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Nur Leiden in der gelben Wolke? Da sind auch Profiteure

Ein Blütenstaubschleier liegt über Zürich – seit Wochen. Für Allergiker ein Albtraum, andere machen gute Geschäfte.

Herbert Suter grinst vergnügt. Für ihn sind dies die besten Tage im Jahr. Seit zwei Wochen stehen sie Schlange vor seiner Waschanlage in Zürich-Tiefenbrunnen. Audi, Porsche, BMW in der Farbe dieses Frühlings: Blütenstaubgelb. 10 bis 20 Wagen sind es, die dort von morgens früh bis abends spät vom lästigen Pollenstaub reingewaschen werden. Bis zu 20 Minuten müssen die Kunden warten. «Es ist extrem», sagt Suter.

Ein glatzköpfiger Mann entlässt gerade seinen eigentlich schwarzen Porsche Macan in die Waschstrasse. «Man könnte im Grunde genommen jeden Tag kommen», sagt er. In dieser Saison ist er allerdings zum ersten Mal hier, und das auch nur, weil er den Porsche verkaufen will und die Lackierung des Wagens zumindest auf Fotos zu sehen sein soll. Mit seinem anderen Auto, ebenfalls einem Porsche, habe er keine Blütenstaubprobleme, scherzt der Mann. Sein 911er ist kanariengelb.

Es sind vor allem Fichtenpollen, die sich derzeit breitmachen und hartnäckig kleben bleiben.

Während Suter in der Waschstrasse die Fahrzeuge reinigt, kontrolliert seine Chefin Janine Meyerstein per Webcam das Kundenaufkommen in den verschiedenen Autop-Filialen. Überall das gleiche Bild: Die Autos stehen Schlange, am Tiefenbrunnen genauso wie bei der Stützliwösch in Schlieren und der Filiale am Hauptbahnhof. Im Winter, wenn Salz gestreut werde, und jetzt in der Pollensaison sei jeweils besonders viel los, sagt Meyerstein. «Doch so wie in diesem Frühling war es schon lange nicht mehr. Es ist Hochsaison hoch drei!»

Überstunden mit Putzlappen

Ebenfalls am Tiefenbrunnen, 100 Meter weiter seewärts, hat Mathias Ganz weniger Freude am Pollenstaub. Dem Geschäftsführer der gleichnamigen Werft ist eher zum Fluchen zumute. Bei vielen der eingelagerten Boote hat er nun schon zum dritten Mal den Frühlingsputz gemacht: «Die Flächen, das Deck, der meist dunkel lackierte Rumpf – alles zieht den Blütenstaub förmlich an.» Auf den Stoffverdecken klebt er, in den Nähten und Ritzen der Polster setzt er sich fest. Ganz’ ständige Begleiter sind Mikrofaserlappen und heisses Wasser. Denn jedes Boot muss auf Abruf innerhalb einer Stunde einsatzbereit sein – selbstverständlich blütenstaubfrei. Ein Service, der Ganz ein Drittel seines Umsatzes beschert und der beim anhaltend schönen Wetter besonders oft in Anspruch genommen wird.

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Das Horrorvideo für Blütenstaub-Allergiker

Es sieht aus, als ob der Wald brennt: Leser-Reporter haben in mehreren Kantonen gefilmt, wie der Wind Unmengen von Pollen durch die Luft wirbelt.

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Alle Hände voll zu tun haben in diesen Tagen auch die Mitarbeiter des Zürcher Reinigungsunternehmens Astra Services. «Wir haben mehr Anfragen für Fensterreinigungen als üblich und benötigen bei all dem Blütenstaub mehr Zeit für die gründliche Unterhaltsreinigung», sagt Geschäftsführerin Iris Güller Taliz. Die Pollenbeseitigung beschäftigt das Team zwar jedes Frühjahr. In dieser Saison ist aber auch die Geschäftsführerin von der schieren Menge und dem frühen Start des Pollenschubs überrascht.

Tückisch werde es insbesondere dann, wenn der gelbe Staub durch geöffnete Fenster ins Hausinnere gelange und sich auf sensible Geräte, Geschirr und Möbel lege. Reinigungsarbeiten seien dann anspruchsvoller, aufwendiger und entsprechend kostspieliger, sagt Taliz. «Ich rate deshalb dazu, die Fenster möglichst geschlossen zu halten. Mehr kann man nicht dagegen machen.»

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Immerhin verursacht die gelbe Färbung auf Zeit keine Schäden an den Einrichtungen. Auch Fassaden muss man gemäss Angaben des Hauseigentümerverbandes nicht speziell behandeln oder reinigen. Ein zünftiger Regenguss genüge, damit sie wieder sauber seien.

Es sind vor allem Fichtenpollen, die sich derzeit breitmachen und hartnäckig kleben bleiben. Die Samen der Nadelhölzer bringen Allergiker kaum zum Niesen, wohl aber diejenigen der Birken, die ebenso wie die Fichten in diesem Jahr ein sogenanntes Mastjahr haben, also besonders viele Pollen produzieren. «Weil es aussergewöhnlich lange sonnig und trocken war, hatten die Birken sogar noch mehr Zeit, um Pollen freizusetzen», sagt Bettina Ravazzolo, Expertin beim Allergiezentrum Schweiz Aha.

Erst am Donnerstag ist Schluss

Jede zehnte Person in der Schweiz reagiert allergisch auf Birkenpollen. In der Stadt kann die Kombination von Pollen und Abgasen eine allergische Reaktion sogar noch verstärken. Kein Wunder also, mussten die Aha-Mitarbeiter in diesem Frühjahr besonders viele Beratungen durchführen. Bis Anfang September können die feinen Blütenpartikel noch durch die Lüfte fliegen. Einen Unterschied zwischen Stadt und Land gibt es laut Ravazzolo punkto Pollenbelastung nicht. Entscheidend sei einzig das Wetter. «Je öfter es regnet, desto kleiner ist die Belastung. Es muss aber eine halbe Stunde lang stark regnen, damit die Luft von Pollen befreit wird.»

Übermorgen Donnerstag dürfte es so weit sein. Dann erwartet Nicola Möckli, Meteorologe von Meteonews, für die Region Zürich eine Kaltfront samt Regengüssen, die alles wegwaschen werden. Zwar machen sich die Eisheiligen ab dann in Zürich mit Temperaturwerten breit, die laut Möckli nur knapp im zweistelligen Bereich liegen werden. «Dafür brechen mit dem Kälteeinbruch zumindest für Allergiker ruhigere Tage mit Pollenpause an.»

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