Wie diese Gemeinde wählt, so wählt auch der Kanton

Richterswil tickt bei Wahlen ziemlich genau gleich wie der Kanton Zürich. Der Statistiker Peter Moser sucht mit uns vor Ort nach Gründen, weshalb das so ist.

In Richterswil liegen Neu und Alt, Urban und Ländlich nahe beieinander. «Schön eingemittet», sagt Peter Moser, Chefanalytiker des Statistischen Amtes.  Fotos: Doris Fanconi

In Richterswil liegen Neu und Alt, Urban und Ländlich nahe beieinander. «Schön eingemittet», sagt Peter Moser, Chefanalytiker des Statistischen Amtes. Fotos: Doris Fanconi

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Eigentlich könnten wir uns das Wählen in zehn Tagen sparen. Lediglich die Stimmberechtigten von Richterswil müssten sich zur Urne begeben, und ganz Zürich hätte gewählt. Denn der Chefanalytiker des kantonalen Statistik-amts, Peter Moser, zeigt auf: Das Resultat der letzten Nationalratswahlen war in Richterswil nahezu deckungsgleich mit demjenigen im Kanton. Und das ist keine Momentaufnahme, sondern seit Jahrzehnten so.

Wir treffen Peter Moser am Bahnhof, um Klein Zürich zu erkunden. Sieht man es der Seegemeinde an, dass sie ein Konzentrat des Kantons Zürich ist, was die Wählerschaft betrifft? Der erste Eindruck ist zwiespältig: Das Bahnhofsgebäude und die anschliessende Häuserzeile erinnern entfernt daran, dass in Richterswil einst Goethe und Lavater weilten. Doch das Bahnhofsgebäude ist umgenutzt, der Gasthof Drei Könige eine Pizzeria.

Ein Hundertstel Zürich

Die Richterswiler haben eine offensichtliche Vorliebe für akkurat geschnittene Buchsbäumchen, alte Bausubstanz trifft unvermittelt auf neue, im Villenquartier am Hang machen wir einzelne Bauernhäuser aus, denen der Umschwung abhandengekommen ist. Wo ist hier das Zentrum? Peter Moser registriert all das interessiert. Doch erst als wir an dem Gartentisch eines (geschlossenen) Cafés Platz nehmen und er eine Grafik aus ­seiner Mappe zieht, beginnt er das Bild, das sich ihm zeigte, zu kommentieren. «Richterswil ist in vieler Hinsicht sehr durchschnittlich», sagt er. Absolut ohne wertenden Unterton. Mittelständische Einfamilienhäuser und Arbeiterquartiere, einige Villen von Reichen und auch noch einige Bauernhäuser. «Und der Ort ist genug gross, um durchschnittlich zu sein.»

Richterswil ist von der Bevölkerungszahl her mit seinen rund 13'000 Einwohnern ziemlich genau ein Hundertstel Kanton Zürich. Und es ist weder Stadt noch Land. Peter Moser spricht von zwei Achsen: der Stadt-Land-Achse und der Status-Achse. Wobei sich jeweils zeige, dass die Zusammensetzung der Bevölkerung, also die soziodemografische Komponente, den grösseren Einfluss habe. Und auch hier sei Richterswil richtig schön eingemittet: zwischen Goldküste und Schlieren oder Dietikon.

Die SVP – ursprünglich eine Bauern- und Gewerblerpartei – konnte, so erklärt Moser, ihr Wählerpotenzial durch die Arbeiter stark ausbauen, die im Laufe der Zeit der SP untreu wurden. Und die SP punktete dafür beim modernen Bürgertum, das aus der Stadt in die Gemeinden des Agglomerationsgürtels zog. Dass die Linke in Richterswil leicht unter dem kantonalen Niveau liegt, erklärt Moser mit der relativ starken Präsenz der CVP, die eine Stammwählerschaft bei den katholischen Arbeiter­familien hatte.

Die CVP ist in dieser Region seit je vergleichsweise stark, da sich dort einst industrielle Betriebe angesiedelt hatten, welche eine Sogwirkung auf katholische Einwanderer aus der Innerschweiz oder Italien ausübten. «Solche Wähler sind in der Regel treu, da die Partei zu ihrem Selbstverständnis gehört.»

Der virtuelle Dorfplatz

Wenn Moser Kurven, Diagramme und Zahlenreihen vor sich hat, gerät der ansonsten eher Introvertierte fast schon ins Plaudern. Moser ist nämlich mitnichten ein Nerd, der mit Zahlen allein die Welt erklären will. Er sagt: «Früher konnte man auf den Dorfplatz stehen, und man wusste nach kurzer Zeit, was Sache ist.» Die moderne Gesellschaft sei sehr viel schwieriger zu erfassen. Und so stellt er sich gewissermassen mit statistischen Werten einen virtuellen Dorfplatz zusammen.

«Am Schluss ist es eine Geschichte, die erzählt wird», sagt er. Ihn zeichnet aus, dass er diese Geschichten tatsächlich auch erzählen kann. Moser ist ein Zahlenforscher, der sich auch mit den Wörtern auskennt. Er hat ein Germanistikstudium abgeschlossen, als Politologe promoviert und bezeichnet sich selbst «am ehesten als Soziologen». Seit 2007 leitet er die Analyseabteilung des Statistischen Amts des Kantons Zürich, und seine Hochrechnungen vor den Wahlen sind selbst in Fachkreisen wegen ihrer Treffsicherheit legendär. Darauf angesprochen, sagt er: «Wir haben das Privileg, dass wir uns die Zeit nehmen können, uns in statistische Fragen zu vertiefen.» Dabei lautet einer seiner Leitsätze: «Ergibt eine Statistik völlig Überraschendes, stimmt sie meistens nicht.» Wenn ein Resultat absolut nicht plausibel sei, müsse man das vorhandene Zahlenmaterial nochmals kritisch begutachten.

Doch wozu braucht es Statistiken, wenn sie nur die Intuition bestätigen? Moser muss nicht lange überlegen: «Die Intuition ist heute meist – ohne dass wir es merken – auch statistikbasiert, und manchmal gibt es eben doch Überraschungen.» Gab es für ihn bei den diesjährigen Kantonsratswahlen solche Überraschungen? «Das Abschneiden der FDP war in dem Ausmass ausserordentlich.» Und was erwartet er von den Nationalratswahlen in zehn Tagen? «Grosse Veränderungen wird es kaum geben», vermutet er.

Wo Richterswil Zürich schlägt

Nun haben wir den Ortskern von Richterswil gefunden. Schöne Fachwerkhäuser gibt es da. Aber auch unauffällige Mehrfamiliengebäude. Einen plätschernden Dorfbrunnen, einen Take-away, eine Metzgerei – «heute frisch Kalbsleber», steht auf der Schiefertafel. Was ist hier fremd? Der Buddhakopf vor dem Coiffeurgeschäft oder das imposante Haus zum Bären daneben, in dem das Ortsmuseum beheimatet ist? Welche der hier geborenen Persönlichkeiten passt besser hierher? FCZ-Präsident Ancillo Canepa oder Armeechef André Blattmann? Wirklich alles schön eingemittet.

Nur einmal im Jahr zeigt Richterswil ein ganz anderes Gesicht als alle andern Gemeinden im Kanton: Am zweiten Samstag im November wird dort Räbechilbi gefeiert. Dann stellt Klein Zürich den ganzen Kanton in den Schatten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2015, 21:11 Uhr

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«Die Intuition basiert heute meist – ohne dass wir es merken – auch auf Statistiken», sagt Peter Moser vom Statistischen Amt ZH.

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