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Wenn Polizisten zu «Kriminellen» werden

Falsche Identitäten, Scheinfirmen: Die Massnahmen, welche Staatsanwaltschaft und Polizei anwandten, um die gestohlenen Gemälde der Bührle-Stiftung wieder zu beschaffen, gleichen einem Agententhriller.

Sämtliche Gemälde, die 2008 aus dem Museum der Stiftung E. G. Bührle gestohlen wurden, sind zurück in Zürich. Noch will die Staatsanwaltschaft aus ermittlungstaktischen Gründen nicht zu viele Details zur jahrelangen Fahndung preisgeben. Was sie aber aufzeigt, würde schon als Stoff für einen Agententhriller reichen: Scheinfirmen, Undercover-Agenten und falsche Identitäten inklusive.

Wer als verdeckter Fahnder tätig ist, muss überzeugend auftreten. «Ein Fehler, ein falscher Schritt» würde den Fahnder selbst und die Ermittlungen gefährden, erklärt Staatsanwalt Roland Wolter heute Freitag.

Der Auftrag für die Polizisten, die verdeckt nach den geraubten Bildern aus der Bührle-Sammlung in Zürich fahndeten, war in groben Zügen klar: Erste Kontaktnahme, Aufbau von Vertrauen, Verdächtigte derart in Sicherheit wiegen, dass sie auf (scheinbare) Geschäfte eingehen.

Netz verdeckter Fahnder

Mit den nötigen richterlichen Bewilligungen wurden speziell ausgebildete Angehörige der Zürcher Stadt- und Kantonspolizei mit einer «Legende» versehen. Diese umfasst jeweils nicht nur einen falschen Namen und Ausweis: Es braucht eine ganze (konstruierte) persönliche Geschichte, die der Fahnder verinnerlicht.

Auf der Suche nach den geraubten Bildern der Bührle-Sammlung wurde ein Netz von verdeckten Fahndern in verschiedenen Ländern geknüpft. Die Identitäten der Einzelnen mussten «einander ergänzen und unterstützen», so Wolter. Sie mussten ein «insgesamt glaubhaftes Bild» für die Verdächtigten abgeben, aber auch «der Gefährlichkeit und Persönlichkeit der einzelnen Täter gerecht werden».

Enge Kontrolle der Ermittler

Bei der Bildersuche kam erschwerend dazu, dass die Täter wussten, dass die Polizei hinter ihnen her war. Man musste damit rechnen, dass sie vorsichtig jeden Schritt der Unbekannten überprüften – monatelang. Niemals durften sie merken, dass sie im Fokus der Ermittlungen standen und mit wem sie es wirklich zu tun hatten.

Gleichzeitig aber mussten die verdeckten Ermittler untereinander und mit der Ermittlungsleitung in Kontakt bleiben. Laut Wolter gab es «eine enge Kontrolle» bei der Führung. Jeder Einsatz sei genau vor- und nachbesprochen worden.

Bilder sind beschädigt

Auch durften nicht sämtliche Fahndungserfolge veröffentlicht werden. Noch vor dem «Knaben mit der roten Weste» war auch «Ludovic Lepic und seine Töchter» in der Sammlung Bührle in Zürich zurückgeführt worden. Die Öffentlichkeit erfuhr davon bis heute nichts. Nun sind alle vier im Februar 2008 gestohlenen Bilder wieder zurück. Der Tag, an dem er sie wieder in seinen Händen halten konnte, «war der bisher schönste meiner Laufbahn», meint Lukas Gloor, Direktor der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, im Videointerview mit Redaktion Tamedia.

Dennoch gibt es einen Wermutstropfen: Die beiden Bilder, die vier Jahre nach ihrem Raub wieder in der Bührle-Sammlung eintrafen, sind beschädigt. Wie lange die Restauration dauert, kann Gloor nicht sagen.

Risse und Schnitte

Mehrere Risse und Schnitte weist das 65x81 Zentimeter grosse Bild «Ludovic Lapic und seine Töchter» von Edgar Degas (1834–1917) auf, das einen Wert von rund 10 Millionen Franken hat. Wie Gloor am Freitag vor den Medien sagte, hat das Bild damit einen Substanzverlust erlitten. Die Beschädigungen beträfen aber zum Glück keine zentralen Stellen.

Glimpflicher davongekommen ist der 79,5x64 Zenitmeter grosse «Der Knabe mit der roten Weste» von Paul Cézanne ((1839–1906). Das Gemälde wird auf einen Wert von 100 Millionen Franken geschätzt. Es hat in einer Ecke eine abgeschlagene Stelle abbekommen.

Nur noch lose Leinwand

Die Täter hatten beim spektakulären Kunstraub vom 10. Februar 2008 die beiden Bilder kurzerhand aus ihren Rahmen geschnitten. Gleich wie zwei weitere, die aber schon bald nach der Tat gefunden wurden. Sie sind deshalb «extrem fragil», wie Gloor sagte: «Zwei lose Stücke Leinwand».

Beim um 1888/90 gemalten Cézanne-Bild sorgt laut Gloor immerhin eine doppelte Schicht Leinwand für ein Minimum an Stabilität. Dagegen muss die einfache Leinwand des um 1871 gemalten Degas-Bildes mit äusserster Sorgfalt behandelt werden.

Die Schäden kann man laut Gloor beheben. Das braucht aber Zeit. Auf dem Degas-Bild muss die Leinwand Faden für Faden einzeln wieder zusammengefügt werden. So etwas könne man nicht unter Zeitdruck machen. Wie lange die Restaurationsarbeiten dauern, ist deshalb noch unklar.

Millonenzahlung an Räuber

Informiert über die Rückkehr der Gemälde hatten die Behörden erst, als auch das wertvollste Bild der Sammlung, Cézannes «Knabe mit der roten Weste» gefunden und sichergestellt war. Aus ermittlungstaktischen Gründen war die Öffentlichkeit bewusst nicht über die Sicherstellung des Degas-Gemäldes orientiert worden, wie Roland Wolter, Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich, heute gegenüber den Medien sagte.

Um das weltberühmte Bild wieder zu beschaffen, betrieben die Ermittler einen enormen Aufwand. Sie konstruierten ein Netz aus Scheinfirmen und bauten Schritt für Schritt das Vertrauen der Täter auf. Schliesslich zahlten die Untersuchungsbehörden eine Million Euro im Voraus, um die Täter dazu zu bringen, das Gemälde vollständig zu verkaufen, sagte Wolter.

Alle Täter in Haft

Zwei weitere gestohlene Werke, Claude Monets «Mohnfeld bei Vétheuil» und Vincent van Goghs «Blühende Kastanienzweige» waren bereits kurz nach dem Raub in einem Fahrzeug in Zürich gefunden worden.

Für die Wiederbeschaffung der Kunstwerke wurden alle Ermittlungshebel in Bewegung gesetzt: Wie die Oberstaatsanwaltschaft ausführte, waren zeitweise bis zu 30 Ermittler aus sechs Ländern im Einsatz. Ein ganzes Netz von verdeckten Ermittlern war aktiv.

Alle vier mutmasslichen Täter sitzen laut Oberstaatsanwaltschaft in Serbien in Untersuchungshaft. Das Strafverfahren wird von der serbischen nationalen Besonderen Staatsanwaltschaft für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität geführt.

Beute von 180 Millionen Franken

Die vier Bilder wurden 2008 aus der Zürcher Sammlung E. G. Bührle gestohlen. Der spektakuläre Raubüberfall vom 10. Februar 2008 wurde auch als Zürcher Jahrhundertkunstraub bezeichnet: Drei maskierte, bewaffnete Männer hatten an jenem Sonntagnachmittag das Privatmuseum überfallen. Der Überfall dauerte gerade einmal drei Minuten. Die vier gestohlenen Werke sind insgesamt 180 Millionen Franken wert.

SDA/ep/pia/jcu

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