«Und dann endet das immer in einer Existenzkrise!»

Zwei Maturandinnen treibt nach ihrem Abschluss die Frage um, wie sie mit der neuen Freiheit umgehen. Sie fürchten sich vor der grossen Leere.

Die Angst, den Faden zu verlieren: Emma Eicher (links) und Cécile Rey nach der bestandenen Matur.

Die Angst, den Faden zu verlieren: Emma Eicher (links) und Cécile Rey nach der bestandenen Matur. Bild: Dominique Meienberg

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Maturafeier, und auf einmal sind die sechs Jahre Gymnasium vorüber, sind die zwölf Schuljahre abgeschlossen. Die Zäsur zwischen Kindheit und Erwachsensein ist wohl selten so explizit wie in diesem Moment, die Jugend selten so verheissungsvoll: Von einem Tag auf den anderen löst sich all das auf, was einen bis anhin über Jahre bestimmte. Mit dem Diplom in der Hand stehen die Maturandinnen und Maturanden vor einem Sommer, mit dem alles Neue beginnen kann. Studieren, ein Zwischenjahr einlegen, reisen. Das erste eigene Geld verdienen, Autoprüfung machen, ausziehen. Der Anfang des Erwachsenenlebens.

Cécile Rey und Emma Eicher von der Kantonsschule Freudenberg befinden sich genau an diesem Punkt. Wochenlang haben die beiden Freundinnen für die Maturaprüfungen gelernt, Anfang Juli konnten sie das Zeugnis entgegennehmen. Jetzt sind sie frei. Und gerade ein bisschen ratlos, was das zu bedeuten hat.

Cécile und Emma, wie verbringt ihr euren Sommer – jetzt, da ihr tun und lassen könnt, was ihr wollt?

Cécile Rey: Oh mein Gott, darüber haben wir vorhin gerade geredet! Als die schriftlichen Prüfungen vorüber waren, hatten wir zwei Wochen Ferien, um uns auf die mündlichen vorzubereiten.

Emma Eicher: Schon da haben wir gemerkt, was das bedeuten könnte: null Struktur. Es wirft einen total raus.

Cécile Rey: Und jetzt hat er angefangen, unser Angstmonat Juli. Das Gymi ist fertig, wir werden einfach ins kalte Wasser geworfen. Eigentlich wollten wir verreisen, aber es ist alles gerade mega kompliziert. Da ist einfach nichts. Und wir haben panische Angst, dass da auch nichts kommen wird.

«Wir befürchten, dass wir überfordert sind, überhaupt neue Menschen kennen zu lernen.»Emma Eicher

Dieses Nichts ist doch nur auf drei Monate beschränkt. Im September geht ihr beide studieren.

Cécile: Aber genau diese Zwischenzeit macht uns Sorgen! Wie sollen wir die füllen?

Emma: Wir machen uns halt sehr viele Gedanken zur Einsamkeit. Wie zum Beispiel findet man neue Freunde? Wir befürchten, dass wir überfordert sind, überhaupt neue Menschen kennen zu lernen.

Cécile: In Zürich ist jeder so verschlossen. Es ist schwierig, hier Bekanntschaften zu machen. Dann bleibt man zu Hause und ist mega einsam.

Habt ihr euch Strategien überlegt, wie ihr euch gegen diese Einsamkeit wehren könnt?

Emma: Es braucht ja mehr als nur Strategien, es ist ja grösser: Man kommt allein auf die Welt, und man stirbt allein. Die Einsamkeit gibt es auf das ganze Leben bezogen: Man muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche mit sich allein auskommen. Das löst die Frage aus: Wer sind wir denn überhaupt?

Dann wäre es gut, wenn man immerhin sich selbst gerne hat.

Cécile: Ja, voll. Das war für uns beide eigentlich nie ein Problem, an einem Abend mal allein daheim zu bleiben und einen Film zu schauen. Aber die Frage ist ja, ob man freiwillig allein ist oder ob man durch die Umstände dazu gezwungen wird.

«Wir machen uns die ganze Zeit irgendwelche Gedanken, die sich wie eine Spirale drehen.»Cécile Rey

Habt ihr auch Angst vor der Uni? Dort ist alles noch viel grösser als an einem Gymnasium.

Emma: Nein, darauf freuen wir uns sehr! Wir haben wirklich lange darauf gewartet, dass die Gymi-Zeit endet.

Cécile: Auch wenn Emma Medizin studieren wird und ich Germanistik, wissen wir, dass wir aufeinander zurückgreifen können. Es kommt jetzt so ein grosser Wechsel auf uns zu, da sind wir froh, einander zu haben. Dass jemand da ist, dem wir all das Neue erzählen können.

Emma: Die Zeit bis zum Studium ist mit einer grossen Leere verbunden, die Zeit danach aber mit grosser Hoffnung. Wir werden tolle neue Dinge erleben. Und wir hoffen fest, dass wir an der Uni Leute treffen, die authentischer sind.

Was meinst du damit?

Emma: Einfach Leute, die nicht so oberflächlich sind, die ganze Zeit ihr Instagram-Profil checken und Wert darauf legen, wie sie von den anderen wahrgenommen werden. Solche hatten wir einige in unserer Klasse.

Cécile: Es gab auch ständig diese Grüppchen, im ganzen Jahrgang. Da waren die Coolen, die die Norm vorgegeben haben, und alle anderen waren die Uncoolen.

Emma: An der Uni wird es einfacher sein, solchen Grüppchen aus dem Weg zu gehen, weil wir mehr Leute sind und die Klassenstruktur wegfällt.

Geht ihr deshalb direkt studieren: Weil ihr auf Gleichgesinnte hofft?

Cécile: Auch, ja. Und um irgendeine Struktur zu haben. Ein Zwischenjahr wäre nichts für uns.

Emma: Wir würden verelenden!

Cécile: Voll. Wir kennen das schon: Wir machen uns die ganze Zeit irgendwelche Gedanken, die sich wie eine Spirale drehen, und dann endet das immer in einer Existenzkrise!

Emma: Ja, mega schlimm. Wir können es gar nicht so genau benennen, was es ist. Es ist einfach die Angst, den Faden zu verlieren.

Die Uni ist also nur ein Ersatz?

Emma: Nein. Wir sind beide sehr interessiert und lernen gerne. Es geht darum, Neues zu entdecken, und das können wir an der Uni. Die Studienrichtung haben wir ja nach unserem Interesse gewählt.

Cécile: Die meisten Maturanden machen ein Zwischenjahr oder bereisen die Welt. Aber ich fühle mich noch nicht reif dafür. Jetzt wäre es für mich eher ein Zwang, etwas Tolles zu erleben und die Leere zu füllen.

Emma: Wir wollen zuerst schöne Erfahrungen in Zürich machen und unsere Heimat auf eine andere Art kennen lernen. Vielleicht gehen wir dann nach dem Bachelor weg – wenn wir hier ein gutes Netz haben, mit vollem Herzen verreisen können und gerne wieder heimkommen.

Ihr seid aber schon auch stolz, jetzt die Matura in der Tasche zu haben?

Emma: Absolut! Theoretisch können wir jetzt drei Monate lang machen, was wir wollen. Weil die Freiheit so unbegrenzt ist, müssen wir uns einfach etwas zusammenreissen und schauen, dass wir sie auch voll auskosten.

Cécile: Das Gymi hat uns mega viel Energie genommen. Wir gehen aber voller Hoffnung in die Welt hinaus!

Emma: Wir haben uns immer gesagt: Nach dem Gymi wird alles besser.

Erstellt: 18.07.2017, 11:45 Uhr

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