Wie Schlieren Jugendliche aus der Sozialhilfe holt

Der Anstieg der Sozialhilfefälle flacht landesweit ab. Einer Zürcher Gemeinde erlebt gar eine Trendwende – die Gründe.

Die Entwicklung der Sozialhilfe ist 2017 moderat verlaufen. Video: Tamedia/SDA

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Es hört sich etwas verklausuliert an, was die Städteinitiative Sozialpolitik in Bern gestern vor den Medien erzählte: Die Anzahl der Sozialhilfefälle hat in den 14 Städten, die sie untersucht, mit durchschnittlich 1,6 Prozent deutlich weniger stark zugenommen als in den Vorjahren. Heisst: Es gibt zwar mehr Fälle, aber der Anstieg flacht ab.

In fünf Städten hat die Fallzahl sogar abgenommen: in Basel, Bern, Biel, Chur – und in Schlieren. Die Stadt im Limmattal fällt in dieser Reihe aus mehreren Gründen auf. Sie ist mit ihren knapp 19000 Einwohnerinnen und Einwohnern die kleinste der Gemeinden, die an der Studie teilnehmen. Und sie weist eine der grössten Sozialhilfequoten auf.

Entspannung dank S-Bahn

Die Sozialhilfequote errechnet sich aus dem Verhältnis zwischen der Anzahl Sozialhilfe­bezüger und der Gesamtbevölkerung. Landesweit beträgt sie 3,3 Prozent. In Schlieren ist sie letztes Jahr von 5,0 auf 4,7 Prozent gefallen. In der Stadt Zürich ist sie mit 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr ganz leicht angestiegen, in Winterthur liegt sie bei 5,6 Prozent und ist in den letzten fünf Jahren um 0,7 Punkte angestiegen.

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Die drittgrösste Zürcher Gemeinde Uster weist zum zweiten Mal in Folge einen Anstieg der Sozialhilfequote aus. Allerdings liegt diese mit 1,7 Prozent weit unter dem Schnitt. Das ist auch der Grund, weshalb in Uster die Alarmglocken nicht läuten. Armin Manser, Abteilungsleiter Soziales, verweist auf die im Vergleich niedrige Anzahl Fälle, bei der eine relativ geringe Abweichung prozentual schon zum Tragen kommt. Zudem habe sich in den letzten Monaten abgezeichnet, dass weniger Menschen Sozialhilfe beantragen, doch gleich viele aus der Sozialhilfe entlassen werden können.

Weshalb aber steht Uster etwa im Vergleich zu Schlieren so gut da? «Wichtigste Faktoren sind wohl die Bevölkerungszusammensetzung, gekoppelt mit der Siedlungsstruktur», sagt Manser. «In den 1990er-Jahren, als in Uster noch die Textilindustrie mit Niedriglohn-Arbeitsplätzen ansässig war, lag die Quote bestimmt um einiges höher.» Nur habe man diese damals noch nicht erfasst. Doch dann kam die S-Bahn nach Uster, und die Stadt Zürich rückte gewissermassen näher. Dadurch seien viele Familien mit relativ gutem Einkommen nach Uster gezogen. Dazu komme der derzeit sehr gute Arbeitsmarkt im Grossraum Zürich, der auch Sozialhilfebezügern den Antritt von Arbeitsstellen ermöglicht.

Auch Claude Chatelain, Leiter Soziales in Schlieren, verweist auf die Bevölkerungsstruktur und die gute Wirtschaftslage als die zwei Faktoren, welche die Sozialhilfequote stark beeinflussen. In den letzten Jahren sind, wie vor einiger Zeit in Uster, viele junge Familien nach Schlieren gezogen, und die Gemeinde hat einen vergleichsweise grossen Arbeitsmarkt. Im Unterschied etwa zu Winterthur, wo der lokale Arbeitsmarkt nach dem Verschwinden der grossen Industrien relativ gesehen klein ist. Wer arbeitslos ist, hat ein grosses ­Risiko, von Sozialhilfe abhängig zu werden.

Jeder Franken lohnt sich

Umgekehrt ist die Arbeitslosenquote in keiner der untersuchten Städte so stark zurückgegangen wie in Schlieren und Biel. Beide verzeichnen auch den grössten Rückgang bei der Sozialhilfequote. Doch richtet es der Arbeitsmarkt nicht allein. Chatelain sagt: «Wir waren in den letzten Jahren grosszügig mit Ausbildungsbeiträgen.» Das erklärte Ziel sei, dass jeder 25-Jährige einen Abschluss hat. «Diese Integrationshilfen sind zwar im Moment teuer, aber bereits mittelfristig lohnt sich jeder so investierte Franken.»

Damit ist Chatelain genau beim Aufruf der Städteinitiative. Sie konnte nämlich erstmals die Entwicklung von Jungen in der Sozialhilfe über längere Zeit untersuchen; konkret über sieben Jahre hinweg. 76 Prozent der 23-Jährigen gelang in diesem Zeitraum die Ablösung von der Sozialhilfe. Bei Ausländerinnen und Ausländern sieht es sogar noch besser aus als bei Schweizerinnen und Schweizern.

Es droht die Gefahr, dass ein junger Mensch einen schlecht bezahlten Job annimmt, um von der Sozialhilfe wegzukommen.

Jugendlichen, welche in Armut aufwuchsen und/oder schlecht ausgebildet sind, fiel es jedoch deutlich schwerer, von der Sozialhilfe wegzukommen. Deshalb plädiert die Städteinitiative Sozialhilfe für existenzsichernde Stipendien für junge Menschen in Ausbildung.

Es zeige sich, dass solche Beiträge bei jungen Erwachsenen die Motivation fördern, eine Ausbildung abzuschliessen. Wo das Geld jedoch nicht reicht und die Sozialhilfe einspringen muss, erhöht sich die Gefahr, dass ein junger Mensch einen schlecht bezahlten Job annimmt, um möglichst schnell von der Sozialhilfe wegzukommen.

Der Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe wurde von der Berner Fachhochschule und der Städteinitiative Sozialpolitik erarbeitet. In den 14 untersuchten Städten lebt ein Viertel aller Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger der Schweiz. Die Studie ermöglicht deshalb grundsätzliche Erkenntnisse zur Sozialpolitik.

Erstellt: 24.10.2018, 11:50 Uhr

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