Wer tritt in die grossen Fussstapfen?

Mit Min Li Marti und Mauro Tuena verlassen die Aushängeschilder der SP und SVP den Zürcher Gemeinderat. In einem Fall ist die Nachfolge mehr als ungewiss.

Politisieren bald im Nationalrat: Die SP-Gemeinderätin Min Li Marti und SVP-Gemeinderat Mauro Tuena.

Politisieren bald im Nationalrat: Die SP-Gemeinderätin Min Li Marti und SVP-Gemeinderat Mauro Tuena. Bild: Keystone

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Sie stehen zwar politisch auf entgegengesetzten Seiten, eines aber haben sie gemeinsam: Sie sind keine Hinterbänkler. SP-Politikerin Min Li Marti und SVP-Mann Mauro Tuena sorgten mit ihren pointierten Aussagen im Zürcher Gemeinderat für politischen Zündstoff und heisse Debatten.

Nun werden die beiden Stadtzürcher Vollblutpolitiker nach Bern ziehen: Am Sonntag hat sie das Wahlvolk in den Nationalrat gewählt. Tuena will nun sowohl auf seinen Sitz im Zürcher Gemeinderat als auch auf jenen im Kantonsrat verzichten. Min Li Marti wird ebenfalls aus dem Zürcher Gemeinderat austreten und sich auf ihr Nationalratsmandat konzentrieren, wie sie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt.

In der SVP klafft ein «Know-how-Loch»

Mit den beiden Fraktionspräsidenten verlassen zwei «alte Hasen» das Stadtzürcher Parlament. Min Li Marti vertritt die SP seit 2002 im Gemeinderat, Mauro Tuena ist sogar schon seit 1998 SVP-Ratsmitglied. Potenzielle Nachfolger müssen in grosse Fussstapfen treten – und der Aufbau möglicher Kandidaten hat noch nicht begonnen.

Es gäbe zwar einige Gemeinderäte, die in die Bresche springen könnten, sagt Roger Liebi, SVP-Gemeinderat und Präsident der Stadtzürcher SVP. Allerdings nicht kurzfristig. «Bisher hatten sie kaum die Chance, zur Geltung zu kommen, denn in der medialen Berichterstattung traten mehrheitlich Fraktionspräsident Mauro Tuena und ich in Erscheinung. Es ist also tatsächlich so, dass wir ein gewisses Know-how-Loch stopfen müssen.»

Liebi will Kontinuität in Fraktion sicherstellen

SVP-Gemeinderat Samuel Balsiger hat zwar laut Liebi «das Zeug eines meinungsmachenden und öffentlichkeitswirksamen Kandidaten», muss aber sein Wissen in den verschiedenen politischen Themenbereichen noch verbreitern. Auch Martin Götzl als aktueller Vizefraktionschef und Peter Schick würden den nötigen Hintergrund für das Amt mitbringen. Nina Fehr Düsel wäre ebenfalls infrage gekommen, wird allerdings für Hans Ueli Vogt im Kantonsrat nachrücken.

Der Wechsel von Mauro Tuena in den Nationalrat hat auch für Liebi Konsequenzen. Er wollte sich nach seiner Wahl in den Zürcher Kantonsrat aus dem Gemeinderat zurückziehen. Davon sieht er nun vorläufig ab. «Es könnte Frühling werden, bis es so weit ist. Zunächst möchte ich sicherstellen, dass die Kontinuität in unserer Fraktion gewährleistet ist.»

Tuena selbst will sich als abtretender SVP-Fraktionspräsident nicht zur Wahl seines Nachfolgers äussern und auch keine Namen nennen. Das sei Sache der Fraktion, sagt er auf Anfrage. Die Wahl des neuen Chefs müsse sauber geplant werden. «Das Thema wird wohl kaum schon an der nächsten Fraktionssitzung vom Mittwoch traktandiert sein», so Tuena.

«Ein Doppelmandat kommt nicht infrage»

Etwas speditiver läuft es in der SP. Min Li Marti will im Verlauf der kommenden Woche einen Zeitplan für die Neubesetzung des Fraktionspräsidiums festlegen. Sie macht sich keine Sorgen über ihre Nachfolge. «Wir verfügen über eine genügend grosse Personaldecke», sagt sie auf Anfrage. So könnten gemäss Marti die beiden Fraktionsvizepräsidenten Jean-Daniel Strub oder Florian Utz den Posten übernehmen. Auch Davy Graf oder Rebekka Wyler als ehemalige Fraktionsvizepräsidentin kämen ihres Erachtens infrage. Ob sie den Posten übernehmen wollen oder allenfalls auch andere SP-Gemeinderäte wie Simone Brander oder Alan David Sangines Interesse haben, kann sie aber noch nicht sagen.

Sicher ist lediglich, dass ein Doppelmandat für Marti nicht infrage kommt. «Das wäre allein schon deshalb nicht möglich, weil die erste Session im Nationalrat zeitgleich mit der Budgetdebatte in Zürich beginnt – und da verträgt es absolut keine Absenzen im Gemeinderat.» Ende November will sie spätestens aus dem Gemeinderat austreten. Marcel Tobler aus dem Kreis 4, der ihren SP-Sitz erben wird, sei bereit für den Eintritt in den Gemeinderat, versichert Marti.

Erstellt: 19.10.2015, 16:11 Uhr

Mit «Mausileini» nach Bern

Min Li Martis Parteikollegin und wiedergewählte SP-Nationalrätin Jacqueline Badran freut sich auf die Neo-Nationalräte aus Zürich. Ganz besonders auf «Mausileini», wie sie Mauro Tuena am Sonntag in einem Tweet genannt hatte. Dass ihn zarte Bande mit der SP-Frau verbinden, weist Tuena jedoch von sich. «Jacqueline Badran hat mir in einer Gemeinderatssitzung mal aus Versehen Mausi statt Mauro gesagt», erklärt er. «Das hat natürlich für schallendes Gelächter gesorgt – und seither sagt sie Mausileini zu mir.»

Man kenne sich eben nach all den gemeinsamen Jahren im Stadtparlament, so Tuena. Das gelte auch für Min Li Marti und Balthasar Glättli, den er nun schon seit 22 Jahren kenne. Trotzdem würde er nicht von einer Zürcher Clique sprechen. Schliesslich müssten sie alle einen politischen Auftrag erfüllen und hätten entsprechend keine persönlichen Pakte geschlossen. Im Gegenteil. «Min Li Marti und ich haben unsere politischen Differenzen im Rat immer knallhart ausgetragen, selbst wenn wir uns persönlich gut verstehen.» Auch in Bern werde man sich nicht aus den Augen verlieren, «und vielleicht werden wir ab und zu auf der Heimreise nach Zürich im Speisewagen noch was zusammen trinken».

Min Li Marti wird künftig aber nicht nur mit Mauro Tuena nach Bern reisen, sondern auch mit ihrem Ehemann, dem Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli, der am Sonntag die Wiederwahl geschafft hat. Dass sie nun gemeinsam in Bern politisieren werden, ist für die beiden nichts Neues: Marti und Glättli waren bereits zusammen im Zürcher Gemeinderat. «Es hat sogar gewisse Vorteile», sagt Marti, «nun können wir beispielsweise zusammen in Bern übernachten, wenn die Nationalratssitzung am nächsten Tag besonders früh beginnt.» (tif)

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