden von sieben Hilfsor­ganisationen versorgt, mit Spendengeldern aus Europa kochen die freiwilligen Helfer dreimal pro Tag 1000 Mahlzeiten und bezahlen den Familien mit Kindern eine Hotelunterkunft. «In einem Monat ist unser Geld aufgebraucht, der Winter kommt, und wir wissen nicht, was tun», sagt die Fotografin Valerie Stahl, die eine Hilfsorganisation gegründet hat. «Ich bin sehr beeindruckt von ihrem Engagement und glauben sie mir, ich werde nicht nur darüber sprechen, sondern im Europarat und auch in der Schweiz aktiv werden», sagt Fiala.

Dann geht es bald schon wieder zurück zum Flughafen. Und jetzt, was passiert mit all diesen Worten? «Wir werden einen Bericht über unsere Erkenntnisse in der nächsten Europaratssitzung einbringen», sagt Fiala. Sie wolle zudem mit griechischen Politikern im Europarat sprechen und auch in der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates «sensibilisieren». «Wir müssen uns überlegen, was die Schweiz tun kann.» Auch wenn ihr das Schicksal der Flüchtlinge sehr zu Herzen gehe, sei sie keine humanitäre Romantikerin. Es gehe ihr um «vorausschauendes Risikomanagement» für die Schweiz. «Wenn die Probleme nicht angegangen werden, wird der Druck steigen, und wir werden das Problem auch vor der eigenen Haustür haben.»

Während die Fähre im Hafen von Kos einfährt, um die nächsten 1000 Migranten nach Athen zu bringen, rollt das Flugzeug mit den Politikerinnen auf die Startbahn. Für die einen dauert die Reise fünf Stunden. Die anderen wissen nicht, wann sie ankommen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.10.2015, 22:59 Uhr

Europarat

Wächter über die Menschenrechte

Sie werden gern verwechselt: Der Europarat, der Europäische Rat und der Rat der Euro­päischen Union. Der Europarat hat – im Gegensatz zu den anderen beiden Organen – nichts mit der EU zu tun. Er ist eine eigenständige Organisation mit 47 Mitgliedsländern und Sitz in Strassburg. Der Europarat setzt sich in erster Linie für die Verteidigung der Menschenrechte ein und überwacht die Umsetzung der Menschen­rechts­konvention in den Mitgliedsländern.

Die Schweiz trat dem Europarat 1963 bei und entsendet sechs Abgeordnete in die Parlamentarische Versammlung, vier National- und zwei Ständeräte. Damit ist das Land gemessen an seiner Grösse im Europarat überproportional vertreten. Neben Doris Fiala (FDP) sitzen André Bugnon (SVP), Andreas Gross (SP), Alfred Heer (SVP), Liliane Maury Pasquier (SP) und Urs Schwaller (CVP) in der Parlamentarischen Versammlung. Ihre Aufgabe ist einerseits, einen politischen Dialog zu führen. Zudem wählt das Parlament den Generalsekretär, den Menschenrechtskommissar sowie die Richter des Euro­päischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Die von der Versammlung verabschiedeten Texte dienen einerseits als Orientierungshilfe für die nationalen Parlamente oder führen zu internationalen Verträgen. Die bekannteste dieser Konventionen ist die Europäische Menschenrechtskonvention. (mid.)

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