Wie sich das Unbewusste steuern lässt

Wer glaubt, er könne logisch denken und handeln, täuscht sich. Das Unbewusste ist mächtiger, sagt der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke.

«Es ist schwierig, aber möglich»: Der renommierte Hirnforscher Lutz Jäncke weiss, wie man sich das Unbewusste bewusst macht. (Video: Lea Blum)

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700 Franken für einen Schreibstift? Der renommierte Hirnforscher Lutz Jäncke sitzt an seinem Schreibtisch an der Universität Zürich und nimmt seinen Schreibstift aus der dafür vorgesehenen Halterung. Er ist ein Schreibstift-Fan. Er findet sie schön. «Von der Funktion her gibt es solche für zwei Franken, die sicherlich die gleiche Leistung erbringen und technisch gesehen nicht schlechter sind.»

Seine Bereitschaft, diesen grossen Preisunterschied zu zahlen, komme aber durch «unbewusst wirksam gewordene Prozesse» zustande. Durch die ganze Ästhetik, die er damit verbindet. «Warum Menschen solche Entscheidungen treffen, ist ein höchst kompliziertes Phänomen», sagt er. «Weit über 90 Prozent unserer Hirnenergie konzentriert sich auf unbewusste Prozesse.»

«Stricken ohne Wolle geht nicht»

Wer also denkt, er könne logisch denken und handeln, täuscht sich. Das Unbewusste hat eine ungeheure Macht. Jäncke ist überzeugt, dass alle unsere Präferenzen, die wir im Alltag etwa für Kunst, Kultur, Menschen oder Essen haben, eingebaut sind in unserem Unbewussten.

Der 61-Jährige glaubt nicht, dass sich dieses Unbewusste unterdrücken lässt. Aber es lässt sich steuern. Das sei schwierig, aber möglich. «Stricken ohne Wolle geht nicht. Das heisst, unbewusste Prozesse können sich nur entfalten aufgrund der Informationen und Erfahrungen, die schon im Gehirn drin sind.» Wir können das Unbewusste also steuern, in dem wir uns gezielt Informationen zuführen. «Wir sind sogar dafür verantwortlich, indem wir uns bilden und offen sind für neue Informationen», sagt Jäncke.

Wie man sich vernünftig benimmt

Sein zweiter Rat zur Kontrolle des Unbewusstseins betrifft unser Verhalten. Es gibt dabei zwei Arten von Mechanismen: Der Bottom-up-Mechanismus, bei dem sich Impulse von unten nach oben entfalten. Sie sind getrieben von Emotionen und uralten Verhaltenstrieben, von Instinkten wie Hunger oder emotionalen Impulsen in der Sexualität. Diese Bottom-up-Mechanismen werden gegenkontrolliert von Top-down-Mechanismen. Das sind gelernte Informationen, zum Beispiel Regeln im kulturellen Umfeld, wie man sich vernünftig benimmt.

Das Unbewusste entfaltet sich über die Bottom-up-Mechanismen, zum Beispiel bei emotionalen Impulsen. «Wir alle haben in uns den emotionalen Impuls der Fremd-Eigen-Unterscheidung», erklärt Jäncke. Der Fremde sei immer ein Problem in uns, verbunden mit Ängsten oder Sorgen. «Genau solche aufsteigenden Impulse kann man erkennen und hemmen», sagt Jäncke. «Um das Unbewusste zu steuern, müssen Sie sich dagegen durchsetzen.» Was das erfordert? Selbstdisziplin.

Gefährliche und ungefährliche Impulse

Etwa bei einer Spinnenphobie? Sie ist massiv verbreitet. Eine Angst, die nicht unbedingt logisch, aber biologisch in uns verankert ist. Jäncke erklärt: «Der Mensch ist vorbereitet auf Reize, die mit potenziellen Gefahren verbunden sind. Da gehören Spinnen dazu oder offene Münder wie bei Löwen. Diese Impulse sind teilweise überlebenswichtig.» Bei Spinnen ist die Angst – zumindest in diesen Breitengraden – nicht nötig und man kann sie durch kognitive Verhaltenstherapie loswerden.

Ähnliches geschieht gemäss Jäncke bei Depressionen. Er vereinfacht: «Bei vielen Depressionen haben die Menschen eine Fehlinterpretation ihres Lebens und ihrer Umwelt erworben. Sie leben in einer gedanklichen Welt, wo alles negativ ist – insbesondere ihr Leben.» Auch da kann man andere Denkprozesse erwerben und lernen, wieder die schönen Seiten des Lebens zu sehen.

Man sollte demnach emotionale Impulse erkennen und unterscheiden, welche gefährlich sind und welche nicht. Man sollte die Sachlichkeit laut Jäncke aber nicht zu sehr walten lassen. Manche Impulse sorgen schliesslich für Glücksgefühle. Wir sehen etwas Schönes und wollen es haben. «Wieso soll ich mich beim Kauf eines schönen Schreibstifts diesem Glücksgefühl verwehren?», fragt Jäncke. Er lächelt und steckt den Schreibstift zurück in seine Halterung.

Das unbewusste Gehirn, Vortrag von Lutz Jäncke heute Mittwochabend, 3. Oktober, an der Uni Zürich-Zentrum, Rämistr. 71, KOH-B-10, 19.30 bis 20.45 Uhr. Abendkasse ab 19 Uhr: Eintritt 30 Franken, für unter 30-Jährige 15 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2018, 11:12 Uhr

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