Wie sich Zürich schönredet

Kalkbreite und Europaallee? Finden alle super – das zumindest bekamen Münchner Stadtplaner auf einer Inspirationstour zu hören.

Dass die Europaallee als Symbol von Gentrifizierung mit Steinen beworfen wird, erzählt man den Münchner Stadträten auf Besuch nicht. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Dass die Europaallee als Symbol von Gentrifizierung mit Steinen beworfen wird, erzählt man den Münchner Stadträten auf Besuch nicht. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Die Siedlung Kalkbreite ist ein Vorzeigeprojekt. Bunte Farben, Eichenholz, ein moderner Innenhof. Im Eingangsbereich befindet sich eine kleine Pension, daneben eine Cafeteria. Auf dem Sofa davor sitzt ein Teenie-Mädchen. Die Besucher, die um sie herumstreifen, scheinen die junge Frau nicht zu stören. Sie isst Kekse und tippt auf dem Handy herum. Es ist nicht das einzige Mal, dass die Münchner Stadträte bei ihrer Exkursion in Zürich überrascht werden.

Einige Minuten zuvor hatte ihnen der Genossenschafter Fred Frohofer verkündet, dass die Modellsiedlung, in der sie sich befinden – 260 Bewohner, 200 Arbeitsplätze, Kita –, aus der Hausbesetzerszene hervorgegangen sei. «Die Stadt pflegt die Politik, Besetzer gewähren zu lassen, weil sie wissen, dass so Neues entsteht», berichtet Frohofer den Gästen aus Deutschland. Ein Murmeln. «In München», verkündet ein Besucher, werde «jedes besetzte Haus innerhalb von 24 Stunden geräumt». Ein Satz, den die Stadträte meist mit Stolz aussprechen. Doch jetzt, mit dem schicken Eichenholz der Modellsiedlung im Rücken, klingt er nicht mehr ganz so gut.

Zürcher Beton schreckt ab

Die dreitägige Exkursion nach Zürich war für viele, die sich in München mit Stadtplanung und Bauordnung beschäftigen, eine Attraktion. Mehr als 30 Delegierte wollten sich in der Schweiz Inspiration holen. Immer mehr Menschen wollen in Zürich und München leben und arbeiten, überall sieht man Kräne in den Himmel ragen. Bis 2030 rechnet Zürich mit 18 Prozent mehr Einwohnern. Die Antwort darauf? Mehr Wohnraum, den bestehenden Platz besser nutzen, verdichten – und dabei trotzdem attraktive Modelle und genügend Freiraum anbieten.

Bilder: Das Wohnprojekt Kalkbreite

Das funktioniert in Zürich zum Beispiel über umgenutzte Industrieanlagen. In Zürich sind Genossenschaften wie jene, die hinter dem Projekt Kalkbreite steht, ein Faktor für die «Durchmischung» der Stadt, mehr als 36'000 Wohnungen sind im Besitz von Genossenschaften. Deren Modellbauten gefallen den Münchnern zwar, aber sie zweifeln auch: Der in Zürich übliche Beton wirkt auf viele etwas kalt und rau. Beeindruckt sind die Besucher von einer Folie, die Anna Schindler, Direktorin der Zürcher Stadtentwicklung, auflegt. Sie zeigt: Die meisten Zürcher geben etwa 25 Prozent (oder weniger) ihres Einkommens für die Miete aus. In München liegt der Anteil bei etwa 40 Prozent. Zwar sind die Mieten nicht günstiger als in München, im Gegenteil – aber die Gehälter sind so viel höher, dass am Ende mehr übrig bleibt.

Zürich hat den Vorteil, sich den Gästen in sonnigem Licht präsentieren zu können. Vorzeigeprojekte wie die Kalkbreite, der Sechseläutenplatz oder die Europaallee werden so dargestellt, als seien alle Einwohner davon begeistert. Dass die Kalkbreite als subventioniertes Klientel-Projekt für Linke und Grüne in der Kritik steht, wird ebenso wenig erwähnt wie der Hass auf die Europaallee, die als Symbol von Kommerzialisierung und Gentrifizierung mit Steinen und Farbbeuteln beworfen wird.

Am Schluss steigt die Delegation recht zufrieden in den Zug nach München.

Was die Gäste aus München fasziniert? Die direkte Demokratie. Wie oft es vorkomme, dass Vorhaben der Stadt abgelehnt würden? Es lohne sich, Menschen früh einzubeziehen, ernst zu nehmen und Pläne der Stadtentwickler transparent zu machen. Am Schluss steigt die Delegation recht zufrieden in den Zug nach München.

Davor aber noch ein Abstecher zu einer weiteren Gemeinsamkeit: die grossen und kleinen Gewässer. Die zwei unentgeltlichen Flussbäder, die Zürich an der Limmat betreibt, haben schon viele Reporter aus München in die Schweiz gelockt. Die Aussicht auf eine Isar, wo man auf Holzliegen den Sonnenuntergang bewundern oder mitten in der Stadt hineinspringen kann, interessiert auch Stadträte und Stadtplaner. Doch für das richtige Limmat-Erlebnis ist es Mitte September schon zu kalt. «Ich hatte extra meinen Badeanzug eingepackt», ärgert sich Münchens Stadtbaurätin Elisabeth Merk.

* Charlotte Theile ist Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in der Schweiz (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 09:00 Uhr

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